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Mailänder Modewoche : Offene Tore im Königreich

Miuccia Prada geht auf Japan-Tour Bild: REUTERS

In die Mailänder Mode muss man nicht mehr einfach hineingeboren sein. Einige Häuser suchen langsam den Kontakt nach außen. Was sonst noch neu ist – und wer sich dem Neuen verwehrt.

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          Der Abend beginnt mit einem Gruß aus New York. Im Palazzo Reale wird der im August verstorbenen Mode-Ikone Anna Piaggi gedacht. Die Dame mit der dicken Schminke, den bunten Haaren und den großen Hüten sei ein wandelndes Museum gewesen, sagt Bill Cunningham, Fotograf der „New York Times“ und selbst schon Legende, in einem Video zu Anfang der Gedenkfeier. „Ihren Körper behandelte sie wie ein Maler seine Leinwand.“ Dann tritt Mario Boselli, Chef der Modekammer, ans Mikrofon. Für einen Italiener spricht er ordentliches Englisch. Aber weil er doch wirklich glaubt, dass im Saal vor allem Italiener sind, spricht er auf Italienisch. Der Saal leert sich daraufhin allmählich.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Mailänder Modewoche, die an diesem Dienstag zu Ende geht, war noch nie eine vornehmlich italienische Veranstaltung - zumindest seit sie so viele international gefragte Designer beheimatet. Wenigstens zweimal im Jahr müssen die Kenner ins Königreich der Mode reisen, um den Sack voll Gold aus Anzeigenerlösen oder Ware „Made in Italy“ zu sichern. Aber in diesen Tagen stehen die Tore im Königreich, das sich in seinen Ateliers so gerne abschottet, wirklich offen. In der Krise suchen die Aristokraten den Kontakt nach außen, zu britischen Stylistinnen oder amerikanischen Sängerinnen.

          Der kulturelle Austausch fruchtet

          „Beth Ditto is in MY house“, ruft Donatella Versace kurz vor Beginn der Versus-Schau ihren Gästen über Lautsprecher stolz zu. Die Sängerin hat mit der Band ihren Teil daran, dass aus dem Freitagabend ein Versace-Abend wird. Auch zwischen der Chefredakteurin des Londoner Magazins „Love“, Katie Grand, und der Marke Hogan fruchtet der kulturelle Austausch. Am Mittwoch präsentiert die Stylistin mit der Zahnlücke ihre bunte Accessoires-Kollektion „Katie Grand Loves Hogan“, die sie sich zuvor gemeinsam mit Tod’s-Mann Andrea Della Valle ausgedacht hat.

          Sein Bruder Diego steht am Freitagnachmittag unterdessen bei der Tod’s-Präsentation in der Villa Necchi und erzählt, dass die legendäre D-Bag des Hauses eine Rolle im Film „Diana“ spielen wird, der 2013 in den Kinos anläuft. Pünktlich zum Start lanciert das Haus eine neue Form der Tasche. „In der Krise geht es vor allem um Bewegung“, sagt Della Valle und bringt selbst modisch Fahrt ins Sortiment, etwa mit Flatforms und Slippers in Knallpink aus der Kollektion „No_Code“, die man gemeinsam mit Jefferson Hack erdacht hat, dem Gründer von „Dazed & Confused“ und Vater von Lila Grace Moss Hack. (Briten verstehen das Prinzip Königreich eben intuitiv.)

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          Bei Miuccia Prada sind es nicht die dicken Stadtmauern, die sie sentimental stimmen, sondern jene, die das Leben von Frauen einschränken. „So viel ist heute verboten“, sagt sie. „Wenn man Blumen trägt, lachen die Leute. Pelz ist auch verboten.“ Also beschäftigt sich Prada mit Pelz im Frühling und mit Blumen als poetischem Symbol in einer Kollektion, die auf Härte und Süßem basiert, die Models auf Strümpfen auf den Laufsteg lässt und auf dicken Plateauabsätzen. Eine Serie schwarzer Oberteile zu Miniröcken trägt die Blume mit kahlem Stengel auf der Brust. Die überzuckerten Satin-Kleider in Rosa, Weiß und Mintgrün kommen mit ihrem wattierten Stoff überraschend robust daher und wirken mit Faltungen gleichzeitig japanisch.

          Auch andere italienische Designer suchen stilistisch Halt in Japan und in der traditionellen Faltkunst des Landes. Überhaupt scheinen sie von der Idee der komplexen Formen an warmen Frühlingstagen angetan zu sein, die Ableger des Schößchens sein könnten, des großen Trends des Winters, der von März an nun sein Unwesen auf erträglichere Weise an allen möglichen Stellen am Körper treiben wird. Bei Etro erinnern die Kimono-Uniformen in Rostrot und Weiß an die Arbeitskleidung von Masseusen, während Gucci mit Trompetenärmeln die Handgelenke umspielt und mit Volants um die Schultern eine besonders glamouröse Schutzdecke bereithält.

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          „Aristografisch“ nennt Designerin Frida Giannini den Look. Marnis Kombination aus Oberteil und Rock mit Schleppe sieht hingegen so aristokratisch-ironisch aus, als hätte die feine Lady of the Manor ein Glas Wodka zu viel getrunken und würde sich jetzt selbst hinterfragen.

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