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Mailänder Modewoche : "Jil Sander" ist wieder Jil Sander

  • -Aktualisiert am

Jil Sander kombiniert wieder: gestreiftes Hemd mit roter Krawatte und schwarzer Hose. Bild: dpa/dpaweb

So sieht ein Comeback aus. Im 2.Stock der Via Luca Beltrami Nummer 5, ein kahler Raum, an den Wänden wenige Kleiderständer. Dazwischen eine kleine Gestalt im blauen, weit geschnittenen Hosenanzug: Jil Sander präsentiert "Jil Sander".

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          So sieht ein Comeback aus. Montag mittag, zweiter Stock an der Via Luca Beltrami Nummer 5. Ein kahler, kühler Raum, an den Wänden sparsam verteilt Kleiderständer. Jungenhafte Models schreiten lautlos über den Marmorboden. Dazwischen eine kleine Gestalt im blauen, weit geschnittenen Hosenanzug, die leise Gespräche führt. Jil Sander präsentiert "Jil Sander". Sie erklärt, hört zu, lächelt, gestikuliert in Zeitlupe.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Vergleicht man das mit den rund 50 Schauen, die seit Sonntag bei der Milano Moda Uomo gezeigt werden - meist so spektakulär, daß sie noch im grellen Blitzlicht schrill erscheinen -, mutet ihre Präsentation der Herrenkollektion für den Sommer 2004 wie ein einfaches Abendessen unter Freunden an. Eingeladen wurde schlicht per Fax, Fotografen sind nicht erlaubt. Und doch schaut die ganze Modewelt in diesen Tagen auf diese grazile Frau, die vor vier Jahren ihr Unternehmen an den Prada-Konzern verkaufte, sich ein Jahr später wegen zerrütteter Verhältnisse aus dem Geschäft zurückzog und sich Anfang Mai mit Prada-Chef Patrizio Bertelli überraschend wieder versöhnte. Nun ist sie zurückgekehrt in den Modezirkus. Auf ihre Art.

          Ein leises Wiedersehen

          Jil Sander ist nicht die leiseste Anspannung anzumerken, vielleicht weil das Scheinwerferlicht, dem sie nun wieder ausgesetzt ist, noch nicht blendet. Ein sanfter Einstieg für eine sanfte Frau. Keine Schau mit großem Rummel, kein Applaus, keine großen Gefühle. Zudem, sagt Sander, sei es die seriöseste Art, nach einem Designerwechsel aufzutreten. Sie will nicht laut "Hier sind wir wieder" rufen. Es ist ein leises Wiedersehen der verlorenen Tochter mit der Modeszene, den Journalisten, Einkäufern und Kunden.

          Noch liegen die beiden Folien Jil Sander und "Jil Sander", die sich mit ihrem Weggang verschoben haben, nicht exakt übereinander. Die Verschmelzung von Designerin und Marke ist aber beinahe abgeschloßen. Zu 70 Prozent, sagt sie, sei das ihre Kollektion. Nur knapp fünf Wochen hat sie daran gearbeitet. Noch am Abend, nachdem sie mit Bertelli in Mailand eine Pressekonferenz zu ihrer Rückkehr gegeben hatte, ging sie ins Atelier und legte los. Ein fast nahtloser Einstieg. Das Designteam ist das gleiche, das sie vor drei Jahren hinterließ. Ihre Mitarbeiter haben das Gefühl, sie sei nie weggewesen. Und sie selbst glaubt, nur eine dreiwöchige Kur hinter sich zu haben, nicht drei Jahre Abstinenz, in der sie die Modewelt gemieden hat, wie es nur ging. Es fühle sich alles leicht und positiv an, sagt sie, und aus dem Lächeln wird ein Strahlen.

          Firmenphilosophie verkehrt

          Die Handschrift ihres Vorgängers, der mal ihr Nachfolger war, ist in der neuen Kollektion fast gelöscht. Als Jil Sander im Jahr 2000 das Unternehmen verließ, sagten viele, das Scheitern von Milan Vukmirovic sei programmiert. Jil Sander zu machen, ohne Jil Sander zu sein - ein Himmelfahrtskommando. Jetzt weiß man, daß es eine richtige Prognose war. Vukmirovic wollte den minimalistischen Sander-Stil auflockern. Er unternahm allzu muntere Ausflüge in den Sport, zog den Frauen Trainingsanzüge, den Männern Biker-Jacken an und begann zu dekorieren. Das war das Gegenteil der von Sander so erfolgreich aufgebauten Firmenphilosophie.

          Der Franzose präsentierte durchaus gelungene Entwürfe, aber er arbeitete sich an Jil Sander ab und schien es doch nicht bewältigen zu können. Vorwerfen kann man ihm das nicht. Auch die Designerin übt keine direkte Kritik. Sie deutet nur den Kontrast an zwischen der Gesamtkollektion, die den alten Geist durchaus behalten habe, und der Pressekollektion, die grundsätzlich das Image einer Marke in der Öffentlichkeit definiert.

          Keine überdekorierten Tannenbäume

          Schon ihre ersten am Montag präsentierten Entwürfe markieren neues und damit altes Terrain. "Geraderücken" nennt die Designerin das. Der Sander-Mann kommt leise daher, schlicht und unauffällig, getreu dem, was Sander über ihre erste Herrenkollektion 1997 sagte: "Ein Mann will nicht wie ein überdekorierter Tannenbaum in einer Runde sitzen. Was er trägt, soll eine klare und leise Sprache sprechen."

          Trotzdem knüpft sie nicht nahtlos an ihre letzte Herrenkollektion an. Auch sie habe sich weiterentwickelt, habe sich, obwohl sie nur noch Konsumentin gewesen sei, weiter mit Mode beschäftigt. Ihre Entwürfe atmen nicht Vergangenheit. Im Gegenteil: Am bemerkenswertesten ist ihre Sportswear, die sie eben anders macht als die anderen. Auf ihre Art. Sie selbst nennt sie "cooler, mehr sophisticated, reduzierter". Sport bringt hier Eleganz hervor, nicht Schweiß.

          Erste Damenkollektion im September

          Sie bedruckt Hemden nicht mit Balken, Zahlen oder Blumen. Das höchste der Gefühle sind in der fast komplett unifarbenen Kollektion ein oder zwei schmale Linien auf der linken Brust, am liebsten auf dünner, weicher Baumwolle. Einen Trenchcoat zeigt sie zerknittert, ihre Cargohosen sind nicht ausgebeult und nicht durch viele aufgesetzte Taschen in ihrer Linie verwischt. Sie wählt eine schmale Silhouette, schmale Krawatten, schmale Revers, selbst die Models sind schmal. Und wie immer gibt es auch die klassischen Sander-Anzüge, körpernah, leicht und geschneidert wie eine zweite Haut.

          Aber erst im September, wenn die Neunundfünfzigjährige ihre erste Damenkollektion nach ihrem seltsamen Vorruhestand präsentiert, wird sich zeigen, ob sie an vergangene Erfolge anknüpfen und das Unternehmen aus dem Tief holen kann. Die Chancen stehen gut. Mit ihrer Rückkehr wächst wieder die Bindung zwischen Marke und Kunde, weil sie die Entwürfe mit ihrer Persönlichkeit, die in der Zurückhaltung so stark ist, prägen kann. Und nicht zuletzt, weil die Verantwortlichkeiten und damit die Fronten mit Bertelli geklärt sind. "Wir haben uns näher kennengelernt und festgestellt, daß wir in vielem gleicher Meinung sind", sagt Jil Sander gelassen. Erstes Beispiel: Nachdem der Prada-Chef die Kollektion am Sonntag das erste Mal gesehen hatte, soll er bester Laune gewesen sein.

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