https://www.faz.net/-hs1-49w3

Mode : Former und Verführer

Heinz Oestergaard 1975 mit nur scheinbar teurer Mode: Mänteln aus Kunstpelz Bild: AP

Er demokratisierte die Mode: Zum Tode des Designers Heinz Oestergaard.

          3 Min.

          Als Heinz Oestergaard 1946 aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Berlin zurückkehrte, war niemandem nach Glamour zumute. Die Stadt lag am Boden, und die Trümmerfrauen trugen beim Steineschleppen Kleiderschürzen, geflickte Strümpfe, geknotete Tücher auf dem Kopf und die grauen Wollmäntel ihrer Männer. Sein erster Gedanke war: "Ich will für diese Frauen Mode machen - etwas Schönes." Er versetzte einen Flügel und eine goldene Uhr, mietete sich eine Wohnung, stellte Näherinnen ein und eröffnete einen Modesalon, den die Kundinnen erst erreichten, wenn sie den Kohlenkeller am Eingang passiert hatten. Der Beginn einer großen Karriere als wichtigster deutscher Couturier der Nachkriegszeit hatte etwas Unbekümmertes. "Der Berliner hat keene Bange nich", sangen damals die Kabarettisten der "Stachelschweine", und Heinz Oestergaard war, wenn es danach ging, ein Parade-Berliner.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          1916 geboren, wuchs er in einer deutsch-dänischen Verlegerfamilie auf. Schon als Kind interessierte er sich für die Garderobe seiner Mutter, bildete schnell seinen eigenen Geschmack und fällte Urteile: "Mutti, was du heute anhast, sieht scheußlich aus." Sein Vater hätte gerne gesehen, wenn der Sohn den Verlag übernommen hätte, aber der Sohn wollte etwas anderes machen: Mode. "Und die Mode will dich", prophezeite ihm eine Wahrsagerin 1937, da war er 19 Jahre alt. Er machte eine Lehre als Textilkaufmann, studierte Kunst und besuchte die Hirsch'sche Zuschneidekakademie. Zwei Jahre arbeitete er im Salon "Erich Vogel", bevor er 1940 eingezogen wurde.

          Seine ersten Kundinnen nach dem Krieg waren vor allem Prostituierte, "denn sie allein hatten Gelegenheit und Mut, Aufsehen zu erregen - und natürliche das nötige Kleingeld", erzählte er später. Bezahlt wurde meist in Nachkriegswährung: Whisky und Zigaretten. Die nutzte Oestergaard auch, um an Stoffe zu kommen, was nicht einfach war. Während Christian Dior zur gleichen Zeit in Paris Abendkleider kreierte, die bis zu achtzig Meter Stoff verbrauchten, mußte Oestergaard alte Wehrmachtsuniformen, Gardinen und Fahnen verwerten. Als Berliner begegnete er dem Mangel mit Schnauze und gab seinen Entwürfen Namen wie "Schwarzmarkt" und "Stromsperre".

          Oestergaards Mode entsprach einer femininen Linie. Er schuf schmale Taillen und runde Schultern. Die talergroßen Punkte, mit denen er Kostüme bedruckte, heißen seither "Polkatupfen", weil sie bei jeder Bewegung fröhlich hüpften. Sein Design war elegant, aber auch luftig und heiter. "Mein Prinzip war, den Körper zu formen, aber nicht zu vergewaltigen", beschrieb er seinen Stil, "die Kleider für die neue Frau nach dem Krieg sollten verführerisch sein." Weshalb er meistens das Dekollete betonte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          In der Schusslinie: Kölner Erzbischof Woelki könnte in einem Missbrauchsfall besser im Bilde gewesen sein, als er zugibt (Archivbild).

          Missbrauch in der Kirche : Verantwortliche ohne Namen

          Hat der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki 2015 einen Missbrauchsfall vertuscht? Der Verdacht wurde nach Rom gemeldet. Doch der Vatikan ließ die selbstgesetzte Antwortfrist verstreichen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.