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Marc Jacobs : Die große Lösung für Dior

Der amerikanische Modeschöpfer Marc Jacobs wird neuer Chef-Designer von Dior Bild: dapd

Marc Jacobs soll neuer Chef-Designer des Modehauses Dior werden. Somit wäre er der Nachfolger von Skandal-Modeschöpfer John Galliano. Eine neue Herausforderung für einen Mann, der eigentlich schon alles hat.

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          Einem aufmerksamen Beobachter hätte es auffallen können. Im Mai noch sagte Marc Jacobs, er würde es hassen, in Karl Lagerfelds Fußtapfen bei Chanel treten zu müssen. „Ich glaube, Alber Elbaz wäre ein wunderbarer Designer für Chanel.“ Auf die nächste Frage, wer John Galliano bei Dior ersetzten könne, sagte der Louis-Vuitton-Designer hingegen nur: „Keine Ahnung.“

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Das wisse wohl nicht einmal Bernard Arnault, der Chef des Luxusgüterkonzerns LVMH Moët Hennessy Louis Vuitton. „Mir geht's sowieso besser, wenn ich nicht so viel weiß und mich nur um meine Arbeit kümmere.“ Wusste er da wirklich noch nichts? Warum schlug er nicht - wie für Chanel - einen anderen Designer für Dior vor?

          Jacobs wird Nachfolger von Galliano

          Marc Jacobs, der sich fast jeden Montag mit Arnault und dem engsten Louis-Vuitton-Führungszirkel zur Strategiebesprechung trifft, kennt wohl rechtzeitig die Antworten auf Führungsfragen in dem Großkonzern, zu dem auch die Marken Dior, Givenchy und Céline gehören. Insofern wäre ihm die Nachricht des stets zuverlässigen Miles Socha („Women's Wear Daily“) vom Montag schon lange bekannt gewesen, dass er nämlich als Nachfolger von John Galliano Chefdesigner bei Dior wird, während seine eigene Nachfolge bei Louis Vuitton die Céline-Modemacherin Phoebe Philo antritt.

          Marc Jacobs kennt keine Geschäftszahlen...

          All die Ahnungslosigkeit soll laut Socha in dieser Woche bei Verhandlungen zwischen dem Konzern und Jacobs-Anwälten verfliegen - während der Designer selbst in New York seine „Marc-Jacobs“-Damenkollektion für Frühjahr und Sommer 2012 vorbereitet, die am 12. September als erster Höhepunkt der beginnenden Schauensaison auf der Modewoche in Manhattan präsentiert wird.

          Keine „kleine Lösung“

          John Galliano („I love Hitler“) war am 1. März bei Dior wegen rassistischer und antisemitischer Äußerungen entlassen worden. Im Prozess gegen ihn soll am 8. September in Paris das Urteil gesprochen werden. Nach der Dior-Couture-Schau am 4. Juli nahm Bill Gaytten, Gallianos früherer Assistent, den Applaus entgegen. Auch die Prêt-à-porter-Kollektion, die Anfang Oktober in Paris gezeigt wird, soll Gaytten verantworten. Das führte schon zu der Vermutung, Dior könne mit einer „kleinen Lösung“ leben.

          Ein solches Luxushaus, dessen Stil immerhin einst von Yves Saint Laurent und Gianfranco Ferrè bestimmt wurde, sollte ohne einen großen Namen auskommen? Die Vermutung passte in die Camouflage, auf die sich Arnault, der mit seinem Geschäftssinn immerhin zum reichsten Franzosen wurde, als Modeunternehmer bestens versteht. Nicht einmal die Bewerber in seinem Konzern, wissen, was Sache ist. So wurden allein für die Stelle des Chef-Herrendesigners bei Louis Vuitton mehr als 15 vielversprechende Modemacher nach Paris zum Gespräch geladen. Die meisten wurden im Dunkeln gelassen, um welche Position bei welcher der vielen Marken es sich überhaupt handelt. Jetzt ist Kim Jones bei den Louis-Vuitton-Herren, auch keine kleine Lösung.

          Innovation gegen Tradition

          Die Damen-Kollektionen sind bei all den großen französischen Modemarken von Umsatz und Bedeutung her um ein Vielfaches wichtiger als die Herren - zumal wichtige Umsatzbringer wie die Handtaschen dazu gehören. Marc Jacobs würde der Marke Dior, die in den letzten Jahren unter Galliano ihr Umsatzpotential bei weitem nicht ausgeschöpft hat, einen Instant-Schub geben. Zudem könnte er sich weiterentwickeln.

          Denn anders als bei Louis Vuitton, einem im Jahr 1854 gegründeten Taschen- und Kofferhersteller, der durch Marc Jacobs und seine überbordenden Over-the-top-Kollektionen überhaupt erst zum marketingträchtigen Modehaus wurde, müsste sich der amerikanische Modeschöpfer im Dior-Stammhaus an der Avenue Montaigne im Resonanzraum der durch Christian Dior begründeten Tradition behaupten - und erst einmal im spiralgebundenen Buch „Les Signes de Reconnaissance de la Maison Christian Dior“ blättern, in dem all die richtigen Farben, Gewebe und Schnitte des Hauses festgehalten sind. Bei Marc Jacobs ist da trotz all seiner Yves-Saint-Laurent- und Rei-Kawakubo-Anspielungen nur die Frage, ob er eine so innige Beziehung zur Modegeschichte hat, dass er sich nicht in all den historischen Referenzen verheddert.

          Eine neue Herausforderung

          In seinem neuen Job müsste Marc Jacobs auch die bei Louis Vuitton nicht vorhandene und bei Dior äußerst wichtige Couture-Kollektion entwerfen, noch vor dem Prêt-à-porter der Königsdisziplin in Paris. Kurzum: Er müsste vor allem sich selbst neu erfinden und die Marke sanft aufpeppen. Die überlebensgroße Aufgabe könnte für einen Mann interessant sein, der zwar mit 48 Jahren seine aus Drogen und Haltlosigkeit bestehende Midlife-Crisis überwunden hat, aber nach 14 Jahren bei dem Milliarden-Umsatz-Giganten Louis Vuitton noch einmal neue Herausforderungen in einem künstlerisch anspruchsvollen Haus suchen könnte.

          Mindestens ebenso elektrisierend wie die Dior-Nachfolge ist für „Fashionistas“ die Mutmaßung, dass die 1973 geborene britische Modemacherin Phoebe Philo Chefdesignerin bei Louis Vuitton werden könnte. Philo brachte von 2001 bis 2006 als Nachfolgerin von Stella McCartney die Marke Chloé ins Gespräch, nahm sich dann eine Mutterpause, verwandelte seit ihrer ersten Schau im März 2009 Cé line zu einer der begehrtesten und am stärksten wachsenden Marken in Paris - und wird als Urheberin des neo-minimalistischen Stils gesehen, der sich in den vergangenen Saisons bemerkbar machte. Angeblich soll sie nun neben Céline (und ihren beiden Kindern) auch noch Louis Vuitton bewältigen. Eine solche Dreifach-Aufgabe würde die ganze Frau fordern.

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