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Mailänder Modemesse : Blümchen auf der Lederjacke

Weisen die Mailänder Herrenmodenschauen auf den Untergang des Mannes? Bild:

Die Mailänder Herrenmode macht sich fürs nächste Frühjahr locker. Die Leichtigkeit soll der schweren Männermode, die sich meist in der Debatte um zwei oder drei Sakkoknöpfe und dicke oder dünne Nadelstreifen erschöpft, Flügel verleihen.

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          Gucci näht den Männern tropische Blumen auf die Lederjacke. Bei Dolce & Gabbana schlurfen die Jungs in Pantoffeln und in Pyjama-Hosen über den Laufsteg. Miuccia Prada nimmt ihnen den Kragen ab und lässt sie im riesigen Rundausschnitt nackt aussehen. Was vom Mann noch übrig ist? Fürs nächste Frühjahr jedenfalls kein gedeckter Look mehr, keine ordentlichen Schuhe und am Hemd nicht einmal ein Kragen. Das starke Geschlecht wird seiner letzten Symbole beraubt – und sieht ziemlich schwach aus.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Man muss in den Mailänder Herrenmodeschauen nicht den Untergang des Mannes sehen. Denn natürlich kann er sich noch Anzüge kaufen bei Armani und Brioni und Zegna, natürlich kann er sich noch mit all den Statussymbolen von der Tag-Heuer-Uhr über die Gucci-Sonnenbrille bis zum Tom-Ford-Duft schmücken, kann er mit den Ferrari jaulen und mit den Azzurri heulen. Aber wer als Mann ganz vorne mit dabei sein möchte in der Mode, der muss sich umgewöhnen – und sich fürs kommende Frühjahr umziehen.

          Zerschlissenes Understatement

          Beispiel Burberry. Im Glassaal an der Via Venezia erreichen die Temperaturen fast 40 Grad – und die Jungs auf dem Laufsteg tragen einen Mehrlagen-Look mit hängenden Schultern und Karottenhosen, aus lockerem Leinen, mit einem zerknitterten Gartenhut. Die britische Luxusmarke sucht das zerschlissene Understatement des Edel-Clochards. Erinnern die Outfits nicht auch an Schäfer? „Ja, das stimmt“, sagt Chefdesigner Christopher Bailey backstage: „Thomas Burberry, der Gründer der Firma, hat seinen Gabardine-Stoff schließlich auch entwickelt, als er Schäfer sah, die der Witterung ausgesetzt waren. Dazu passt der Lagenlook.“

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          Mailänder Modemesse : Blümchen auf der Lederjacke

          Beispiel Bottega Veneta. Die Luxusmarke der Gucci-Gruppe, vor allem bekannt durch die Taschen aus geflochtenen Lederriemen, laut aktuellem Luxury Brand Status Index die nobelste Modemarke der Welt, hat um neun Uhr morgens zur Schau geladen. Trotz mehrerer Espressi im Hof reiben sich die Schauengäste bei den ersten Entwürfen die Augen: Wie bei Dolce & Gabbana – und später auch bei Emporio Armani – laufen die ersten Jungs im längsgestreiften Pyjama à la Julian Schnabel vorbei, mit Kaschmirjäckchen, falls es kühl wird. Leichter wird man kaum ins nächste Frühjahr kommen. „Essentiell ist die Jacke – von der Anzug- bis zur lockeren Pyjama-Jacke“, sagt Chefdesigner Tomas Maier, der gerade nach einem Standort für einen Laden in Berlin sucht – damit er nicht nur Geschäfte in Kuweit, Bahrein und Schanghai eröffnen muss.

          Tropenblumen auf den Schuhen

          Ob ihm der Auftritt dort mit den mehrfarbig-clownesken Kalbslederschuhen gelingen wird? Das einzige rätselhafte Element seiner Schau jedenfalls findet auch bei anderen Marken von Armani über Dsqared bis Gucci Freunde: Der „two tone shoe“ läuft offenbar super – zumindest in den Augen der Designer. Munter werden die Farben am Fuß kombiniert, bei Brioni haben die Budapester sogar Einsätze aus Denim oder Leinen. Und für Gucci-Chefdesignerin Frida Giannini reichen zwei, drei Farben nicht mal aus. Ihre bunten Tropenblumen hat sie sogar auf die Schuhe genäht. Sieht das nicht sehr weiblich aus? „Nein“, sagt sie, als sich nach der Schau all die schmalen Jungs um sie herum wieder ins Alltagszeug werfen, sich mit einem Kuss verabschieden und zur nächsten Schau laufen. „Nein, die Männer sollen einfach nur Freude haben! Das hat nichts mit den Geschlechtern zu tun!“

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