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Mailänder Modenschauen : Die Stunde der Glocke

Die Rückkehr von Jil Sander - schlicht Bild: dpa/dpaweb

Jil Sanders Wiederkehr, das Ende des Sports und der Anfang von Aigner auf den Mailänder Modenschauen.

          3 Min.

          Als erste stehen die Deutschen vor der Tür. Denn Jil Sander kehrt nach drei Jahren zurück; im Juni hatte sie lediglich letzte Hand an die Herrenkollektion angelegt. In der ersten Reihe sitzen Miuccia Prada und ihr Mann, Patrizio Bertelli. Mit ihm, der ihre Marke gekauft hatte, überwarf sich Jil Sander vor drei Jahren. Mit ihm, der den langsamen Niedergang von "Jil Sander" ohne Jil Sander befürchten mußte, kam sie im Frühjahr wieder überein. Nach der Schau wird sie lachend sagen, sie verstünden sich gut, schließlich hätten sie zwei Jahre zum Diskutieren gehabt. Vor der Schau sieht es auch so aus: Bertelli ist guter Dinge und verfolgt mit sichtlichem Behagen das Defilee.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Und mit dieser Stimmung liegt er richtig. Denn Jil Sander zeigt, was sie war - und was sie jetzt zudem noch ist. In Kaschmirpullover und taillierten Jacken, schmal und auf den Körper geschnitten, in schwarzen Gehröcken und weißen Empirekleidern zeigt sie die Zerbrechlichkeit der ätherisch zarten, ausgesucht feinen und ziemlich reichen Dame. Aber das ist eben nicht alles. Die schmale Linie erweitert sie mit Schwung zur leichten Glockenform. Chiffon changiert in mehreren Lagen zwischen Weiß und Pastelltönen. Und Muster aus dem fünfzehnten Jahrhundert sind im Handdruckverfahren auf die Kleider und Jacken aufgebracht, in mattem Schwarz und so leichtem Gold, daß man es auf den unteren Lagen wähnt und erst beim zweiten Blick genau entdeckt. So bringt Jil Sander neue Freiheit auf den Laufsteg und macht ganz nebenbei aus der Mode angewandte Kunst, aus dem Serienprodukt ein Unikat.

          Sander: „Ich habe mich verändert“

          Nach der Schau, als die meisten Gratulanten gegangen sind, erklärt sie sich - in aller Ruhe und Gelassenheit. Sie habe viel Zeit zum Nachdenken gehabt. Zu ausgedehnten Reisen, ausführlicher Lektüre und auch zur Pflege von Freundschaften kam sie erst in der modefreien Phase: "Ich habe mich verändert." Schon die Erweiterung zur gehobenen Freizeitkleidung sei durch die freie Zeit zu erklären, die sie sichtlich genossen hat. Auch hat die Muße die Muse wachgeküßt. Früher sei sie nie der Typ für Drucke gewesen: "Vor lauter Müssen habe ich vielleicht die künstlerische Seite vernachlässigt." Nun, nach ausführlicher Beschäftigung mit moderner Kunst, habe sie die Möglichkeit entdeckt, als Modemacherin skulptural und ornamental am Körper zu arbeiten.

          Sander: Klassische Schnitte in weiblicher Form

          Mit der Erweiterung klassischer Schnitte in die Freiheit weiblicher Formen liegt Jil Sander, sicher ohne Absicht und aus anderen Motiven, in einem der Großtrends der Mailänder Schauen, die am Sonntag zu Ende gingen. Schon mit bauschigen Chiffonkleidern und einer zumindest angedeuteten Glockenform zeigt sich, daß eine leichtere und positivere Stimmung erzeugt werden soll. Viele große Marken von Prada über Armani bis hin zu Gucci zeigen Frühjahrskollektionen, die diesen Namen auch verdienen - im Gegensatz zu den Winterkollektionen, die den Minirock so stark in Szene setzten, daß er in dieser Saison nach einer Minikarriere schon wieder am Ende ist. Zum Sommer gehören dementsprechend helle Farben von Weiß über Beige bis in alle Pastelltöne hinein, mit Pfirsich, Lindgrün, hellem Lila und Rosé: Was früher Luder, trägt heute Puder.

          Armani, D&G und Miu Miu geben sich jünger

          Es gibt aber auch bunte Ausnahmen. Das sind die Zweitlinien wie Emporio Armani, D & G oder Miu Miu, die sich jünger geben. Ausnahmen sind auch jene Marken, die mit einem besonderen Angebot ihre Klientel bedienen wie Roberto Cavalli, der es weiter rocken läßt, wie Missoni oder Pucci, die vor allem aus Farben existieren, wie Versace, wo man mit weit ausgeschnittenen Kleidern und einem bunten Strauß an Neonfarben jene Frau in Szene setzt, die früher in Gestalt von Jennifer Lopez in der ersten Reihe saß - und heute in Form von Beyoncé begeistert ist. Donatella Versaces Entwürfe waren aber auch typisch. Sie setzte neben Türkis auf Gelb und Rosa, die einzigen starken Farben der Saison. Außerdem erging sie sich - wie viele andere, wenn auch bunter - in großflächigen Drucken. Die Blow-up-Blumen sind eine der vielen Reaktionen auf das schon fast vergessene Thema Sport: Das findet sich nur in Adidas-Streifen bei Gucci.

          Die sanften sind in dieser Saison also die starken Auftritte. An diese - in der Mode - durchaus deutsche Einstellung, die in Mailand nun seit achtzehn Jahren von Jil Sander und seit acht Jahren von Gabriele Strehle verkörpert wird, hält sich auch die Münchner Marke Aigner. Sie zeigt ihre Kollektion wie zwei Tage zuvor Strenesse um 9 Uhr morgens und will wohl sanft in den Tag geleiten. Abgefrühstückt wird - nach dem Cappuccino vor der Tür - erst einmal das Firmenlogo, das Hufeisen-A. Aber Creative Director Johann Stockhammer, Mode-Designerin Ines Valentinitsch und Leder-Designerin Madeleine Häse bauen ihre Kollektion - die zweite, die sie in Mailand zeigen - nicht um das altbekannte Logo; es ist sogar so selten zu sehen wie nie zuvor bei dieser Marke, weil man mehr zu bieten hat. Der Zwischenapplaus gilt also nicht nur dem berühmtesten Model, Elettra Rossellini, der Tochter von Isabella. Nein, zu sanft plätschernder Musik sieht man in Weiß über Beige bis hin zu kosmetischen Farben: herrliche Hosenanzüge, längs gestreift und eng geschnitten; Kleider, deren fast monochrome Anmutung durch Bänder und Gürtel aus braunem Kalbsleder und Schließen aus der Taschenkollektion aufgelockert, gegliedert, gehalten wird; sportliches Leinen, mit Seide verweiblicht. Man sieht Aigner an, daß italienischer Geist die deutsche Paßform beflügelt. Wieder erwacht eine deutsche Marke in Italien - und das so früh am Morgen.

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