https://www.faz.net/-hs1-qhqe

Mode : Der Junge vom Land

Die revolutionäre Dior-Silhouette Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Die Farben eines Hauses am Meer machte Christian Dior zu den tragenden Farben seiner Mode. Frankreich gedenkt des wichtigsten Modeschöpfers des 20. Jahrhunderts, der 1905 in der Normandie geboren wurde.

          4 Min.

          Christian Dior trug im Atelier an der Avenue Montaigne Nummer 30 bevorzugt einen weißen Kittel über Hemd und Krawatte. Wie ein Lehrmeister erklärte er mit einem langen Holzstock seine Modelle und blickte dabei so ernst und streng, wie ein Mann blicken mußte, der den Frauen auf der ganzen Welt die Mode diktierte. In Amerika war er in den fünfziger Jahren der bekannteste Franzose neben Charles de Gaulle und Maurice Chevalier. Es gab aber auch den anderen Christian Dior. Man braucht nur Fotos aus seinen Kindertagen zu betrachten, um zu ahnen, was ihn ausmachte. Jenen kleinen Jungen im Matrosenanzug, der verunsichert in die Kamera schaut und mit der Hand verlegen am Hemd nestelt. Christian Dior war ein ruhiges Kind, schüchtern und verträumt. Geboren am 21. Januar 1905 in Granville, blieb er zeitlebens dieser kleine Junge. In seinen Memoiren schrieb er später: "Ich verabscheue den Lärm, den mondänen Wirbel und alle plötzlichen Veränderungen."

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Granville ist eine verschlafene kleine Stadt in der Normandie mit spröden Granitbauten. In Paris nimmt man normalerweise wenig Notiz von ihr, eher fährt man nach Deauville, dem mondänen Küstenort 200 Kilometer weiter östlich mit den Prachthotels an der Promenade. Das Haus, in dem Christian Dior seine Jugend verbrachte, steht starr und stolz auf einem kleinen Hügel direkt über den Klippen. Von hier aus schaut man über die vom Wind gebogenen Hecken hinab auf das kalte, klare Wasser. Dieses Haus, schrieb Christian Dior, sei einer jener scheußlichen anglo-normannischen Bauten der Jahrhundertwende gewesen. Und trotzdem habe er eine zärtliche und bewundernde Erinnerung daran bewahrt. "Was soll ich sagen? Mein Leben, mein Stil, fast alles verdanken sie seiner Lage und seiner Bauweise."

          Frankreich feiert Christian Dior etwas verspätet. Am vergangenen Wochenende wurde in Granville eine große Ausstellung zu seinem Leben und Werk eröffnet. Limousinen mit Pariser Kennzeichen rollten durch die verwinkelten Straßen. Frauen in Chiffonkleidern und fragilen Sandaletten, Männer in schwarzen Anzügen, der französische Kulturminister Renaud Donnedieu de Vabres und der Chef des LVMH-Konzerns Bernard Arnault zogen hoch zu dem Haus auf den Klippen zu einem kleinen Festakt, der abseits von Paris den Blick auf den jungen Mann vom Land lenkte.

          Die revolutionäre Dior-Silhouette Bilderstrecke

          Hellseherin prophezeite Armut

          Zunächst hatte nichts darauf hingedeutet, daß Christian Dior, zweitältestes Kind eines Fabrikantensohns, einmal einer der wichtigsten Modeschöpfer des 20. Jahrhunderts werden sollte. Zwar erkannte er früh, daß er mit den Düngemitteln, die sein Vater produzierte, nicht viel anfangen kann, eher schon mit den Bäumen und Blumen, die seine Mutter mit viel Liebe in dem Park des Hauses anpflanzte. Als er 14 Jahre alt war, prophezeite ihm eine Hellseherin, daß er eines Tages ohne Geld sein werde, aber Frauen ihm Glück bringen würden und er zahlreiche Schiffsreisen unternehmen müsse. Zu Hause lachte man darüber, denn Christian ging noch nicht einmal gerne aus dem Haus, um Freunde zu besuchen.

          Tatsächlich traf aber fast alles genauso ein - allerdings erst 26 Jahre später und nach vielen Höhen und Tiefen im Leben des Christian Dior. Er ging nach Paris mit dem Ziel, Architektur zu studieren; die Familie wollte es anders - er schrieb sich für Staatswissenschaften ein. In der Weltwirtschaftskrise 1930 machte die Firma des Vaters bankrott, das Haus in Granville wurde verkauft. Dior mußte für seine Familie sorgen, die nach Südfrankreich ging. Er eröffnete eine Kunstgalerie in Paris, führte in der Besatzungszeit mit seiner Schwester eine Obstplantage in der Provence, bevor er wieder nach Paris ging und als Modezeichner arbeitete.

          Weitere Themen

          Die Entdeckung eines Anfängers

          Karl Lagerfeld : Die Entdeckung eines Anfängers

          Sein plötzlicher Tod kam wie ein Schlag: Mit Karl Lagerfeld verlor die Modewelt vor einem Jahr eine ihrer Ikonen. Aber wie wurde dieser adrette Deutsche im maßgeschneiderten Anzug eigentlich dazu?

          Weniger ist nicht genug

          New York Fashion Week : Weniger ist nicht genug

          Wenn sich namhafte Designer von der Modewoche in New York zurückziehen, fährt man im „Big Apple“ eben andere Geschütze auf. Es wird bunter, schriller, opulenter – und dank Überraschungsgästen auf dem Laufsteg auch prominenter.

          Topmeldungen

          Wer hätte es ihnen zugetraut? Peter Tschentscher lässt sich von SPD-Landeschefin Melanie Leonhard (links) und seiner Frau beklatschen.

          Hamburg hat gewählt : Tschentschers Plan ist aufgegangen

          Hamburg beschert der SPD fast vergessene Glücksgefühle. Der Erste Bürgermeister bleibt im Amt. Er könnte sich sogar den Partner aussuchen. Würde er lieber mit dem Verlierer CDU regieren als mit kraftstrotzenden Grünen?

          Grüne in Hamburg : Zweiter Platz, erster Verlierer

          Die Grünen legen erheblich zu, verpassen aber schon wieder eine große Chance: in einem zweiten Bundesland zu regieren. Für Robert Habeck und Annalena Baerbock wird es damit nicht leichter, ihren Anspruch auf Platz eins bei der nächsten Bundestagswahl glaubwürdig zu machen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.