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Michael Michalsky : Adieu, Adidas!

Auf dem Weg nach Berlin: Michael Michalsky Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Auf dem Höhepunkt seines Ruhms verläßt Michael Michalsky, Chefdesigner von Adidas, den Sportartikelhersteller. Wichtiger ist ihm sein nächstes Projekt. Der 38jährige baut in Berlin eine eigene Modemarke auf.

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          Wenn Adidas-Chefdesigner Michael Michalsky und der japanische Modeschöpfer Yohji Yamamoto ihre gemeinsam entworfene Linie Y-3 in New York auf dem Laufsteg zeigten, dann sah das nach der Schau so aus: Hinter der Bühne stand lachend Michael Michalsky, Jeans auf halb acht, Anna Kournikowa im Arm, und gab reihenweise Interviews. Hinten im Eck saß zusammengesunken ein älterer Herr mit leicht ergrauten langen Haaren und Bart. Ist das nicht...?

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Ja, genau, das war Yohji Yamamoto, der vor 25 Jahren mit seiner damaligen Freundin Rei Kawakubo nach Paris kam, um die Mode mit seinem eigenartig düsteren und verrätselt insularischen Stil erst zu schockieren, dann über Jahre zu begeistern, bevor er mit Adidas seine zweite Jugend in der sportlichen Designermode entdeckte, für dieses Frühjahr also zum Beispiel die berühmten drei Streifen, teils vergoldet, auf Kapuzenkleider, Miniröcke, Outdoor-Hosen und Clubjacken setzte. Nach der Schau mit diesen Entwürfen aber saß er allein am Rande der Champagnerlaune.

          „Meine Zeit dort ist vorbei“

          Es war einmal - aber nicht, weil Yamamoto aufhören würde. Auf dem Höhepunkt seines Ruhms hat vielmehr Michael Michalsky, der nach Karl Lagerfeld und neben Wolfgang Joop und Gabriele Strehle wohl einflußreichste deutsche Modedesigner, am Mittwoch bekanntgegeben, daß er Adidas verläßt. „Meine Zeit dort ist vorbei“, sagte er dieser Zeitung am Mittwoch. „Aber ich gehe nicht im Streit.“ Sein Vertrag läuft noch bis zum 31. Juli, aber schon am Dienstag hat er seinen Arbeitsplatz geräumt.

          Der Modemacher, der 1995 bei Adidas begann, im Jahr 2000 Kreativdirektor für das Design aller Adidas-Produkte wurde, der aus dem mittelfränkischen Herzogenaurach ein Epizentrum der deutschen Mode machte, hört zu einem Zeitpunkt auf, da er mit einer mehrseitigen Geschichte in der Januar-Ausgabe der „Vogue“ auf dem höchsten deutschen Mode-Gipfel angelangt war.

          Mehr als 500 Produkte pro Jahr

          Adidas in der „Vogue“? Daß es so weit gekommen ist, verdankt Michalsky - außer den zunehmend experimentierfreudigen Damen der „Vogue“ - vor allem sich selbst. Denn niemand hat die Fusion funktioneller Sportbekleidung mit einem dekorationsfreudigen Designerstil so stark vorangetrieben wie der 38 Jahre alte Modemacher, der aus Bad Oldesloe stammt, in London die Mode und das Club-Leben studierte, mit einem Sieben-Personen-Team bei Adidas begann und zuletzt als „Global Creative Director“ etwa 185 Designer an den drei Standorten Tokio (für Asien), Portland in Oregon (für Amerika) und Herzogenaurach (für den Rest der Welt) um sich scharte, eines der größten Design-Teams der Welt, in der Quantität wohl nur noch übertroffen von H&M. Im Durchschnitt bringt Adidas pro Jahr mehr als 500 Produkte auf den Markt.

          Aus den Produkten Objekte, aus dem Sportartikel-Hersteller eine Lifestyle-Marke zu machen gelang Michalsky zunächst einmal in der Zusammenarbeit mit Yamamoto, die zu einem Urbild der „collaborations“ großer Namen mit entwicklungsfreudigen Firmen wurde. Alexander McQueen für Puma? Karl Lagerfeld für H&M? Kostas Murkudis für Schiesser? All diese faszinierenden Experimente wären ohne Michalsky nicht denkbar. Er gründete Linien mit Stella McCartney und mit dem Hip-Hop-Star Missy Elliott (“Respect ME“). Außerdem aktualisierte er mit „Adidas Originals“ Modelle aus der Markenvergangenheit - und fand auch darin viele Nachahmer.

          „Hochzeitskleider werde ich nicht machen“

          Seit vergangenem Jahr arbeitet er zudem freiberuflich für das einst heruntergekommene und nun durch die koreanische Luxusgruppe Sungjoo wiederbelebte Münchner Label MCM - und will das auch weiterhin tun. Schon ein weißer Turnschuh mit MCM-Logo in einer Auflage von 250 Stück bei Adidas lief so gut, daß sich Missy Elliott glücklich schätzen durfte, als erste Besitzerin eines solchen Schuhs sogar ihren durchaus reichhaltigen Bling-Bling-Stil durch das aufgedonnerte Gold-Label noch aufpeppen zu können.

          Wichtiger aber wird wohl sein nächstes Projekt. Michalsky will eine eigene Lifestyle-Marke in Berlin aufbauen und zieht deshalb auch in Kürze aus der fränkischen Provinz in die deutsche Hauptstadt. Die neue Marke soll Männer- wie Frauenmode bringen und so etwas wie die europäische Version von Polo Ralph Lauren oder Tommy Hilfiger werden, also einen sportlichen und durchaus kommerziellen Stil pflegen: „Hochzeitskleider oder Haute Couture werde ich nicht machen.“

          „Solche Leute braucht Berlin“

          Die Marke soll mit einem in der Modebranche erfahrenen Investor aufgebaut werden, der nicht genannt werden möchte, aber im Gespräch mit dieser Zeitung am Mittwoch in Aussicht stellte, daß das Label vom Sommer an entwickelt wird und sich im Februar oder im September 2007 erstmals präsentiert: „Es ist eine Konstellation, wie es sie in Deutschland kein zweites Mal gibt.“ Michalsky, der noch vor einem halben Jahr beklagte, daß es in Berlin „nicht so richtig rockt“, spricht nun von der „wunderbaren Möglichkeit“, neben von ihm geschätzten Modemachern wie Wolfgang Joop oder Kostas Murkudis arbeiten zu können.

          Für Berlin als erblühende Modestadt ist der neue Zuzug eine weitere gute Nachricht. Nach den Herrenmodeschauen in Paris im Juli zieht auch der international renommierte deutsche Designer Dirk Schönberger mit seinem Kreativ-Team nach Berlin, wie die Zeitschrift „Achtung“ in ihrer neuen Ausgabe schreibt; die Firma selbst bleibt am bisherigen Standort in Antwerpen.

          Über die Entscheidung Michalskys zeigte sich Schönberger am Mittwoch erfreut: „Solche Leute braucht Berlin, denn sie bringen auch den jüngeren Designern Aufmerksamkeit.“ Mehrere neue Messen, Dutzende neuer Magazine und Trend-Läden schaffen jedenfalls einen Resonanzraum, in dem Berliner Modemarken Widerhall finden. Vor allem Michalskys Stimme wird in Zukunft gut zu vernehmen sein - vielleicht noch besser als bisher.

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