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Maßanzüge : Torso statt Rüstung

  • -Aktualisiert am

Tapferes Schneiderlein: Oskar Habersack in seinem Frankfurter Atelier Bild: F.A.Z.-Foto Frank Röth

Kein anderes Kleidungsstück vereint Sinnlichkeit und Sachlichkeit so perfekt wie der Maßanzug. Wer einmal einen richtigen am Körper trug, kann nie wieder davon lassen.

          Wer von ihm spricht, fängt nicht selten zu schwärmen an. Ein guter Anzug, so heißt es, mache eine gute Figur: Er suggeriert breite Schultern, schmale Hüften, lange Beine und verleiht dem Träger eine gewisse Stattlichkeit. Eng und faltenlos umschließt der Anzug den Körper, ganz so, als bekleide er den "Torso eines griechischen Athleten" - so formuliert es die Modetheoretikerin Anne Hollander in ihrem Buch "Anzug und Eros". Was den gutsitzenden Anzug aber vor allem kennzeichnet, ist eines: Er läßt im unklaren, wo der Körper aufhört und der Anzug beginnt. Ein Anzug mit gutem Sitz scheint nichts anderes zu sein als die perfekte Hülle einer erfreulich wohlproportionierten Anatomie. Einzig für seinen Träger gemacht, gilt er doch als neutrale Uniform: Kein anderes Kleidungsstück vereint Sinnlichkeit und Sachlichkeit so gekonnt wie der Herrenanzug.

          Ortstermin Frankfurt, Glauburgstraße 36, Atelier Oskar Habersack. Ein kleiner Laden, darin drängen sich Schneiderpuppe, Stoffbücher und zahlreiche Kleiderstangen. Dicht an dicht hängen die Anzüge, die aufgebügelt oder geändert werden wollen. Man schiebt sie zur Seite, und der Blick auf die Werkstatt ist frei. Bis unter die Decke auch hier Anzüge, Anzüge, Anzüge: fertig für die erste, für die zweite Anprobe. Daß Habersack, in der Branche unüblich, bis zum nächsten Frühjahr ausgebucht ist, kann man sehen. Dreimal schon wollte der 69 Jahre alte Herrenmaßschneidermeister aufhören. Doch seine Kunden lassen ihn nicht gehen. "Was soll ich machen?" fragt er spitzbübisch. Mindestens sechzig Stunden braucht er für einen Anzug, der dann ungefähr 4000 Euro kostet.

          Entscheidende Frage nach der Balance

          Am Anfang des Anzugs steht das Maßnehmen. Aus diesen Maßen konstruiert der Schneider den Schnitt. Auf den Stoff übertragen, zuschneiden und heften - dann ist Zeit für die erste Anprobe, die sogenannte Heftprobe. Der Kunde, der heute vor dem schweren Spiegel steht, wird bald 95 Jahre alt. Habersack, das Nadelkissen am Handgelenk, prüft den Sitz der Schulter, steckt enger zusammen, markiert mit Schneiderkreide. Was der Kunde jetzt trägt, sind der Oberstoff und die Einlage, lose geheftet. Ärmel, Knöpfe und Futter fehlen. Der Schneidermeister prüft: Fällt der Rücken glatt? Stimmt die Proportion? Wie sind die Ärmel einzusetzen? Ist die Balance richtig? Die Balance: eines der wichtigsten Maße für den Schneider - und eines, das die Konfektion nicht berücksichtigen kann. Wer die Brust vorschiebt und den Rücken hohl macht, verlängert die vordere Strecke - der Sakko wird vorne kürzer. Nur der Schneider kann das ausgleichen. Ein Maßanzug ist eben nicht nach den Maßen gemacht, sondern hebt hängende Schultern an, streckt runde Rücken gerade und verschlankt die "Bauchfigur". Ein Anzug, der Falten schlägt, signalisiert die Abweichung. Ein Maßanzug schmeichelt ihr.

          Ein guter Sakko, sagt Habersack, solle bequem sein wie eine weiche Jacke, und wer beobachtet, wie er das Kleidungsstück millimetergenau dem Körper anpaßt, der glaubt ihm das auch. Plötzlich sieht man die Welt mit anderen Augen, besonders die Herrenwelt. Auf der Straße blickt man Männern mitleidig hinterher, deren Körper in Konfektionsware stecken: Schulterpolster ragen allzu weit über das Kreuz hinaus, wo die Polsterung aufhört, gibt der Stoff in schrägen Seitenfalten der Schwerkraft nach, das Rückenteil hängt traurig herunter wie ein Fähnlein in schwachem Wind - ein Anzug, der nicht sitzt, zerfällt in seine Einzelteile. Der schlechtsitzende Anzug idealisiert nicht, er stellt bloß. Ein zu großer Sakko läßt selbst große Männer wie Hänflinge aussehen. Und zu kurze Ärmel machen sie zu Konfirmanden.

          Keine Kompromisse

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