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Maßanzüge : Kaffeefahrt nach Neapel

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Sieh mal einer an: Harm Hesterberg (2. v. re.) und zwei Premiumkunden zu Besuch bei Partenopea Bild:

Für besonders gute Kunden spendiert ein Bremer Herrenausstatter eine Butterfahrt nach Italien: Die norddeutsche Oberschicht soll die Vorzüge süditalienischer Maßarbeit entdecken, damit der Wille zum gediegenen Auftritt nicht nur am Einstecktuch zu erkennen ist.

          15 Männer und eine Mission: Anzüge kaufen. Dabei dachten wir immer, Kaffeefahrten seien etwas für minderbemittelte Rentner. Von wegen! Auch in den höheren gesellschaftlichen Kreisen tun sich mitunter Gleichgesinnte zusammen, um den Freuden auswärtigen Konsums zu frönen. Mit dem Unterschied, dass es dann nicht um Busreisen und Heizdecken geht, sondern um feinsten Zwirn und Lufthansa-Flüge nach Neapel. Während gewöhnliche Touristen mit der Stadt am ehesten Taschendiebe, enge Gassen, Holzofenpizza und neuerdings auch pittoreske Müllberge assoziieren, weiß der Kenner natürlich um die Vorzüge neapolitanischer Maßkonfektion. Die kampanische Millionenmetropole ist nämlich nicht nur Heimat von Enrico Caruso, Fabio Cannavaro, Bud Spencer sowie diverser Camorra-Oberhäupter, sondern auch einiger der klangvollsten Namen in der Herrenoberbekleidung: Kiton, Attolini, Sartoria Partenopea. Wobei die letztgenannte Adresse zumindest in Deutschland noch als Geheimtipp gilt.

          Das muss kein Schaden sein, zumal Kiton in Modeblogs bereits ein Gebrauchwagenhändler-Schick unterstellt wird und Brioni dort unter der Rubrik „textiler Seniorenteller“ läuft. Aber allzu geheim darf wohl auch der geheimste Geheimtipp nicht bleiben, wenn denn die Ware an den Mann gebracht werden soll. Aus diesem Grund beschloss Harm Hesterberg, Chef des Bremer Herrenausstatters Stiesing, einigen seiner besten Kunden einen Ausflug an den Vesuv zu spendieren, damit diese sich am Ort des Geschehens gleich selbst ein Bild von den Vorzügen süditalienischer Maßarbeit machen können. So wurde vor einigen Tagen eine illustre Runde hanseatischer Teehändler, Steuerberater, Immobilienmakler und Geschäftsführer mittelständischer Unternehmen am Aeroporto di Napoli in Empfang genommen und auf direktem Wege in die Fabrikationshalle der Sartoria Partenopea chauffiert. Dass die potentielle Kundschaft aus Deutschlands hohem Norden durchaus Wert auf ein gediegenes Erscheinungsbild legt, hätte auch der Laie an der hohen Einstecktuch-Quote umstandslos erkannt. Und Angelo Blasi, Seniorchef der erst 1993 gegründeten Anzugmanufaktur, deutete dies zu Recht als gutes Zeichen.

          „Maßkonfektion“ ist ein irreführender Begriff

          Blasis Firma verbreitet keineswegs den Charme exklusiver Herrenschneiderei, wie man das vielleicht noch von einigen übriggebliebenen Maßateliers mit holzgetäfelten Showrooms an Londons Savile Row kennt. Die Sartoria Partenopea befindet sich vielmehr in einem schmucklosen Außenbezirk Neapels, von dem es heißt, dort regiere die organisierte Kriminalität. Nicht ohne Grund umfrieden hohe Mauern das kleine Werksgelände, dessen Zentrum eine funktionale Halle bildet, in der um die achtzig Schneider und angelernte Fachkräfte ihrem Tagwerk nachgehen. Im Gegensatz zur „echten“ Maßschneiderei, bei der ein einziger Handwerker das gesamte Kleidungsstück fertigt, delegiert Partenopea die jeweiligen Arbeitsschritte an einzelne Stationen: Ein junger Arbeiter im blauen Overall überträgt die Schnittmuster auf die Stoffbahnen, ein anderer schneidet zu, da hinten wird gebügelt, und der ältere Herr nebenan ist der Spezialist fürs Umsäumen von Knopflöchern. „Maßkonfektion“ ist eigentlich ein irreführender Begriff für diese manuelle Fertigungsmethode, denn damit werben auch Billighersteller für ihre Made-to-Measure-Anzüge aus industrieller Sweatshop-Produktion. Die Sartoria Partenopea, benannt nach der antiken Siedlung Parthenope, aus der später Neapel hervorging, steht dagegen für serielle Handwerkskunst in Vollendung.

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