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Lifestyle : Die Deutschen werden immer infantiler

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Das neue Idealbild? Bunt und vollbusig Bild: dpa

Harry Potter am Bett, Nutella auf dem Schreibtisch, und es gilt als normal, mehrmals in der Woche eine Zone der erlösenden Gruppeninfantilität aufzusuchen. Denn was ist ein Fitneßstudio anderes als ein Spielplatz ohne Sandkasten?

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          Später wird man vielleicht einmal sagen, es habe alles damit angefangen, daß die Brüste immer größer wurden. Irgendwann im letzten Jahrzehnt des 20.Jahrhunderts reagierten das Porno- und das Unterhaltungsgewerbe auf die zunehmende Infantilisierung der Männer. Seitdem dürfen die Frauen keine Frauen mehr sein, sondern werden chirurgisch zu Mammae-Monstern umgebaut, die dem Weiblichkeitsbild eines Säuglings ähneln: riesige Brüste, an denen ganz weit hinten noch ein Tragkörper zappelt. Lebendige Busenplaneten, auf deren weicher Oberfläche sich Riesenbabys als Herrscher einer eigenen kleinen Welt fühlen dürfen, ganz wie einst in der oralen Phase ihrer frühkindlichen Entwicklung.

          Aufmerksam werden künftige Psychohistoriker auch registrieren, daß es bei denselben Männern heute als normal gilt, mehrmals in der Woche eine Zone der erlösenden Gruppeninfantilität aufzusuchen. Denn was ist ein Fitneßstudio anderes als ein Spielplatz ohne Sandkasten? Alte Kinder in Strampelanzügen wiederholen dort an Metallgeräten endlos dieselbe Bewegung. Sie hören erst auf, wenn sie kotzen müssen wie ein Dreijähriger, der zu lange geschaukelt hat.

          Gaga-Fernsehen als Indikator

          Bei Spät-Adorniten steht Deutschland schon länger unter Infantilitätsverdacht. Doch die üblichen Verdächtigen des Kulturkonservativismus blicken bei ihrer Fahndung nach Ursachen und Indizien immer nur auf die üblichen Verdächtigen des Gaga-Fernsehens: Küblböck, Bohlen, Bild - alles Phänomene, die außerhalb des von ihnen beherrschten Paralleluniversums kaum Resonanz haben. Kein Wunder, daß sich versierte Mediennutzer, die im Gegensatz zu den konservativen Alarmisten die Funktion des Abschaltknopfes kennen, gelangweilt die Ohren vor deren Gezeter verschließen.

          Auch Erwachsene greifen zu Harry Potter

          Dabei erkennt der aufmerksame Beobachter längst auch im deutschen Alltag, jener scheinbar so bodenständigen Welt voller schnurrbärtiger Männer und fülliger Frauen in praktischen Jacken, Infantilisierungsindizien genug. Ein biederer Leiter einer deutschen Kfz-Werkstatt schrieb uns neulich eine E-Mail, in der er Emoticons benutzte - das sind diese kindlichen Gesichtsskizzen aus Satzzeichen, mit denen Computernutzer Gefühlseinstellungen ausdrücken. Und wie ein apokalyptischer Reiter erschien im vorigen Jahr jener Polizeibeamte, der für die "Counterstrike"-Gemeinde sprach, als dieses Spiel nach dem Amoklauf von Erfurt verboten werden sollte. Man sah einen Mann im gesetzten Alter von gut dreißig Jahren, der es überhaupt nicht peinlich fand, seine tägliche Realitätsflucht mit Hilfe eines blutrünstigen Computergames zu verteidigen, als ginge es um ein fundamentales Menschenrecht.

          Männer - die Avantgarde der Infantilisierung

          Männer bilden logischerweise die Avantgarde der Infantilisierung, denn sie sind in der biologischen Evolution ohnehin quasi ein Atavismus gegenüber den weiter entwickelten Frauen. Doch die Verdachtsmomente mehren sich auch bei den Damen: Zwar ist der Girlie-Trend, der sogar Vierzigjährige dazu brachte, mit Pippi-Langstrumpf-Zöpfen ins Büro zu marschieren, wieder abgeebbt. Aber seine Puschel- und Blümchenaccessoires bestimmen weiter das Bild. Die Mode orientiert sich vorrangig an den Pups-Prinzessinnen des Kindergartenpop. Große Ketten wie "Camera" oder "Kookai", bei denen sich bis vor kurzem auch erwachsene Frauen einkleiden konnten, stellen sich jetzt offenbar darauf ein, daß alle ihre Kundinnen aussehen wollen wie Christina Aguilera.

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