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Männermode Mailand : Des Mannes Herr werden

Am deutlichsten erkennt man die Wiederauferstehung des Herrn aber am Zweireiher. Seit mindestens einem halben Jahrzehnt verpönt, belächelt und verachtet, steht er nun bei Alexander McQueen, Gucci, Burberry, Jil Sander wieder auf dem Laufsteg. Durch den kürzeren Schnitt im Sinne des von den Amerikanern stark forcierten "preppy look" gut gekleideter College-Studenten wirkt er nicht mehr so plump wie früher. Und manchmal kommt er sogar witzig daher. Kean Etro, Herrendesigner der italienischen Modefamilie, brachte drei Trends in einem, als er einen Mann im weißen Zweireiher mit knielangen Hosen auf den Laufsteg schickte. Nun dürfen sich jedenfalls auch konservativ gekleidete Männer bestätigt fühlen in ihren Kleidersitten. Peter Paul Polte, Chefredakteur der "Textilwirtschaft", freut sich, "daß Dekorationswut und allzu starke Farbigkeit aufhören". Angesichts der überraschenden Mutation des Mannes zum Herrn kündigt er an, schon bald wieder einen Zweireiher hervorzuholen, der seit Jahren im Schrank hing.

Umberto Angeloni beobachtet den konservativen Dreh mit einem wissenden Lächeln. Der Chef des Hauses Brioni, das in Deutschland mit Gerhard Schröder berühmt wurde, veranstaltet auf der Insel Brioni vor der kroatischen Küste nicht nur Poloturniere. Er schneidert sich gleich auch die entsprechende Kollektion mit Polojacken dazu, wie sie schon 1924 getragen worden sein könnten, als das erste Turnier dort stattfand. Die britische Marke Daks hat nach der Damen- nun auch eine Herren-Luxuskollektion auf den Markt gebracht. Und Bottega Veneta unter dem deutschen Designer Tomas Maier ist ebenfalls gerade dabei, das obere Ende des Marktes zu erobern. Überhaupt scheint der Luxusmännermodemarkt in Bewegung zu kommen. So wird in New York gerade an der ersten Nummer der "Men's Vogue" gearbeitet, die am 6. September mit einer Auflage von 300.000 erscheint und den Mann anpeilt, so Chefredakteur Jay Fielden, der im Einkommen oberhalb von 100.000 Dollar angesiedelt ist.

Die Kürzel sind wohl für Chinesen

Vielleicht ist es aber gar nicht der Luxus, der sich im Rückgriff auf das Bewährte zeigt. So macht sich beim neuen Hang zu einfachen Labels - einem "F" für Ferre, einem "DG" für Dolce und Gabbana, einem Polospieler für Brioni - leicht Müdigkeit breit. Die Kürzel sind wohl vor allem für Chinesen gedacht, die mit den lateinischen Buchstaben europäischer Namen wenig anfangen können. Solche Labels erinnern allzusehr an das Versprechen des Luxus, das um so hohler klingt, je stärker es sich ans Kommerzielle knüpft. Eigentlich also ist modisch Reduktion angesagt. Denn schließlich will man die guten Stücke auch verkaufen. "Wir gehen weg von der Mode, hin zur Bekleidung", sagt Susanne Tide-Frater, Creative Director bei Harrods in London. "Auch Versace kehrt zu seinen Wurzeln zurück." Giorgio Armani wiederum zeigt wieder einmal, daß man den modischen Rückgriff auf die Tradition auch locker überstehen kann: Der Preis sind dann allerdings einige Hosen, die mit deutlich zuviel Schlag durch die Welt gehen.

Wird die Männermode also schlicht eintönig? Auch da weiß Frau Prada weiter. Sie wirft, ganz verspielt, Sterne und Herzchen übers Hemd, das unterm braven beigefarbenen Sakko zu tragen ist. Da ist er dann wieder, der Mann, der nicht mehr an die alten Ideologien glauben darf, nicht mehr an den kommunistischen Roten Stern, nicht mehr an die Liebe. Nein, der neue Mann trägt ein Allover-Muster aus entleerten Symbolen. Er ist fein säuberlich verpackt in ein Zuviel an Sternen und Herzen. So muß er rein über die Oberfläche gefallen, und zwar nicht nur sich selbst. Kein Wunder, daß sein Hemd nur allzu deutlich an Geschenkpapier erinnert.

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