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Luxushersteller Hermès : Fest im Sattel durch die Jahrhunderte

Das Haupthaus kommt indessen wie ein Bienenstock daher. In der Mitte ein Atrium, ringsherum die Ateliers, hinter Glastüren wie Waben aufgereiht, und nach einer bestimmten Zeit ist jede einzelne Wabe mit dem gefüllt, was bei Hermès der Honig ist: mit Handtaschen, die wie die Sättel vom ersten Schnitt bis zur letzten Naht unter den Augen eines Handwerkers entstehen. Sollte die Tasche irgendwann wieder in den Ateliers zur Reparatur landen, wird sie konsequenterweise von dem Handwerker geflickt, der sie auch gefertigt hat. „Wenn die Person mittlerweile in Rente ist“, setzt Robert an und suggeriert damit, dass eine Kündigung wohl keine Option ist, „wird sie an den Nachfolger weitergegeben.“

Brückenschlag zwischen Ost und West

Aber an Reparatur ist jetzt nicht zu denken, schließlich erlebt man in den Ateliers von Pantin die Geburt einer Kelly Bag, jener Tasche, hinter der Grace Kelly ihren Babybauch versteckte. Heute sind rote Modelle mit Budapester Stickerei an der Reihe. Man riecht den Kleister, mit dem die Handwerker das Leder bepinseln, und hört neben dem konstanten Klacken der Nähmaschine aus jeder Ecke ein Hämmern.

Dabei erzählt diese Kelly Bag nicht nur etwas über alte Handwerkstechniken, sondern auch über die Zukunft des Hauses. Die rubinrote Handtasche ist gewissermaßen der Brückenschlag zwischen Ost und West. Da ist das traditionell europäische Muster der alten Welt, und da ist der orientalisch anmutende Farbton, der zu Fernost passt - zur neuen Welt. China ist mittlerweile Hermès’ zweitgrößter Markt, hinter Japan. So spiegelt die Tasche auch eine Tendenz in Richtung veränderter Verhältnisse wider. Während Fabriken in Fernost maßgeblich in den Westen liefern und sich Europäer, nur ein paar Häuser von Hermès entfernt, bei Zara auf die Füße treten, werden diese Taschen aus Paris Richtung Osten geschickt.

„Philosophen, die etwas mit den Händen machen wollten“

Um diesen neuen Markt zu beliefern, sitzen in den Ateliers auf den hohen hölzernen Arbeitsschemeln überraschend viele junge Handwerker. Man kann mit siebzehn bei Hermès als Auszubildender einsteigen oder mit 47. „Wir hatten schon Philosophen, die etwas mit den Händen machen wollten und deshalb hier anfingen“, erzählt Robert über seine Lehrlinge am Ende des Alterspektrums.

Am Anfang steht eine junge Frau um die zwanzig. Mit ihrem aufgeweckten Blick, dem gebräunten Teint und dem grauen Pullover mit Hundekopf auf dem Rücken würde sie so auch in jede Modeschule im Stadtzentrum passen. Geduldig kratzt sie hier in der Banlieue auf einem schmalen Lederstreifen herum - so sieht das Handwerk nicht wie eine aussterbende Art aus, sondern wie ein Zukunftsweg. „Es ist nicht schwer, heute gute Hände zu finden“, sagt Robert.

Im Gegensatz zu einem Praktikum in einer Designabteilung bekommt man als junger Handwerker am Ende der Saison wohl kein Musterteil geschenkt. Aber vielleicht trifft man ja die Liebe fürs Leben. Schließlich heißt Hermès’ Nachbar Lanvin. Vom vierten Stock der Hermès-Sattlerei kann man geradewegs in die Lanvin-Schneiderei schauen. So tauschten sich früher Sattler und Schneiderinnen per Handzeichen aus, es folgten kleine Botschaften, daraus bildeten sich Freundschaften und dann schließlich feste Beziehungen.

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