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Mailänder Mode : Der Gladiator im Kleiderkampf

Modische Alternative für deutsche Schwarzwald-Mädels Bild: dpa/dpaweb

Die Modewochen in Mailand begannen „erdig und ehrlich“ mit Pucci, Prada und Armani. Roberto Cavalli hingegen verwandelte den Laufsteg in eine russische Winterlandschaft, durch die seine pelzgewärmten Models mit Hunden flanierten.

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          Wieder einmal stiehlt sie allen die Schau. Miuccia Prada schickte rechtzeitig vor der Modewoche in Mailand, die am Wochenende begann und noch bis zum Samstag dauert, einen Gladiator in den Kleiderkampf.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Der britische Regisseur Sir Ridley Scott, für martialische Attacken („Gladiator“, „Blade Runner“) bekannt, bewirbt das erste Parfum der Marke. Der Film „Thunder Perfect Mind“ über eine junge Frau, die durch Berliner Szenen schwebt und aus dem Off in Lyrik gegossene gnostische Weisheiten hört, ist nicht etwa wegen seines künstlerischen Werts bemerkenswert. Vielmehr kann man darin sehen, wie geschickt sich das Modemarketing der Kunst bedient, um duftende Essenz in überteuerten Fläschchen unters Volk zu bringen.

          Gute alte dialektische Schule!

          Miuccia Prada bestätigte diesen Vorwurf noch im Widerspruch. Zehn Jahre lang habe sie aus Angst vor dem Massenmarkt kein Parfum herausgebracht, und niemals habe sie Prada als eine Marke gesehen, die es zu vermarkten gelte, verriet sie dieser Tage. Gute alte dialektische Schule! Mit Hinweis auf Inner- statt Äußerlichkeit und überhaupt auf die Kunst verursacht sie einen Werbeeffekt, wie ihn nicht einmal Frau Pradas schöne Schau am Montag hervorrufen konnte, auf der sie schmale Uniformschnitte mit Federcapes und Wollstickereien aufwertete.

          Modische Alternative für deutsche Schwarzwald-Mädels Bilderstrecke

          Wozu also noch Modenschauen? Warum zeigen in Mailand mehr als hundert Modemacher ihre Entwürfe für Herbst und Winter, obwohl man mit einem Werbefilm mehr erreicht? Das werden sich auch die beiden bekanntesten deutschen Designerinnen gefragt haben, die diese Woche eben nicht auf dem Laufsteg zu sehen sind. Jil Sander hat sich von der Marke eigenen Namens getrennt, die nun vom Prada-Konzern entweder in glanzvoller Gladiatorenmanier und mit vielen Düften vermarktet oder an die unterbeschäftigte Gründerin zurückverkauft wird. Zunächst wird „Jil Sander“, nun von einem Designteam verantwortet, in kleinem Rahmen jenseits des Schauenplans am Freitag morgen präsentiert. Gabriele Strehle wiederum wird nur im Showroom für Besichtigungen bereitstehen. Sie verzichtet auf eine eigene Schauenkollektion und konzentriert sich auf die Entwürfe, die später auch wirklich in die Läden kommen.

          Berliner Designerduo in Mailand

          Das Berliner Designerduo Unrath & Strano, in der nun zu Ende gehenden Ballsaison von Franziska van Almsick rückenfrei bekannt gemacht, hatte schon am Sonntag seinen Auftritt und zeigte nicht nur schön bestickte Jeans, sondern auch die manchmal etwas stark verruchten Abendkleider. Johannes Stockhammer tritt für Aigner erst am Samstag auf. Und der gebürtige Pforzheimer Tomas Maier, der Bottega Veneta binnen vier Jahren zur Marke mit dem schnellsten Wachstum innerhalb der Gucci-Gruppe machte, begeisterte am Montag mit einer Kollektion, der die traditionellen Leder-Accessoires nebst schwerem Klunker auf die schwingenden Kleider gerutscht schienen.

          In den ersten Schauen der Woche wurden die aus New York und London kommenden Trends fortgeschrieben. Dazu gehören Pelz, Goldglanz und viele Steinchen wie bei Roberto Cavalli oder Stefano Guerriero. Beide setzen zudem auf Jeans und bestätigen auch damit den Trend der Saison. Ein Überblick der „Textilwirtschaft“ zur Damenmode im Januar zeigt, daß sich dekorierte Jeans und Jacken sehr gut verkaufen, Hosen, Hosenanzüge und Kostüme dagegen schlecht. Nichts paßt eben so gut zu den weiterhin sprießenden Farben in Mailand beispielhaft bei der Spanierin Agatha Ruiz de la Prada und natürlich bei Pucci am Dienstag morgen wie eine „authentisch“ gewaschene Jeans. Das mußte in Paris sogar Jean-Paul Gaultier erkennen, dessen Unternehmen im Jahr 2004 einen Verlust erwirtschaftete und nun unter anderem mit einer in Lizenz gefertigten Jeans-Linie Erfolg erwirtschaften soll.

          Bauschende Glockenröcke und reichlich Glamour

          In Mailand wird dieses Mal zumal im Hinblick auf den bevorstehenden Oscar-Sonntag der Abend im Mittelpunkt stehen. So sah man bei Lorenzo Riva nicht nur die sich weiterhin bauschenden Glockenröcke, sondern auch reichlich Glamour. Marni, die stürmisch wachsende Marke der Designerin Consuelo Castiglione, brachte am Dienstag nachmittag gefältelte und geraffte Abendkleider mit Empire-Gürtung, die Platz boten für Blumenstickereien und Pelzbesätze.vUnd Giorgio Armani zeigte sich sogar in seiner Zweitlinie „Emporio Armani“ trotz einiger ausfransender Miniröcke überraschend festlich gestimmt. Er will halt auch in Hollywood everybody's darling bleiben.

          Nur ein Trend wird sich sicher in Mailand nicht durchsetzen: Saffronistas, also in Safran oder sagen wir ruhig Orange gekleidete Menschen, wie sie der „New York Times“-Alltagsmodefotograf Bill Cunningham am Sonntag auf seiner Seite „On the street“ bis hinunter zum Hundemäntelchen im Dutzend abbildete, wird man nur noch bis zum nächsten Montag und nur in New York sehen. Keine andere Farbe hatte in den vergangenen Monaten einen solchen Auftritt erst mit der Revolution in der Ukraine und dann als Gesamtkunstwerk von Christo und Jeanne-Claude. Zur Farbe des nächsten Winters wird Orange trotzdem nicht werden: Da bleibt man lieber bei Bordeaux, Aubergine, Gold, Grün, Braun, Grau und gern auch wieder Schwarz. Deshalb muß der nächste Winter ja nicht gleich trist und traurig werden. Nennen wir ihn einfach erdig und ehrlich.

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