https://www.faz.net/-hs1-7879e

Kulturgeschichte der Handtasche : Aus Leder und Fruchtkernen

Bild: Walter Haberland / Bayerisches Nationalmuseum

Je älter eine Tasche ist, desto lebendiger ist oft ihre Geschichte. Das Bayerische Nationalmuseum in München zeigt Modelle vom 16. Jahrhundert bis heute. Kurator Johannes Pietsch erklärt eine Auswahl der Exponate.

          3 Min.

          Die ältesten Modelle in Ihrer Ausstellung „Taschen“ stammen aus dem 16. Jahrhundert. Gab es damals oder in den folgenden Jahrhunderten schon Hinweise auf Handtaschen mit dem Status heutiger It-Bags?

          Jennifer Wiebking
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die It-Bags sind eng verbunden mit der Mode. Das würde also heißen, dass die historischen Taschen modische Accessoires waren. Aber eigentlich waren sie eher Gebrauchsgegenstände. Sie wurden zwar nach dem jeweiligen Zeitgeschmack gestaltet, aber es war nicht so, dass man die Tasche zum Outfit wählte.

          Wann entstand dann der Kult um die Handtasche?

          Dieser Kult entstand erst im 20. Jahrhundert, in den zwanziger Jahren, nach dem Ersten Weltkrieg.

          Davor waren Handtaschen vor allem funktional?

          Genau, selbst wenn sie sehr klein waren, hat man dennoch Sachen darin aufbewahrt, die man dabeihaben wollte.

          In Ihrer Ausstellung zeigen Sie unter anderem die heute völlig ausgestorbenen Stielbeutel und Ridiküle. Die Taschenarten haben sich über die Jahrhunderte also grundlegend verändert.

          Ja, obwohl man seit dem Mittelalter ähnliche Dinge mitnahm, Amulette oder kleine Reliquien als magischen Schutz, hatte man hauptsächlich Geld in diesen Taschen. Deshalb sind sie immer mit kleinen eingearbeiteten Beutelchen versehen. Die Stielbeutel aus dem 16. Jahrhundert haben gleich fünf aufgesetzte Beutel, denn so konnte man verschiedene Arten von Münzen verstauen. Beinahe jedes Territorium oder jede größere Stadt hatte ja ihre eigene Währung. Der Stielbeutel trennte die unterschiedlichen Münzen voneinander.

          Ein Währungstrenner, der sich den äußeren Umständen anpasste.

          Das war eine wichtige Funktion.

          Kurator Dr. Johannes Pietsch
          Kurator Dr. Johannes Pietsch : Bild: Dr. Matthias Weniger

          Welche Erkenntnisse haben Sie mit Blick auf die Handtaschen noch über die Gesellschaft in den vergangenen Jahrhunderten ziehen können?

          Die Ledertaschen und Lederbeutel aus dem 16. Jahrhundert, die von Männern und Frauen getragen wurden, waren ganz eindeutig Statussymbole für aufstrebende Kaufleute. In der Zeit war es so, dass die Adligen ihre Geldbeutel eher in die Gewandtaschen gesteckt haben. Die hatten ihren Status und mussten gar nicht zeigen, wie reich sie waren. Die Taschen waren nicht sichtbar. In den darauffolgenden Jahrhunderten waren Taschen oder Taschenbeutel dann gleich in der Kleidung eingenäht. Seinen Status hat man somit durch die Kleidung selbst gezeigt. Die war reich bestickt und mit Spitzen verziert, da brauchte man keine extra Tasche.

          Handtaschen erzählen ja auch etwas über die Person. Was haben Sie über die Handtaschenträger erfahren können?

          Anhand der Materialien kann man sehen, aus welcher Schicht die Träger stammen. Im 17. Jahrhundert waren zum Beispiel bestimmte Gold- und Silberstickereien nur den hohen Adeligen vorbehalten. Die Bürgerlichen hatten ausschließlich Taschen aus Leder. Die waren vielleicht mit Seide bestickt, aber nicht mit Gold und Silber.

          Heute verortet man Taschen eher an den Armen von Frauen. Sie zeigen viele Modelle für Männer. Waren Taschen damals typisch männliche Accessoires?

          Nein, das kann man so nicht sagen. Es ist eher eine Frage des Standes: Frauen, die keine praktischen Arbeiten ausführen mussten, die ihre Habseligkeiten nicht immer bei sich trugen, brauchten diese Taschen nicht – das waren übrigens meistens Gürteltaschen, denn sie wurden fast immer am Gürtel getragen.

          Haben Männer damals dennoch mehr Taschen getragen als später?

          Ja. Männer hatten zwar schon immer eine Aktentasche dabei, aber im Laufe des 19. Jahrhunderts, als das Portemonnaie aufkam und immer kleiner wurde, trug man es zunehmend in der Mantel- oder Rocktasche, ohne extra Tasche, ohne etwa eine Gürteltasche wie im 16. und 17. Jahrhundert, die man damals immer dabei hatte.

          Mittlerweile gewinnen sogenannte „men bags“ wieder an Stellenwert.

          Ja, genau. Die werden immer beliebter, und die gab es eben eine ganze Zeitlang nicht.

          Ist diese Strömung somit eine Renaissance der damaligen Mode?

          Vom Gedanken her auf jeden Fall. So erkennen Männer wieder, wie praktisch es ist, wenn man mehr mitschleppen kann als nur das Geld und den Hausschlüssel.

          Wenn man sich heute in jungen, urbanen Milieus umschaut, kann man gleichzeitig beobachten, dass sich einige Männer wieder kleiden wie Ende des 19. Jahrhunderts. Sie tragen schwere Samtblazer, gemusterte Seidenschals und Schleifen um den Hals.

          Das ist auch ein Wiederaufnehmen der früheren Mode wie der Gedanke, die Tasche zu tragen.

          Tragen Sie selbst nun auch öfter eine Tasche bei sich?

          Wenn ich zur Arbeit gehe, habe ich immer eine Tasche dabei, weil ich ständig irgendwelche Papiere hin- und herschleppe. Aber ich merke, dass ich mehr darauf achte, welche Tasche es ist. Gerade überlege ich, eine schöne, gut gearbeitete Ledertasche zu kaufen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Josephin Kampmann, Gesundheits- und Krankenpflegerin, steht in einem Zimmer der Corona-Intensivstation des Universitätsklinikums Essen und bereitet eine Infusion vor.

          Corona-Pandemie : Sieben-Tage-Inzidenz sinkt auf 60,6

          Das Robert Koch-Institut hat seit dem Vortag 7211 Corona-Neuinfektionen registriert. Tendenziell gehen die Infektionszahlen seit rund zwei Wochen zurück. In den USA müssen Staatsbedienstete nun bis Dezember geimpft sein.
          Bryson DeChambeau vom Team USA am 15. Loch des 43. Ryder Cup.

          43. Ryder Cup : US-Golfstars gegen Europa klar in Führung

          Die Titelverteidiger aus Europa geraten beim Ryder Cup in den USA schon am ersten Tag klar in Rückstand. Bei den US-Golfstars beeindruckt Kraftprotz Bryson DeChambeau mit seinen gewaltigen Abschlägen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.