https://www.faz.net/-hs1-11wob

Mailänder Modewoche : Die Lieblingsfarbe der Krise

Samtschwarz ist die Mode von Armani Bild: dpa

Bei der Mailänder Modewoche werden die Kollektionen für die nächste Herbst-/Wintersaison präsentiert. Aber nicht nur die Entwürfe, auch die Stimmung erinnert an einen trüben Novembertag.

          5 Min.

          Es gehört zum Geschäft der Mode, das Gesicht zu wahren. Models müssen auf 14 Zentimeter hohen Pumps über den Laufsteg stolpern, doch die Devise lautet: keine Miene verziehen! Chefredakteurinnen treffen in der ersten Reihe auf ihre Konkurrentinnen: lächeln! Designer erhalten mäßigen Applaus für ihre Kollektion und flöten trotzdem: „Thank you so much!“ Schlechte Laune wird in der Modewelt nicht gern gesehen. Trotzdem kann die exaltierte Stimmung während der Mailänder Schauenwoche, bei der noch bis Dienstag die Kollektionen für den nächsten Herbst und Winter zu sehen sind, nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Krise die italienische Mode ins Schlingern bringt - dabei ist sie neben Chianti, Pasta und Ferrari der bekannteste Exportschlager des Landes.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Man spricht beim Glas Champagner nie über Zahlen, aber der italienische Modeverband „Sistema Moda Italia“ vermutet, dass die Umsätze derzeit um bis zu 60 Prozent zurückgehen. Viele Textilfirmen haben Angestellte entlassen oder zumindest Kurzarbeit eingeführt. Um eine Ahnung von der Stimmung zu bekommen, muss man nur einmal die Via Monte Napoleone hinauflaufen. In den Luxusboutiquen verbringen Verkäuferinnen ihre Zeit damit, die Bügel an den Ständern von rechts nach links zu schieben - und wieder zurück. Kundenberatung entfällt, aus Mangel an Kundschaft. Noch sind die Lager der Designermarken mit der Frühjahrsmode gut gefüllt. Droht auch die Herbstmode zum Ladenhüter zu werden?

          Es ist ein Punkt erreicht, an dem man die Krise nicht weglächeln kann

          Mario Boselli, Chef der italienischen Modekammer, lächelt wie ein Vater, der seinem Sohn Mut zuspricht, obwohl er drei Sechsen im Zeugnis hat. Boselli muss von Amts wegen optimistisch sein. Er kann sich sogar vorstellen, dass es in drei bis vier Monaten schon wieder aufwärtsgeht: „Die Rohstoffpreise sind gesunken, das könnte auch der Textilindustrie zugute kommen.“ Zwar muss er eingestehen, dass aus Amerika, wo gerade die großen Luxuskaufhäuser wie Saks und Neiman Marcus in Seenot geraten, weniger Einkäufer nach Mailand gereist sind, aber das bedeute nur, dass die Teams verkleinert worden seien. „Früher reisten sechs Mitarbeiter eines Kaufhauses an, diesmal sind es vielleicht nur drei.“ Selbst die Insolvenz der Textilgruppe IT-Holding und die ihrer Tochter Ittierre nimmt er gelassen: „Das waren alte Probleme, die sich in der Krise ausgeweitet haben.“

          Trauer muss die Mode tragen

          Tatsächlich aber wirkt am Freitag die Meldung von der Pleite des Unternehmens, das unter anderen die Marke Gianfranco Ferré führt, wie ein Schock. Wie in anderen Ländern auch muss es der Staat richten: Die IT-Holding steht jetzt unter Insolvenzverwaltung des italienischen Wirtschaftsministeriums, ebenso wie das Tochterunternehmen Ittierre, das Marken wie Just Cavalli, Versace Sport und C'N'C Costume National und Galliano in Lizenz produziert. Da ist ein Punkt erreicht, an dem man die Krise nicht mehr weglächeln kann.

          Samtschwarz und asphaltgrau

          Roberto Cavalli versucht es erst gar nicht, denn er fürchtet um das Image seiner jungen Zweitlinie Just Cavalli, bei der es zu Lieferschwierigkeiten und kreativen Mängeln gekommen war. Daher wurde die für Donnerstag geplante Schau kurzfristig abgesagt. In einer Pressekonferenz erklärt der Designer durchaus emotional: „Ich hätte mein Baby gerne so schnell wie möglich zurück und würde ihm dann väterliche Liebe geben.“ Doch um das Sorgerecht wird Cavalli kämpfen müssen: Der Lizenzvertrag bei Ittierre läuft noch bis 2010.

          Als die Kollektionen für den nächsten Herbst und Winter konzipiert wurden, nahm die Krise mit der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers gerade ihren Anfang. Wie aber sieht die Mode aus, mit der die Designer hoffen, das Jahr zu überstehen? Vielleicht so samtschwarz und asphaltgrau wie bei Giorgio Armani, der es sich immer noch leisten kann, sechzig Models zu buchen, von denen alle nur einmal den Laufsteg betreten (während andere Häuser genau hier sparen müssen)? Oder hilft es, sich auf seine Wurzeln zu besinnen? Dolce & Gabbana geben sich mit einer von der Mailänder Scala inspirierten Kollektion betont italienisch, Burberry Prorsum „very British“ mit Trenchcoats aus Tweed und Faltenröcken, wie sie Queen Elizabeth noch als Kronprinzessin trug.

          Zieht neue Bescheidenheit in die Mode ein?

          Weitere Themen

          Prêt? À? Porter?

          Mode aus Paris : Prêt? À? Porter?

          Die Prêt-à-Porter-Woche in Paris gilt mit ihren Hunderten Empfängen als größte Zurschaustellung der Mode. Doch wie gefallen Ihnen die neuen Trends? Stimmen Sie ab.

          Polen sucht nach dem richtigen Umgang Video-Seite öffnen

          Zusammenstöße in Lublin : Polen sucht nach dem richtigen Umgang

          Nach den Angriffen auf Teilnehmer einer Homosexuellen-Parade im ostpolnischen Lublin will die rechtskonservative Regierungspartei PiS die Gewalt zwar nicht gutheißen, sich aber auch nicht hinter die Demonstranten stellen. Die anstehende Parlamentswahl wird an der Haltung der Regierung wohl nichts ändern; schließlich führt die PiS alle Umfragen klar an.

          Topmeldungen

          Gergely Karácsony auf einer Aufnahme vom März 2018

          Kommunalwahlen in Ungarn : Orbans Fidesz verliert Budapest

          In Ungarns Großstädten hat die Partei von Regierungschef Viktor Orban einen schweren Stand. Der künftige Bürgermeister von Budapest will die Hauptstadt „transparent, solidarisch und grün“ machen.
          Zweimal Gündogan: Kimmich schreit seine Erleichterung über die Treffer des Kollegen heraus.

          3:0 für Deutschland : Geduldsspiel in Tallinn

          Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft muss einen frühen Platzverweis von Emre Can verkraften, gewinnt aber nach zähem Beginn 3:0 in Estland. Gündogan trifft zweimal, Werner setzt noch einen drauf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.