https://www.faz.net/-hs1-qdjz

Kunst und Mode : Apolda zieht an

Karl „der Große” Lagerfeld Bild: dpa/dpaweb

Zur Verleihung des „Apolda European Design Award“ für junge Modemacher präsentiert Karl Lagerfeld sich selbst, seine bizarren Fotos und sorgt für Wirbel in der ostthüringischen Kleinstadt.

          4 Min.

          Karl Lagerfeld bringt Apolda in Bewegung. Christen Ullrich, Direktor des „Hotels am Schloß“, wo der Modeschöpfer nächtigen wird, schickt seinen weißen Terrier schnell noch einmal zum Friseur. Der Reporter der „Thüringer Allgemeinen“ spitzt die Feder und notiert: „Die Abendsonne taucht den schwarzen VW Phaeton in goldenes Licht.“

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Und als der Modeschöpfer, der im Privatflugzeug von Paris nach Erfurt kam, der Limousine entsteigt, ist kein Halten mehr: Dutzende Kameras wackeln langsam Richtung Eingang. Die silberne Krawatte des Bürgermeisters bauscht sich vor Bedeutung.

          Eine Art Stummfilmregisseur

          Der Sonnengott, der da ins goldene Licht der Stadt getaucht wird und sich am Abend auch noch ins Goldene Buch einträgt, schreitet gemessen ins Kunsthaus, früher die Villa eines Wollwarenfabrikanten. Etwa siebzig seiner Fotografien hängen dort, Porträts, Mode, Architektur und die „Hommage a Feininger“. Die Fotos passen hierher, denn Feininger, der von 1919 bis 1933 am Bauhaus im benachbarten Weimar lehrte, hat nicht nur Schiffe und Wolkenkratzer, sondern auch Landschaften gemalt.

          Bizarre Fotos eines Modemachers

          Lagerfeld ließ sich schon vor längerer Zeit, „noch bevor man Fotos mit Computern manipulierte“, von den Gemälden anregen. Als eine Art Stummfilmregisseur stellte er Models vor die nachgemalte Szenerie, machte Fotos und ließ sie auf Leinwand drucken: So sehen sie aus wie Gemälde von Feininger, in die sich heimlich seltsame Figuren geschmuggelt haben.

          Eine Million Fertigpizzas

          Der Name und die Fotos des Chanel-Designers beleben eine Stadt, der seit Jahrzehnten der Glanz fehlt. Früher war Apolda für Strick- und Wirkware in ganz Deutschland bekannt. Wollte man den Beruf eines Thüringers wissen, fragte man: Wolle oder Wurst? In der Kreisstadt konnten noch bis zur Wende 8000 Menschen sagen: Wolle. Der Berliner Kunsthistoriker Tilo Eggeling, der aus Apolda stammt, erinnert sich, daß man in den fünfziger Jahren in jedem Hinterhof strickte und wirkte.

          Heute sind nur noch gut 200 Menschen in der Textilindustrie beschäftigt. Die Arbeitslosenquote liegt bei 22 Prozent. Und die großen Buchstaben „Willkommen in Apolda“ grüßen von einer riesigen Halle am Ortseingang, in der rund eine Million Fertigpizzas am Tag hergestellt werden.

          Karl „der Große“ ist angetan

          Pizzafabrikant Ospelt und weitere Unternehmen kamen, weil hier eine rührige Stadtverwaltung am Werk ist. Bürgermeister Michael Müller (CDU), seit 1990 im Amt, ist stolz auf niedrige Quadratmeterpreise, die gute Anbindung an die Autobahn und die unbürokratische Behandlung neuer Unternehmen. Das reicht ihm aber nicht. Deshalb fördert er die weichen Standortfaktoren. Modeveranstaltungen? „Ein gigantisches Marketingprojekt!“ Früher wurde das Geld in Apolda verdient, und in Weimar gab man es im Theater aus. Jetzt will man, provinziell und weltläufig zugleich, Kulturfreunde auch nach Apolda holen.

          Und deshalb auch hat sich Müller an diesem Freitag abend mit Stehkragen herausgeputzt, um dem Modeschöpfer auf einer Augenhöhe zu begegnen. Dazu fehlen ihm zwar die Dior-Jeans, die fingerlosen Lederhandschuhe und die etwa fünf Kilogramm Metallgürtel und Metallschmuck, die Lagerfeld, wie er später im Gespräch zugibt, mit sich herumträgt. Aber immerhin ist Karl der Große angetan: „Endlich mal ein gut angezogener Bürgermeister!“

          Weitere Themen

          Alles auf Anfang

          Designer und ihre Anfänge : Alles auf Anfang

          Jeder fängt mal an. Wir haben Designer gebeten, sich an ihre Anfangszeit in der Mode zu erinnern – sie schickten uns frühe Stücke, deren Innovationskraft bis in die Gegenwart reicht.

          Topmeldungen

          In Karlsruhe wird ein Verdächtiger am Samstag abgeführt.

          Zerschlagene Terrorzelle : Sie planten Bürgerkriegsszenarien

          Eine überregionale rechtsextreme Terrorzelle stand offenbar kurz davor, einen schweren Anschlag zu verüben. Die Mitglieder fanden sich wohl im Netz und radikalisierten sich. Nun kam heraus, welche Pläne sie hatten und wie sie gestoppt wurden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.