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Lagerfelds Jugendjahre : „Dat weer Kalli“

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„Dat weer Kalli“

Die Lagerfelds wohnten in Hamburg-Blankenese, bis sie in Erfahrung brachten, dass Bissenmoor zum Verkauf stand. 1934 zog das Ehepaar mit drei Kindern um - dem am 10. September 1933 geborenen Karl, Schwester Martha Christiane und Halbschwester Thea. Das Kontor blieb an der Elbe. Kennengelernt hatte der verwitwete Fabrikant die 15 Jahre jüngere Elisabeth Bahlmann Ende der Zwanziger in Berlin (laut Vetter Kurt war sie damals Verkäuferin in einem Geschäft für Damenunterwäsche). Sie stammte aus dem Münsterland. Ihr Vater Heinrich Maria Karl Bahlmann war von 1899 bis 1922 amtierender Landrat des Kreises Beckum. Von ihm bekam Karl seinen Vornamen. Patenonkel wurde ihr Schwager, der durch die nach ihm benannte Operation der Magenausgangsverengung bekannte Münsteraner Chirurg Conrad Ramstedt.

Bissenmoor war nur Rest-Besitz, viele Ländereien waren anderweitig verkauft. So wohnen heute ringsum noch Anlieger, die in gemütlichem Platt auf ein Kleinkind in alten Fotoalben deuten („Dat weer Kalli“), das da mit Roller auf Kindergeburtstagen und Bauernhochzeiten figuriert. Lesen lernte Karl mit fünf anhand des Bilderbuchs „Molle und der grüne Schirm“, weitergemacht haben will er gleich mit den „Nibelungen“.

Sein Dorado war der Dachboden

Während die burschikose Schwester in kurzen Lederhosen oder Gummistiefeln mit Ponys und anderen Kindern ums Haus tollte, hielt er sich zurück. Sein Dorado war der Dachboden: Dort lagerten Jahrgangsbände des „Simplicissimus“ und andere alte Zeitschriften. Die wilhelminische Satire stachelte ihn zur Nachahmung an; zunächst wollte er Karikaturist werden. Aus den Illustrierten schnitt er von klein auf Modebilder mit der Nagelschere aus und übermalte sie.

Im Jahr 1937 erwarb sein Vater Fabriken im mecklenburgischen Waren und im ostpreußischen Allenburg, um 1939 zog die Familie nach Hamburg zurück - so gibt es keine Bad Bramstedter ABC-Schützen-Fotos. Später im Krieg wurde ihnen die zentrale Lage in Hamburg zu prekär. Mehrere Mitschülerinnen erinnern sich, dass er seit der dritten Klasse bei ihnen in der Volksschule am Meienbeek war. Das war die Zeit von Wagners Reminiszenzen, dessen Onkel Bissenmoors Verwalter war. Auch er wohnte im Gutshaus, allerdings im alten Gebäude, dem die schicke Villa im Jahr 1908 vorgebaut worden war.

Lesen, Zeichnen, Schnippeln

Die repräsentative Veranda war Karls Lieblingsplatz zum Lesen, Zeichnen, Schnippeln. Hier träumte er auch mit Wagner von einer Straßenbahn ins vier Kilometer entfernte Städtchen. Wagner und ein Kompagnon fielen hier allerdings, ganz mit Blaubeersaft eingeschmiert, auch mal mit furchtbarem Indianergeheul über ihn her. „Nur ein Mädchen mochte ich wirklich gern“, vertraute Lagerfeld 1995 der „Marie-Claire“ an. „Dorothee, die Tochter des Chefarztes der Rheuma-Klinik.“

Die Klinik lag nahebei, so hatten beide denselben Schulweg. Dorothee Böge erinnert sich: „Ich bin auch tapfer mitgegangen, wenn die andern Kinder hinter uns herriefen: ,Brut unn' Bräutigam, de haut sick mit de Füertang!'“ Ein von Lagerfeld gemaltes Kasperle-Hintergrundbild bewahrt sie noch auf. Gelegentlich habe er ihre Kleidung bekrittelt, sonst sei die Sympathie aber beiderseitig gewesen. Gespielt habe man im Wald zwischen Gut und Klinik. Manchmal hatte er auch keine Zeit, weil „die Maniküre“ kam.

Der Kuhstall war nicht sein Revier

Kriegsengpässe hemmten derweil die Neustädter Produktion. Fabrikleiter von Acken schrieb in einem Brief vom 9. April 1941: „Dann fehlen uns die Kohlen, dann Dosen, dann Fässer, dann fehlt uns Blech, dann Lötzinn, und so ist jeden Tag was Neues los, Sie können sich nicht denken, was es heißt, 130.000 Liter Milch täglich anzunehmen, ohne dass man weiß, ob man sie noch verpacken kann.“ Schon ein Jahr später musste man auf Käse-, Butter- und Milchpulverproduktion umstellen.

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