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Mode : Der kalkulierte Stilbruch

Raffiniert kombiniert: Netzstrümpfe zu Gummistiefeln und Bomberjacke. Eine Pariserin? Bild: FAZ/Gottfried Müller

Die neue Art, sich zu kleiden, heißt Cross-Dressing. Alles ist erlaubt: das Mixen von Farben, Mustern und Stoffen. Einfacher ist Mode deshalb aber nicht geworden.

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          Für jede Frau ist der Morgen die schwierigste Tageszeit. Modisch gesehen. In diesen Stunden wird alles entschieden. Der Auftritt im Büro, das Treffen mit der Freundin, das Mittagessen mit dem Geschäftspartner. Die Morgen-Frage erreicht einen meist vor dem Kleiderschrank, Tag für Tag, nicht unerwartet und doch unvermittelt: Was soll ich bloß anziehen? Lieber den braunen Rock mit der fliederfarbenen Bluse? Aber welche Schuhe passen dazu? Gedanklich schwenkt man kurz auf den dunkelblauen Hosenanzug über. Doch die passende Bluse ist in der Reinigung. Das graue Kostüm? Dann wohl eher den schwarzen Faltenrock mit Twinset und die flachen Ballerinas probieren. Hm? Pumps sähen besser aus, aber die sind gerade nur in Braun verfügbar.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Zusammenstellen der passenden Garderobe birgt grauenvolle Momente. Sie könnten der Vergangenheit angehören, andererseits: Vielleicht beginnt erst jetzt die Quälerei. Denn es gibt einen neuen Dresscode mit der fabelhaften Eigenschaft, daß er sich selbst außer Kraft gesetzt hat. Es ist eigentlich traumhaft: Ich kann anziehen, was ich will. Nichts muß mehr zusammenpassen. Plötzlich darf man Grün mit Blau kombinieren, kann Streifen zu Karos tragen, Blümchen zu Punkten und Chiffon zu grober Baumwolle. In der Fachsprache heißt das "Cross-Dressing" - über Kreuz kombiniert. Die Modezeitschrift "Elle" spricht vom "No-Dresscode". Regeln gibt es nicht mehr, jedenfalls keine vordergründigen. Ein grünkarierter Faltenrock, eine gestreifte Bluse, dazu eine stahlblaue Tasche - früher hätte man das Geschmacksverirrung genannt. Heute ist es Style. "Unberechenbarkeit ist ein Stück Mode geworden", sagt Jörg Ehrlich, Kreativdirektor bei Rene Lezard.

          An lebenden Barbiepuppen getestet

          Das Mixen von Farben, Materialien und Stilen ist eine Moderichtung, die nicht plötzlich gekommen ist. Sie hat sich langsam herangeschlichen, wurde in Kultserien wie "Sex and the City" an lebenden Barbiepuppen getestet, bevor man sie der Durchschnittsfrau zumutete. In diesem Sommer erreicht die Welle ihren vorläufigen Höhepunkt. Der kalkulierte Stilbruch entspricht dem Lebensgefühl. Das Schlagwort lautet auch in der Mode: Individualität. Man läßt sich nur noch ungern etwas vorschreiben. "Es entspricht dem hybriden Denken", sagt Ehrlich. "Menschen hören klassische Musik und Popmusik. Es gibt keine Schubladen mehr."

          Grün plus Blau plus Orange: Früher Stilbruch, heute Versace

          Also: Komplettlooks, bei denen Frauen sich zum Kostüm die passende Bluse samt Schuhen und Tasche kauften, gehören der Vergangenheit an. Modemarken, zumal die etablierten, müssen sich darauf einstellen. Schwerpunkte in den Kollektionen setzen jetzt markante Einzelteile, die sich im Kleiderschrank zu anderen Egozentrikern gesellen. Dazu gehören Second-hand-Teile, die als eigenes Genre jetzt Vintage genannt werden, die Lieblingsjeans oder das teuer erworbene Designerteil. Das Outfit präsentiert sich nicht mehr als ein durchkomponiertes Bild, sondern hinterläßt den Eindruck einer Collage. Marken haben darauf reagiert und zeigen ihre Looks dementsprechend. "Wir denken die scheinbare Zufälligkeit des Cross-Dressing vor", heißt es bei Rene Lezard. Das Ergebnis wird in den Anzeigenkampagnen und den Schaufenstern der Läden präsentiert.

          H&M früh spezialisiert

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