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Männermode : Ein bißchen Frau im ganzen Mann

Ist das eine Schwäche der Pariser Schauen? Das Feuerwerk an Ideen, über die man das Tragbare vergißt? Der deutsche Designer Bernhard Willhelm schickt eine ganze Footballmannschaft mit Jogginganzügen aus Lambswool durch die Halle, aufwendig bedruckt mit lodernden Flammen und Backsteinreihen. Er ironisiert mit großer Geste den Sportsman, aber will der Street- und Businessman das tragen? Will er die Jacketts von Junya Watanabe tragen, der in seinen Stoffen englisches Interieur variiert: Mustertapeten, Samtbezüge und Gobelins. Will der Mann in Hemden mit Polka-Tupfen oder Blumen oder Satinhemdchen sein hartes Leben meistern? Wieviel Dekoration verträgt ein Mann? Keine vielleicht?

Die fast radikale Kollektion des Amerikaners Marc Jacobs für Louis Vuitton geht in diese Richtung. In den vergangenen Saisons experimentierte er durchaus mit Farben und Formen, diesmal aber zeigte er den Mann so formell, wie er beim Prêt-à-porter selten zu sehen ist. Der Louis-Vuitton-Mann ist ein ganzer Mann. Er trägt weite Wollmäntel, an der Taille zusammengebunden, wodurch ein breiter Oberkörper entsteht. Die Models haben die Haare zurückgegelt und laufen in Schwarz und Grau und Dunkelblau so zackig über den Laufsteg, daß ihr Ziel eigentlich nur die nächste Investmentbank sein kann.

Sind das Zeitdiebe?

Fast kommen sie einem wie die Zeitdiebe in Michael Endes Roman "Momo" vor, nicht von dieser Welt und kalt wie Stahl. Doch von der überzeichneten Inszenierung sollte man sich nicht täuschen lassen. Denn die Zutaten, die aus der Business-Kollektion eine Mode-Kollektion machen, sind so edel, exklusiv und elegant, daß der Mann, der sie später tragen wird, garantiert Anerkennung findet. Für Aufsehen sorgt Marc Jacobs durch die knappen, über dem Jackett getragenen Blousons und geschickt plazierte Lederstücke, die sich in wattierter Form an den Ellenbogen wiederfinden oder als Kummerbund beim Smoking. Eine Hose ist vorne aus körnig strukturierter Wolle und hinten aus ebenjenem wattierten Leder. Dazu hat Louis Vuitton, seiner Tradition folgend, die passenden Taschen geliefert, natürlich Aktentaschen aus hochwertigem Leder und an den Seiten mit Metall verstärkt.

Jacobs verzichtet so konsequent auf jegliche feminine Andeutung, daß dies auch als Statement, ja Protest gegen den Zeitgeist verstanden werden muß. "Ich bin überhaupt nicht an dem metrosexuellen Mann interessiert", sagt der Designer nach seiner Schau fast trotzig. "Ich bin überhaupt nicht an solchen Schlagworten interessiert. Ich mag den eleganten und kultivierten Mann. Das ist der Mann für Louis Vuitton, an dem wir seit einigen Saisons arbeiten." Es sind glamouröse und gefährdete Persönlichkeiten wie der Sänger Chat Baker und der Milliardär Howard Hughes, den Leonardo di Caprio demnächst im Film spielen wird, die Marc Jacobs im Blick hat. Und er fügt hinzu: "Ich habe immer meine Zweifel bei Männern, die zu modisch aussehen." Und was trägt Designer Helmut Lang, dem Verspieltes fremd, aber Experimentelles um so lieber ist, zum Thema bei? Englische Klassik! Schwarze Anzüge mit Satinkragen und darunter dunkelblaue Hemden mit schmaler Krawatte und silberner Nadel, sanft taillierte Kurzmäntel, Smokings mit Hosen, in die ein Satinschritt eingearbeitet ist. Aus der Reihe tanzt der Dandy nur vereinzelt, mit einem bronzefarbenen Ledermantel zum Beispiel und Schuhen, die ebenfalls in Bronze, Metallicblau und Gold glänzen.

Zwei Designer, eine Aussage. Daß sie in Paris zu der Gruppe gehören, die den Weg weist, dürfte empfindlich an dem so schön zurechtgeschminkten Mythos vom metrosexuellen Mann kratzen. Vielleicht wird er ja schneller vom Platz verwiesen, als es ihm lieb ist.

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