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Luxushersteller Hermès : Fest im Sattel durch die Jahrhunderte

Sowohl Ross als auch Reiter

Interessiert man sich für ein Modell, reist ein Mitglied der Sattlerei in den entsprechenden Stall des Pferdes. Dort werden sowohl Ross als auch Reiter vermessen. Seit 1909 sind die Daten wie in einem Familienbuch festgehalten, und zwischen handgeschriebenen Notizen und kleinen Zeichnungen müssten da auch irgendwo Dollys Maße zu finden sein. Das Pony eines kleinen amerikanischen Mädchens bekam im Jahr 1934 neben dem Allerweltsnamen für Pferde einen ziemlich besonderen Wildledersattel von Hermès verpasst. Als das Mädchen dem Modell entwachsen war, kam das Stück ins Museum, ins Hermès-Museum. In der Rue du Faubourg Saint-Honoré 24 steckt zwischen Atelier und Verkaufsfläche in verdunkelten Räumen ein Raritätenkabinett. Auf einem runden Tisch liegt zum Beispiel eine gerahmte Zeichnung mit dem Titel „Jeu des Omnibus et des Dames Blanches“, die im Jahr 1937 das Motiv für den ersten Seidenschal des Hauses lieferte. Und ein nachtblaues Reitkostüm aus dem späten 19. Jahrhundert gehörte Julie Hollande, die keine Verbindung zu dem Präsidentschaftskandidaten hat, sondern die Ehefrau von Émile Hermès war, dem Sohn des Gründers.

Im Haus von Hermès scheint es also noch Räume zu geben, in denen Jahreszahlen wichtiger sind als Umsatzzahlen. Umso nervöser war man, als Ende 2010 bekannt wurde, dass sich der Luxusgüterkonzern Louis Vuitton Moët Hennessy (LVMH) rund zwanzig Prozent des Familienunternehmens Hermès gesichert hatte. „Moskito“ war noch die mildeste Bezeichnung für den Vorstandsvorsitzenden von LVMH, Bernard Arnault, der es nun eilig hat, noch mehr zu bekommen. Wie in den meisten Familien ist man sich auch bei Hermès untereinander nicht so grün, dass man sich aufeinander verlassen mag. Seit Dezember letzten Jahres liegen deshalb 50 Prozent des Vermögens in einer neu gegründeten Holding, die eine Übernahme des Familienunternehmens in den nächsten zwanzig Jahren verhindern sollte.

Hohe Nachfrage – trotz la crise

Ungefähr zur gleichen Zeit erfuhr man, dass Hermès mit seiner Produktion - trotz la crise - gar nicht hinterherkommt. Dennoch: Mit Neueinstellungen geht man, so Frédéric Robert, Kollektionsmanager für Taschen und Gepäck, vorsichtig vor. „Heute möchten viele Leute eine Hermès-Handtasche besitzen. Aber das kann sich auch ändern. Ich kann doch nicht willkürlich Handwerker einstellen und sie dann, wenn der Bedarf nicht mehr da ist, entlassen.“

Robert steht in einer ausgelagerten Produktionsstätte und ist dennoch nur fünfzehn Metrostationen von der Rue du Faubourg Saint-Honoré entfernt. Denn während Hermès in Italien Bekleidung fertigt, in England Schuhe, in der Schweiz Uhren und in Vietnam Lackarbeiten durchführt, kommen die Taschen aus Pantin, vom Pariser Stadtrand.

Wie ein Bienenstock

Zwischen Dönerläden, Autohäusern, Hochstraßen und Hauptstraßen hätte man die orangefarbenen Flaggen mit dem Schriftzug „Les Ateliers Hermès“ in einer Seitenstraße fast übersehen. Erwartet hätte man sie auch nicht. Dabei ist das Unternehmen gerade dabei, sich hier richtig einzurichten. An einigen Ecken klaffen Baulücken - die gehören zu Hermès. Und jene Räumlichkeiten, die in den Nachbarhäusern noch kürzlich dem französischen Regisseur Luc Besson als Filmstudios dienten? Auch die gehören jetzt Hermès.

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