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Mode aus Paris : Diven außer Dienst

Leder-Kreaktion von John Galliano für Dior Bild: dpa/dpaweb

Es weht ein kalter Wind in Paris: Bei den Prêt-à-Porter-Schauen sind nicht nur die Entwürfe ziemlich unterkühlt. Manch einer der Designer muß sich warm anziehen, schließlich gilt es derzeit auch in der Mode, den Umsatz im Auge zu behalten.

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          Es weht ein kalter Wind in Paris. Wer in diesen Tagen die unendlichen Weiten des Place de la Concorde überquert, hat eine Ahnung davon, wie es ist, wenn die sibirische Kaltfront über den Roten Platz fegt. So kommt der Winter in die Mode. Nach New York, Mailand, London und den zunehmend wichtigen Defilees bei der Oscar-Verleihung in Los Angeles geht Paris in Stellung. 78 Schauen in acht Tagen zeigen die Prêt-à-Porter-Entwürfe für den nächsten Winter. Ein ansehnliches Programm. Doch manch einer muß sich warm anziehen.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Designer Alexander McQueen und Stella McCartney etwa, Engländer, exzentrisch, erfolgsverwöhnt, müssen nachsitzen: Zwei Jahre nur hat ihnen der Gucci-Konzern gegeben, um endlich schwarze Zahlen zu schreiben. Lauwarme Entwürfe darf man sich da nicht erlauben. Aber auch Traditionshäusern weht ein kalter Wind um die Nase: Christian Lacroix wurde gerade an eine amerikanische Duty-Free-Kette verkauft. Was heißt das für die Mode?

          Dem Kreislauf des „Recycelns“ entrinnen

          Helmut Lang, einst feste Größe im Schauenplan, hat sein zur Prada-Gruppe gehörendes Unternehmen verlassen. Man verzichtet auf ein Defilee, wohl, weil man ahnt, daß Helmut Lang ohne Helmut Lang wie Schwarzwälder Kirsch ohne Schwarzwälder Kirsch ist. Givenchy schleppte sich designerlos durch zwei Saisons, jetzt hat man den Italiener Riccardo Tisci verpflichtet, dessen Restaurationsarbeiten aber erst im Herbst zu sehen sein werden. Auch andere alteingesessene Marken erhoffen sich, mit neuen Namen wieder interessant zu werden. Die Marke Paco Rabanne, seit einigen Saisons ohne Paco Rabanne, aber mit der immergleichen Metallverkleidung, will dem Kreislauf des zwanghaften Recycelns entrinnen und hat den Amerikaner Patrick Robinson verpflichtet. Vincent Darre soll der Marke Emanuel Ungaro zu dem alten Glanz verhelfen, die sie noch hatte, als der Meister selbst entwarf.

          Leder-Kreaktion von John Galliano für Dior Bilderstrecke

          Daß die Rechnung "alte Marke plus neuer Designer gleich garantierter Umsatzgewinn" aufgehen kann, macht seit neun Jahren John Galliano vor. Er hat das Traditionshaus Christian Dior zum erfolgreichsten Unternehmen innerhalb des Luxuskonzerns LVMH gemacht. Lange war der Engländer wie ein ungezogenes Kind, das bis an die Schmerzgrenze experimentierte. Mit 44 Jahren ist er nun erwachsen geworden und bringt weniger Effekte, mehr Ernst. Am Dienstag lieferte er die tragbarste Kollektion seiner Karriere. Manche sagen, es sei die schönste.

          Dior: sehr französisch, sehr gemütlich

          Gleich am Anfang wurde es einem warm ums Herz: In der ersten Reihe kuschelten sich Einkäufer und Modechefredakteurinnen in alten Sofas und Ohrensesseln, Pianisten spielten live Evergreens, und das erste Model auf dem Catwalk trug ein schwarzweiß geringeltes Mohairkleid. Sehr französisch, sehr gemütlich. Aber das zweite Bild zeigte, wohin die Reise geht: Es lebe der Kontrast! Zum Mohairkleid läßt Galliano eine grobe Lederjacke defilieren, zum Seidenkleid eine Lammfelljacke, ein schwerer Wollmantel zum Chiffonhängerchen, ein Samtkleid über der Krokohose.

          Seltsam: Es gibt keine Bruchstellen. Die gegensätzlichen Teile fügen sich zu einer Harmonie, zu einer gelungenen Verbindung aus Glamour und Lässigkeit. Im Detail zeigt Galliano immer noch die Handschrift des experimentierfreudigen Meisters: Ein Ballonkleid fertigt er aus dickem Lammfell - und es sitzt trotzdem. Der Nerzmantel nimmt Anleihen beim Trenchcoat: schmaler Schnitt, Raglanärmel, Gürtel, Revers und Manschette sind aus Gabardine. Alles atmet Hollywood, die glamourösen, strassbesetzten Abendkleider wie die Fliegerjacken mit den aufgesetzten Taschen, ein bißchen "Aviator" und Katherine Hepburn und Beverly Hills. "Wären Sie schockiert, wenn ich mir etwas Bequemes anziehe?" fragt Jean Harlow in Howard Hughes Film "Hell's Angels". Das ist es: Galliano zeigt die unaufgeregte Lässigkeit von Diven, wenn sie außer Dienst sind und ihre Seele wärmen.

          Noch herrscht Winter in Paris

          Aber noch herrscht Winter in Paris. Jean Paul Gaultier präsentiert ihn am Dienstag abend von seiner dunklen Seite. Schwarz ist die dominierende Farbe, Punk die Inspiration. Auch Gaultier sucht die Kontraste, indem er einen klassischen Kamelhaarmantel mit einer Röhrenhose kombiniert, die glitzert wie eine Discokugel. Über die Schultern des grauen Gehrocks legt er schwarz-weißes Pferdehaar, das Strickkleid möbelt er mit plissiertem Chiffon am Kragen auf, um im nächsten Moment mit den enganliegenden Kleidern aus schwarzem Samt wieder ganz schlicht zu werden. Das ist romantisch und cool zugleich. Die Amerikaner in der ersten Reihe lächeln. Ein sibirischer Winter sieht anders aus.

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