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Luxushersteller Hermès : Fest im Sattel durch die Jahrhunderte

Schlägt aus der Reihe: Hermès Bild: Jérome Galland

Hermès ist seit einer halben Ewigkeit in demselben Pariser Gebäude zu Hause. Dabei liegt die Zukunft der Marke eigentlich andernorts. Wo steht Hermès heute? Ein Besuch.

          6 Min.

          Hermès - ein stummes „H“, ein hart ausgesprochenes „r“ und aus dem „e“ wird ein „ä“. Schon der Klang des Namens passt zu dem, was man über das Haus weiß. Da ist auf den ersten Blick die distinguierte Zurückhaltung, dann ein Hauptteil mit Substanz und zum Schluss eine so typisch französisch arrogante Pointe, dass die schon fast wieder sympathisch wirkt.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Da sind auch die sündhaft teuren Handtaschen mit jahrelangen Wartelisten, die man seit Beginn des 21. Jahrhunderts eng mit dem Traditionshaus aus Frankreich verbindet. Und aktuell ist da auch das Parfum von Claudia Roth - eine Waffe namens Terre d’Hermès. Aber wie sieht es hinter den Kulissen von Hermès aus? Hinter Hermès, Hermès, Hermès, Hermès, Hermès, Hermès, Hermès? Denn wer das Stammhaus auf der Rue du Faubourg Saint-Honoré in Paris betritt, muss zunächst an dem goldenen Schriftzug vorbei, und der ist gleich siebenmal, über jedem Fenster, montiert.

          Je länger der Stiefelschaft, umso gestreckter wirkt das Bein

          Die schwere Tür klappt trotz der Kälte genauso unbeirrt auf und zu wie die Schubladen mit Schmuck im warmen Geschäft. Neue Handtaschen verschwinden in großen orangefarbenen Boxen, ein elegant gekleideter Herr reklamiert etwas, das in einer kleinen orangefarbenen Box steckt. Und die Asiaten? Shoppen natürlich, was das Zeug hält: Mit ihren Rollkoffern navigiert eine Gruppe über den Mosaikboden. Ein Stockwerk höher herrscht unter drei asiatischen Kundinnen, die neben einem Berg Reiterstiefel auf einem Ledersofa Platz genommen haben, Einigkeit: Je länger der Stiefelschaft, umso gestreckter wirkt auch das Bein. Und ein junges asiatisches Mädchen sitzt allein in einer Ecke, das Handy in der einen Hand am Ohr, in der anderen die goldene Kreditkarte - und am Telefon wahrscheinlich gerade die Bank.

          Hier verhält sich also jeder so, wie es sich ein Luxusgeschäft in der heutigen Zeit wünschen würde. Nur einer schlägt aus der Reihe: Hermès selbst. Hätte man sich eben noch fast im Erdgeschoss in ein paar bunten Seidenschals verfangen, geht es in einem der höheren Stockwerke, im Atelier von Hermès, um Sport.

          Auf dem Rücken der Pferde: die Sattlerei im Dachgeschoss von Hermès Bilderstrecke

          Genauer gesagt um Reitsport, um Pferdesättel, die Ursprünge des Hauses, das im Jahr 1837 von Thierry Hermès, einem in Krefeld geborenen Protestanten mit französischer Familie, in Paris gegründet wurde. Bis heute hat das Haus die Sattlerei nicht geschlossen. Die Tierrechtsorganisation PETA sollte man dennoch besser nicht einladen, denn auf dem Tisch wellt sich gerade eine rote Krokodilhaut in voller Länge, inklusive Kopf und Schwanz. Und auch der Besuch einer Feministin würde nicht unbedingt angenehm verlaufen. Die Tierwelt mag bei Hermès vielfältig vertreten sein, doch wenn es um den Homo sapiens geht, dann ist die Sattlerei des Hauses eine Männerwelt.

          Aber ein Blick auf die Finger des Sattlers Jérôme Giboire genügt, um eine Frauenquote völlig abwegig zu finden. Seit zwölf Jahren ist Giboire im Haus beschäftigt. Momentan schimmert unter seinem Daumennagel ein dunkellilafarbener Bluterguss hervor, und die Haut um seinen Mittelfinger erkennt man nicht mehr als solche. Dafür kann Giboire mit diesen Fingern innerhalb von 25 Stunden aus einem Holzskelett einen fertigen Sattel herstellen, der dann mit etwa 300 weiteren pro Jahr ab 4000 Euro über den Tresen geht.

          Sowohl Ross als auch Reiter

          Interessiert man sich für ein Modell, reist ein Mitglied der Sattlerei in den entsprechenden Stall des Pferdes. Dort werden sowohl Ross als auch Reiter vermessen. Seit 1909 sind die Daten wie in einem Familienbuch festgehalten, und zwischen handgeschriebenen Notizen und kleinen Zeichnungen müssten da auch irgendwo Dollys Maße zu finden sein. Das Pony eines kleinen amerikanischen Mädchens bekam im Jahr 1934 neben dem Allerweltsnamen für Pferde einen ziemlich besonderen Wildledersattel von Hermès verpasst. Als das Mädchen dem Modell entwachsen war, kam das Stück ins Museum, ins Hermès-Museum. In der Rue du Faubourg Saint-Honoré 24 steckt zwischen Atelier und Verkaufsfläche in verdunkelten Räumen ein Raritätenkabinett. Auf einem runden Tisch liegt zum Beispiel eine gerahmte Zeichnung mit dem Titel „Jeu des Omnibus et des Dames Blanches“, die im Jahr 1937 das Motiv für den ersten Seidenschal des Hauses lieferte. Und ein nachtblaues Reitkostüm aus dem späten 19. Jahrhundert gehörte Julie Hollande, die keine Verbindung zu dem Präsidentschaftskandidaten hat, sondern die Ehefrau von Émile Hermès war, dem Sohn des Gründers.

          Im Haus von Hermès scheint es also noch Räume zu geben, in denen Jahreszahlen wichtiger sind als Umsatzzahlen. Umso nervöser war man, als Ende 2010 bekannt wurde, dass sich der Luxusgüterkonzern Louis Vuitton Moët Hennessy (LVMH) rund zwanzig Prozent des Familienunternehmens Hermès gesichert hatte. „Moskito“ war noch die mildeste Bezeichnung für den Vorstandsvorsitzenden von LVMH, Bernard Arnault, der es nun eilig hat, noch mehr zu bekommen. Wie in den meisten Familien ist man sich auch bei Hermès untereinander nicht so grün, dass man sich aufeinander verlassen mag. Seit Dezember letzten Jahres liegen deshalb 50 Prozent des Vermögens in einer neu gegründeten Holding, die eine Übernahme des Familienunternehmens in den nächsten zwanzig Jahren verhindern sollte.

          Hohe Nachfrage – trotz la crise

          Ungefähr zur gleichen Zeit erfuhr man, dass Hermès mit seiner Produktion - trotz la crise - gar nicht hinterherkommt. Dennoch: Mit Neueinstellungen geht man, so Frédéric Robert, Kollektionsmanager für Taschen und Gepäck, vorsichtig vor. „Heute möchten viele Leute eine Hermès-Handtasche besitzen. Aber das kann sich auch ändern. Ich kann doch nicht willkürlich Handwerker einstellen und sie dann, wenn der Bedarf nicht mehr da ist, entlassen.“

          Robert steht in einer ausgelagerten Produktionsstätte und ist dennoch nur fünfzehn Metrostationen von der Rue du Faubourg Saint-Honoré entfernt. Denn während Hermès in Italien Bekleidung fertigt, in England Schuhe, in der Schweiz Uhren und in Vietnam Lackarbeiten durchführt, kommen die Taschen aus Pantin, vom Pariser Stadtrand.

          Wie ein Bienenstock

          Zwischen Dönerläden, Autohäusern, Hochstraßen und Hauptstraßen hätte man die orangefarbenen Flaggen mit dem Schriftzug „Les Ateliers Hermès“ in einer Seitenstraße fast übersehen. Erwartet hätte man sie auch nicht. Dabei ist das Unternehmen gerade dabei, sich hier richtig einzurichten. An einigen Ecken klaffen Baulücken - die gehören zu Hermès. Und jene Räumlichkeiten, die in den Nachbarhäusern noch kürzlich dem französischen Regisseur Luc Besson als Filmstudios dienten? Auch die gehören jetzt Hermès.

          Das Haupthaus kommt indessen wie ein Bienenstock daher. In der Mitte ein Atrium, ringsherum die Ateliers, hinter Glastüren wie Waben aufgereiht, und nach einer bestimmten Zeit ist jede einzelne Wabe mit dem gefüllt, was bei Hermès der Honig ist: mit Handtaschen, die wie die Sättel vom ersten Schnitt bis zur letzten Naht unter den Augen eines Handwerkers entstehen. Sollte die Tasche irgendwann wieder in den Ateliers zur Reparatur landen, wird sie konsequenterweise von dem Handwerker geflickt, der sie auch gefertigt hat. „Wenn die Person mittlerweile in Rente ist“, setzt Robert an und suggeriert damit, dass eine Kündigung wohl keine Option ist, „wird sie an den Nachfolger weitergegeben.“

          Brückenschlag zwischen Ost und West

          Aber an Reparatur ist jetzt nicht zu denken, schließlich erlebt man in den Ateliers von Pantin die Geburt einer Kelly Bag, jener Tasche, hinter der Grace Kelly ihren Babybauch versteckte. Heute sind rote Modelle mit Budapester Stickerei an der Reihe. Man riecht den Kleister, mit dem die Handwerker das Leder bepinseln, und hört neben dem konstanten Klacken der Nähmaschine aus jeder Ecke ein Hämmern.

          Dabei erzählt diese Kelly Bag nicht nur etwas über alte Handwerkstechniken, sondern auch über die Zukunft des Hauses. Die rubinrote Handtasche ist gewissermaßen der Brückenschlag zwischen Ost und West. Da ist das traditionell europäische Muster der alten Welt, und da ist der orientalisch anmutende Farbton, der zu Fernost passt - zur neuen Welt. China ist mittlerweile Hermès’ zweitgrößter Markt, hinter Japan. So spiegelt die Tasche auch eine Tendenz in Richtung veränderter Verhältnisse wider. Während Fabriken in Fernost maßgeblich in den Westen liefern und sich Europäer, nur ein paar Häuser von Hermès entfernt, bei Zara auf die Füße treten, werden diese Taschen aus Paris Richtung Osten geschickt.

          „Philosophen, die etwas mit den Händen machen wollten“

          Um diesen neuen Markt zu beliefern, sitzen in den Ateliers auf den hohen hölzernen Arbeitsschemeln überraschend viele junge Handwerker. Man kann mit siebzehn bei Hermès als Auszubildender einsteigen oder mit 47. „Wir hatten schon Philosophen, die etwas mit den Händen machen wollten und deshalb hier anfingen“, erzählt Robert über seine Lehrlinge am Ende des Alterspektrums.

          Am Anfang steht eine junge Frau um die zwanzig. Mit ihrem aufgeweckten Blick, dem gebräunten Teint und dem grauen Pullover mit Hundekopf auf dem Rücken würde sie so auch in jede Modeschule im Stadtzentrum passen. Geduldig kratzt sie hier in der Banlieue auf einem schmalen Lederstreifen herum - so sieht das Handwerk nicht wie eine aussterbende Art aus, sondern wie ein Zukunftsweg. „Es ist nicht schwer, heute gute Hände zu finden“, sagt Robert.

          Im Gegensatz zu einem Praktikum in einer Designabteilung bekommt man als junger Handwerker am Ende der Saison wohl kein Musterteil geschenkt. Aber vielleicht trifft man ja die Liebe fürs Leben. Schließlich heißt Hermès’ Nachbar Lanvin. Vom vierten Stock der Hermès-Sattlerei kann man geradewegs in die Lanvin-Schneiderei schauen. So tauschten sich früher Sattler und Schneiderinnen per Handzeichen aus, es folgten kleine Botschaften, daraus bildeten sich Freundschaften und dann schließlich feste Beziehungen.

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