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Mode : Martin Margiela verlässt seine Marke

Mode aus dem Haus Martin Margiela: Der Designer selbst lässt sich nie fotografieren Bild: AFP

Die Szene war sich längst sicher, jetzt ist es offiziell: Modemacher Martin Margiela ist aus dem von ihm gegründeten Haus ausgestiegen. Nur wenige Tage zuvor hatte Boss mitgeteilt, dass Übertalent Bruno Pieters die Linie Hugo verlässt.

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          Eigentlich lief es gut für ihn in letzter Zeit. Im Jahr 2002 übernahm Diesel-Chef Renzo Rosso die Kontrolle über die Marke des Modemachers Martin Margiela, die daraufhin wuchs und wuchs. Im vergangenen Jahr feierte der Avantgarde-Designer mit einer Prêt-à-porter-Schau, einer Ausstellung und der Münchner Ladeneröffnung sein zwanzigjähriges Jubiläum. Gerade besang Jay-Z in „Run This Town“ seine Modevorliebe mit der Zeile „I'm in Maison, uh, Martin Margiela“. Und die Bedeutung des belgischen Designers für die Kunst- und Modeszene machte der Fotograf Juergen Teller deutlich, der zur Eröffnung seiner Ausstellung in Nürnberg diese Woche von Kopf bis Fuß in Margiela gekleidet war.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Vielleicht war es zu gut gelaufen: Der geschäftliche Erfolg war wohl der Anfang vom Ende. In dieser Woche verkündete das Modehaus offiziell die in der Szene längst kursierende Gewissheit, dass der Modemacher aus dem von ihm gegründeten Haus ausgestiegen ist. Das Team von 25 Leuten wird weiter an der Linie arbeiten, die Expansionsstrategie wird fortgeführt, und sicherlich werden viele lukrative Lizenzen für Home- und Interior-Kollektionen vergeben - im Februar kommt das mit L'Oréal entwickelte Parfum heraus. Aber auf dem Höhepunkt der Marken-Sichtbarkeit macht sich der Gründer, dessen Gesicht ohnehin seit Jahrzehnten ein Geheimnis war, nun ganz unsichtbar.

          Von der Haute Couture zum Allesanbieter

          Die Nachricht ist keine Fußnote der Modegeschichte. Kein Designer - außer Rei Kawakubo - hat so lange und so extrem die Mode mit Konzeptkunst geprägt und begeistert, kaum einer wurde so oft kopiert. Die Meldung der Woche gewährt aber auch einen Blick ins Post-Krisen-Modesystem. Nur wenige Tage zuvor hatte Boss mitgeteilt, dass das ebenfalls aus Belgien stammende Übertalent Bruno Pieters die Linie Hugo verlässt. Und es könnte durchaus sein, dass in der nächsten Zeit noch mehr internationale Marken ihre Avantgarde-Designer entlassen, weil sie ihnen nicht mehr ins Konzept passen. Oder dass sie von den Designern verlassen werden, weil es mehr geben muss im allzu vergänglichen Modeleben, als nur die Kollektionspläne der am häufigsten verkauften Artikel mit neuen Farben zu versehen oder all die Wässerchen und Cremes mit Sinn zu erfüllen, die allein zur Geldvermehrung erdacht wurden.

          Die Begeisterung über die Dauer-Allianzen zwischen Avantgarde und Kommerz (Viktor & Rolf ebenfalls bei Diesel, Hussein Chalayan bei Puma) wird nun verfliegen. Dabei waren sie ohnehin alle gewarnt durch Helmut Lang, Wolfgang Joop und Jil Sander, die von großen Konzernen aus ihren Marken gedrängt wurden. Joop und Sander haben daraus gelernt und bauen nun auf Teilzeit-Kooperationen (Lang macht in Kunst). Joop finanziert mit dem Design von Kompressionsstrümpfen und Jagdmode seine defizitäre Marke Wunderkind. Jil Sander arbeitet für den japanischen Billiganbieter Uniqlo, die zweite Kollektion kommt bald in die Läden. Und auch die Schuhmarke Jimmy Choo und die angegraute französische Modeschöpferin Sonia Rykiel schätzen es, über die aktuelle Zusammenarbeit mit H&M viel Geld zu verdienen und besser bei jungen Zielgruppen anzukommen.

          Renzo Rossos Modell wird modisch keinen Gewinn mehr abwerfen - auch die von ihm eingekauften Viktor & Rolf verlieren an „design credibility“. Daher werden sich Modemacher in Zukunft vor allem durch temporäre und vielfältige Kurzprojekte ernähren müssen - als wären sie selbst originelle „pop up stores“. Michael Michalsky, der von Sony Deutschland bis zu Dongxiang-Sportswear in Peking viele Konzerne mit Ideen versorgt, macht es vor. Und sogar der frisch in die Pleite gerutschte Christian Lacroix berappelt sich mit Fremdaufträgen. Die Beschäftigten der französischen Staatsbahn, so teilte die SNCF am Donnerstag mit, bekommen im Januar Uniformen von dem Modeschöpfer: kohlendioxidneutral und zu großen Teilen aus fairem Handel. Scheint ein fairer Handel zu sein. Denn von der Haute Couture führt der Weg heute zwangsläufig zum Allesanbieter.

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