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Mode in Japan : Erster Kimono aus zweiter Hand

  • -Aktualisiert am

Tradition trifft Technik: Japanerin mit Kimono und Handy Bild: AP

Die Japaner sind wieder auf den Kimono gekommen. In Schränken der Eltern und Großeltern, in Second-Hand-Shops oder in Internet-Tauschbörsen stöbern sie nach der traditionellen Robe.

          5 Min.

          Wenn Isao Kikuchi mit seinen Freunden über die Ginza zieht, kann er über mangelnde Aufmerksamkeit nicht klagen. Ausländische Touristen zücken ihre Digitalkameras, selbst Einheimische bleiben stehen. Manch einer fragt sich wahrscheinlich, ob er in eine Filmkulisse geraten ist: Der letzte Samurai, zweiter Teil. So viel Tradition auf einmal sieht man in Tokio nicht alle Tage. Jeden zweiten Samstag im Monat treffen sich Kikuchi und eine wachsende Gruppe Gleichgesinnter auf Japans bekanntester Einkaufsmeile. Schlag drei Uhr, wenn vom Glockenturm des ehrwürdigen Wako-Kaufhauses die Melodie erklingt, setzt sich der Troß in Bewegung. Die Männer tragen körperlange Gewänder in gedeckten Farben, die über der Hüfte mit Stoffgürteln, dem Obi, zusammengehalten sind. Die Füße stecken in Tabi, Socken mit abgeteilter großer Zehe, und Geta, Holzsandalen, die wie Kastagnetten auf dem Straßenpflaster klappern. Die Frauen sind förmlicher gekleidet, ihre Kimonos sind aus glänzender Seide und zeigen prachtvolle Muster, einige haben ihre Haare zu kunstvollen Nestern hochgesteckt. Japans traditionelle Robe ist eigentlich aus dem Alltag verschwunden - doch zur Zeit erlebt sie eine kleine Renaissance.

          Vor zehn Jahren, nach dem Abitur, hat der Computerfachmann Kikuchi Hemd und Hose ein für allemal abgelegt. Seither trägt er aus Überzeugung Kimono - und nichts als Kimono. Die militärische Schuluniform seiner Kindheit ist ihm noch heute ein Greuel. Selbst zum Vorstellungsgespräch bei seiner Firma erschien Kikuchi in alter japanischer Tracht: "Anfangs haben sie natürlich komisch geschaut. Aber mit der Zeit gewöhnten sie sich an meine Erscheinung." Das ist schon erstaunlich, wenn man weiß, wie wenig Spielraum die Kleidervorschriften in japanischen Firmen üblicherweise lassen. Der dunkle Anzug zum möglichst blütenweißen Hemd ist die Uniform für Nippons Angestellte, zumal für jene, die mit Kunden in Berührung kommen wie Kikuchi.

          Willkommen ist jeder, der den Kimono liebt

          "Kimono de Ginza" nennt sich die Gruppe, zu der auch der Computer-Programmierer aus Kichijoji zählt. Dahinter steht keine feste Organisation, man wird nicht Mitglied und muß auch keinen Beitrag zahlen, willkommen ist jeder, der den Kimono liebt - Alte wie Junge, Beamte und Angestellte, Studenten oder Hausfrauen. Anfangs, vor vier Jahren, waren es einige Dutzend, inzwischen gehören mehr als hundert zum harten Kern. Sie treffen sich, fotografieren einander, lassen sich von Fremden bewundern, und wenn es dunkel wird, kehren sie in eine der zahlreichen "Izakaya" ein, die lauten, bierseligen Horte japanischer Geselligkeit.

          Junge Japaner tragen den Kimono am Tag des Erwachsenwerdens

          Der 29 Jahre alte Isao Kikuchi hält sich nicht für einen Rebell und schon gar nicht für einen nostalgischen Neonationalisten, wie ihm manchmal unterstellt wird. Dennoch sagt er stolz, im Kimono fühle er sich "hundertprozentig japanisch". Im "westlichen Anzug" findet er sich weniger attraktiv: "Der Schnitt ist für uns nicht vorteilhaft, die Proportionen stimmen nicht. Entweder sind die Ärmel zu lang oder die Schultern zu breit." Unbequem sei so ein Zweiteiler obendrein, und dann erst diese Krawatte! Im locker umgebundenen Kimono dagegen fühlt Kikuchi sich wohl und elegant, vor allem jetzt, im schwülen Klima der Regenzeit. Er führt einen leichten baumwollenen Sommer-Kimono aus, den er gebraucht gekauft hat. Keine Frage, Kikuchi ist eitel.

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