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Männermode Mailand : Des Mannes Herr werden

Ohne Hemd, aber dafür mit Helm: Anzug von Enrico Coveri Bild: AP

Da mögen noch so viele Blümchen auf Männerunterhosen prangen - der Mann will zurück in den richtigen Anzug: Die Mailänder Männermode für Frühjahr und Sommer 2006 entdeckt überraschend die Klassiker.

          Wunder gibt es in der Mode immer wieder. Die Jungs tragen Jeans, die vorne noch an den Hüftknochen hängen, die aber hinten nichts mehr hält. Diese Jeans, meist eng geschnitten, fallen aber nicht ins Hosenbodenlose. Nein, bei D&G, der Zweitlinie der Modemacher Dolce & Gabbana, bleiben sie, wie von unsichtbarer Hand gehalten, auf halb acht hängen, südlich der Po-Ebene.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Die geblümte Unterhose schaut hinten fast auf ganzer Länge aus der Hose heraus. Aber Achtung! Das ist kein Modegag! In Italien tragen das viele junge Männer, wenn das Leben noch aus Freizeit besteht, wenn der Bauch noch nicht die Hüftknochen überwölbt, wenn der Träger den Damen noch nicht sein Herz, sondern erst einmal den Hintern offeriert.

          Reizendes Spiel mit der Unterwäsche

          Die Hüfthose ist in die Mitte der Männermode gerutscht. Bei den Herrenmodeschauen diese Woche in Mailand und kommende Woche in Paris wird wieder in extremer Darstellung gezeigt, was in abgeschwächter Form im Frühjahr und Sommer 2006 auch in den Läden liegt. Die hängenden Hüfthosen, das reizende Spiel mit der Unterwäsche, die femininen Milchbubigesichter mit halblangem Haar, die übergroßen Sonnenbrillen, die blühenden Farben - die Herren verdanken der Damenmode viel.

          Ohne Hemd, aber dafür mit Helm: Anzug von Enrico Coveri Bilderstrecke

          Der Mann, das schwache Geschlecht, ist so ganz allein eben unsicher. Im Fall der Hüfthose, die außer von den Frauen natürlich auch von den "baggy pants" des Hip-Hop inspiriert ist, zeigt er sich sogar doppelt abhängig: Denn erst die Emanzipation hat den Blick der Frau für den Po des Mannes geschärft, den früher gnädige Weite umspielte.

          Der Mann will zurück in den richtigen Anzug

          Aber vielleicht ist das alles nur eine optische Täuschung. Vielleicht ist der Trend nur ein Teil des Gegentrends. Denn die wichtigere Tendenz, die parallel läuft und sich mit dem Weiblichen erst im Unendlichen trifft, ist die Rückkehr des Mannes zur Herrenmode. Da mögen Stefano Gabbana und Domenico Dolce die Blümchenunterhose feiern, da mögen die Farbenfanatiker bei Missoni und Etro wieder alle Grenzen unseres Augenhaushalts sprengen, da mögen Frauenfarben wie Türkis oder Rosa nun auch Trussardi oder Calvin Klein oder Brioni schmücken: Der Mann will zurück in den richtigen Anzug, und wenn er nicht will, dann steckt ihn Prada hinein.

          Miuccia Prada erhebt die Unauffälligkeit zum Prinzip und verlegt sich ganz auf den schmal geschnittenen Zweiteiler. Nach der Schau erklärt sie hinter der Bühne, "back to basics" zu wollen, "weg vom falschen Luxus". Man sieht's: Die Taille ist nicht gar so tief gelegt, es herrscht der Mut zu Beige und Grau, und nur die changierenden Techno-Oberflächen sichern den Sakkos Aufmerksamkeit. Pradas Ästhetik speist sich aus kleinen Abweichungen. Kaum sind viele Modemacher bei Zweiknopf-, einige sogar bei Einknopfsakkos angelangt, geht sie, immer einen Schritt voraus, schon wieder auf drei Knöpfe zurück. Ganz nebenbei: Die zur Zeit bei deutschen Männern äußerst beliebten Streifen auf Hemd, Krawatte und Anzug sind für das nächste Frühjahr kaum noch vorgesehen. Die Streifenpolizei sollte sie bald nicht mehr durchwinken.

          Die Pradaisierung schreitet voran

          Unerbittlich schreitet die Pradaisierung voran. Die abgemilderten Rose-, Violett-, Türkistöne bestimmen das Bild auch bei anderen Schauen. Den Trend zum "Angezogensein", wie das die Modemacher nennen, weil sie sich dadurch wohl einen besseren Verkauf erhoffen, sieht auch Burberry. Dort arbeitet Designer Christopher Bailey - bei den Herren wie bei den Damen - inzwischen auf einer Augenhöhe mit Miuccia Prada und kombiniert souverän sein Safari-Beige mit maritimer Anmutung und Schulterklappen-Jacken. Jil Sander, wo noch das Team verantwortlich war, bevor an diesem Freitag Raf Simons seine Arbeit antritt, gibt sich ebenfalls gedämpft in den Farben und streng in den Formen, die nur durch dezente Knitteroptik und knielange Hosen aufgelockert werden. "Schmal ist fast alles", resümiert Klaus Stockhausen ("GQ"). "Die scharfe, kurze Silhouette setzt sich durch."

          Und in Anspielung auf die richtungweisenden Entwürfe Hedi Slimanes für Dior, die nächste Woche in Paris gezeigt werden und vor allem Jugendliche wie Karl Lagerfeld kleiden, meint er: "Vieles sieht aus wie Dior für Erwachsene." Wo Slimanes Visionen aber häufig ins Sinistre gehen, sehen die italienischen Modemacher Licht: Zu Beige, Flieder, Lachs, Pfirsich, Rosa, die ins Pastellene, Pudrige, Freskohafte abdrehen, zu manchen starken Farben wie Blau, Gelb und immer noch Grün tritt in unglaublicher Breite Weiß. Schon für dieses Jahr war die Nichtfarbe (so auch bei Boss) vorhergesagt.

          Es gipfelt im weißen Gucci-Frack

          Aber erst im kommenden Jahr strahlt Weiß, das Schwarz des Sommers, zumindest unter der Sonne Italiens. Es begann mit Versace, wo übrigens Donatellas öffentlichkeitsscheue Tochter und Fünfzig-Prozent-Anteilseignerin Allegra aus der ersten Reihe die weiße Ware besichtigte. Es ging weiter bei Strenesse, wo Gabriele Strehle aber Wert auf die Schattierungen legt, da reines Weiß in Deutschland wohl wirklich selten auftritt. Und es wurde auf ganzer Breite bei Gucci fortgesetzt, wo der 47 Jahre alte schottische Designer John Ray in seiner dritten Gucci-Herrenkollektion das Weiß stark mit Schwarz kombinierte - und am Ende in weißen Fracks gipfeln ließ.

          Gucci, seit Tom Fords Abgang zurück aus der Zukunft, geht in die Dreißiger, zu einer stabilen Optik, zur Abendgarderobe. Da zeigt sich, daß der Mann doch wieder Herr werden möchte. Ganz ähnlich Dolce und Gabbana: In der Hauptlinie nähten sie nicht nur an ihre zerrissenen Jeans doppelte Reißverschlüsse - einer kann dann wahlweise durchaus offenstehen. Nein, sie brachten sogar Abendanzüge, einen in schwerem Gold, wie es heute nicht einmal mehr Moskauer Milliardäre tragen. Die Füße schreiten in dieselbe Richtung, also zurück: Von Sneakern ist auf dem Laufsteg nicht allzuviel zu sehen. Kroko-Slipper, Mokassins aus weichem Leder, Sandalen im Jesus-Stil und zur Abwechslung auch Flip-Flops passen im Sommer besser zum Anzug und zur Jeans.

          Die Wiederauferstehung des Herrn

          Am deutlichsten erkennt man die Wiederauferstehung des Herrn aber am Zweireiher. Seit mindestens einem halben Jahrzehnt verpönt, belächelt und verachtet, steht er nun bei Alexander McQueen, Gucci, Burberry, Jil Sander wieder auf dem Laufsteg. Durch den kürzeren Schnitt im Sinne des von den Amerikanern stark forcierten "preppy look" gut gekleideter College-Studenten wirkt er nicht mehr so plump wie früher. Und manchmal kommt er sogar witzig daher. Kean Etro, Herrendesigner der italienischen Modefamilie, brachte drei Trends in einem, als er einen Mann im weißen Zweireiher mit knielangen Hosen auf den Laufsteg schickte. Nun dürfen sich jedenfalls auch konservativ gekleidete Männer bestätigt fühlen in ihren Kleidersitten. Peter Paul Polte, Chefredakteur der "Textilwirtschaft", freut sich, "daß Dekorationswut und allzu starke Farbigkeit aufhören". Angesichts der überraschenden Mutation des Mannes zum Herrn kündigt er an, schon bald wieder einen Zweireiher hervorzuholen, der seit Jahren im Schrank hing.

          Umberto Angeloni beobachtet den konservativen Dreh mit einem wissenden Lächeln. Der Chef des Hauses Brioni, das in Deutschland mit Gerhard Schröder berühmt wurde, veranstaltet auf der Insel Brioni vor der kroatischen Küste nicht nur Poloturniere. Er schneidert sich gleich auch die entsprechende Kollektion mit Polojacken dazu, wie sie schon 1924 getragen worden sein könnten, als das erste Turnier dort stattfand. Die britische Marke Daks hat nach der Damen- nun auch eine Herren-Luxuskollektion auf den Markt gebracht. Und Bottega Veneta unter dem deutschen Designer Tomas Maier ist ebenfalls gerade dabei, das obere Ende des Marktes zu erobern. Überhaupt scheint der Luxusmännermodemarkt in Bewegung zu kommen. So wird in New York gerade an der ersten Nummer der "Men's Vogue" gearbeitet, die am 6. September mit einer Auflage von 300.000 erscheint und den Mann anpeilt, so Chefredakteur Jay Fielden, der im Einkommen oberhalb von 100.000 Dollar angesiedelt ist.

          Die Kürzel sind wohl für Chinesen

          Vielleicht ist es aber gar nicht der Luxus, der sich im Rückgriff auf das Bewährte zeigt. So macht sich beim neuen Hang zu einfachen Labels - einem "F" für Ferre, einem "DG" für Dolce und Gabbana, einem Polospieler für Brioni - leicht Müdigkeit breit. Die Kürzel sind wohl vor allem für Chinesen gedacht, die mit den lateinischen Buchstaben europäischer Namen wenig anfangen können. Solche Labels erinnern allzusehr an das Versprechen des Luxus, das um so hohler klingt, je stärker es sich ans Kommerzielle knüpft. Eigentlich also ist modisch Reduktion angesagt. Denn schließlich will man die guten Stücke auch verkaufen. "Wir gehen weg von der Mode, hin zur Bekleidung", sagt Susanne Tide-Frater, Creative Director bei Harrods in London. "Auch Versace kehrt zu seinen Wurzeln zurück." Giorgio Armani wiederum zeigt wieder einmal, daß man den modischen Rückgriff auf die Tradition auch locker überstehen kann: Der Preis sind dann allerdings einige Hosen, die mit deutlich zuviel Schlag durch die Welt gehen.

          Wird die Männermode also schlicht eintönig? Auch da weiß Frau Prada weiter. Sie wirft, ganz verspielt, Sterne und Herzchen übers Hemd, das unterm braven beigefarbenen Sakko zu tragen ist. Da ist er dann wieder, der Mann, der nicht mehr an die alten Ideologien glauben darf, nicht mehr an den kommunistischen Roten Stern, nicht mehr an die Liebe. Nein, der neue Mann trägt ein Allover-Muster aus entleerten Symbolen. Er ist fein säuberlich verpackt in ein Zuviel an Sternen und Herzen. So muß er rein über die Oberfläche gefallen, und zwar nicht nur sich selbst. Kein Wunder, daß sein Hemd nur allzu deutlich an Geschenkpapier erinnert.

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