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Karl Lagerfeld : Blick zurück? Nach vorn!

Karl Lagerfeld - unverwechselbar, immer wieder neu Bild:

Im Zukunftsgewand: Der Modeschöpfer Karl Lagerfeld wird 65 Jahre alt. Das wandlungsfähige Multitalent denkt noch lange nicht ans Aufhören.

          Von Saison zu Saison preisen die Modekritikerinnen Karl Lagerfelds Kollektionen für Chanel in immer höheren Tönen. Lagerfeld selbst aber ist davon überzeugt, daß er noch gar nicht auf dem Höhepunkt seiner Kreativität angelangt ist. Das ist bemerkenswert für jemanden, der an diesem Mittwoch seinen 65. Geburtstag feiert und seit mehr als vierzig Jahren für einige der wichtigsten französischen Modehäuser entwirft und entworfen hat. Karl Lagerfeld hat rechtzeitig Geburtstag, um der deutschen Diskussion über die Sicherung der Renten den entscheidenden Anstoß zu geben: Den Eintritt ins Rentenalter, so ist zu hören, wird er nicht im Kreise seiner Lieben feiern - statt dessen wird er an den Kollektionen arbeiten. Alles andere würde ihn wohl langweilen.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Dabei könnte er sich eigentlich zurücklehnen und auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Aber der Rückblick interessiert ihn nicht. Erinnerung ist ihm ein Greuel. Sogar seine eigene Vergangenheit scheint ihm langweilig zu sein. Er hat sie durch radikales Abnehmen abgestreift. Er hat seine Sammlung alter Möbel versteigern lassen, weil er nicht schnarchend in einem Louis-XV-Sessel enden wollte. Er will weiter.

          Amüsant statt langweilig

          Er trägt knallenge Jeans aus dem Haus Christian Dior. Er versteckt sich nicht mehr hinter seinem Fächer. Er sammelt Zeitgenössisches. Er will nach vorn, und schon damit kratzt er am Selbstverständnis des Alters. Rente erst mit 67? Darüber kann Karl Lagerfeld nur lachen. Sein Leben ist Arbeit und Arbeit sein Leben. Er wird, obwohl es dort eng ist und laut und hektisch, noch im Chanel-Atelier hinter der Tür mit der Aufschrift "Mademoiselle prive" sitzen, wenn er die 70 längst hinter sich gelassen hat. Und das wird noch fünf Jahre dauern.

          1995 waren noch die anderen schlank. Heute, mit 65 Jahren, paßt der Designer in die schmalsten Hosen des Hauses Dior. Und das soll auch so bleiben.

          In zwei Adjektiven, die er gern benutzt, könnte man die Pole von Lagerfelds Lebenshaltung erkennen. Wenn er "langweilig" sagt, senkt er den Kopf, zieht die Augenbrauen hoch und schaut mißbilligend von unten hinauf. Das Wort "amüsant" hingegen äußert er mit aller spontanen Begeisterungsfähigkeit, zu der ein Mensch nur fähig sein kann. Es mag ein Zufall sein, daß das eine Wort deutscher, das andere französischer Herkunft ist. Zwischen beiden Polen jedenfalls entsteht die Spannung: Der schnelle, wendige, genußfreudige und blitzgescheite begegnet in seinen Entwürfen dem neugierigen, beharrlichen, insistierenden Lagerfeld, der immerhin seit mehr als zwanzig Jahren für Chanel entwirft. Das allein begeistert die Kritikerinnen, die im wechselvollen Schauenkalender die festen Größen brauchen.

          Schon mit 16 Jahren ausgezeichnet

          In seiner Beharrlichkeit jedoch kann man sich leicht täuschen. Denn Karl Otto Lagerfeld, am 10. September 1938 in Hamburg als Sohn des Gründers und Generaldirektors der Glücksklee-Milchwerke geboren, war schon immer gut für den Wechsel. Sein Heimatort Bad Bramstedt konnte ihn nicht lange halten. Er ging schon früh nach Paris, gewann mit 16 für eine Mantelzeichnung den ersten Preis eines Wettbewerbs des Internationalen Wollsekretariats und arbeitete seit Mitte der Fünfziger für den Couturier Pierre Balmain. Als Designer für Jean Patou von 1958 bis 1963 erlebte er die letzten großen Jahre der Haute Couture, bevor das in Deutschland etwas abfällig Boutiquenmode genannte Pret-a-porter der hohen Schneiderkunst den Schneid abkaufte und den Einfluß nahm.

          Zunächst als freier Modemacher, dann als künstlerischer Direktor für Chloe wechselte er zur Konfektion und brachte die Pariser Mode dem großen französischen und internationalen Markt näher. Wenn Lagerfeld heute geradezu als volkstümlich gilt und in Talk-Shows auftritt, dann zeigt das ebendieses Interesse an der Öffentlichkeit: Der Modeschöpfer steigt gerne mal aus den Dachateliers der Haute Couture in die Rue Cambon herab und schaut, was auf der Straße so getragen und getrieben wird.

          Einziges Ziel: Die kleinste Hosengröße

          So hatte es auch Mademoiselle Chanel gehalten - wenn sie auch schnell wieder im Hintereingang des Ritz verschwand. Deshalb hätte kein anderer Modeschöpfer soviel für Chanel tun können wie Lagerfeld. Er blieb dem Haus so treu, daß er die in diesem Jahr gängigen Overknee-Stiefel, Beinlinge, Miniröcke und Sportklamotten durchaus noch im Sinne Coco Chanels elegant interpretierte. Es gibt wohl keine Marke in Paris, die trotz all der modischen Spielereien und trotz der Abneigung des Designers gegen das Selbstzitat mit fast jedem Entwurf so genau den ursprünglichen Charakter des Hauses trifft - und dennoch nicht altbacken wirkt.

          Ähnlich, aber wegen der ewigen Pelz- und Lederstrecken moderater hält es Lagerfeld mit Fendi, für das er wie nebenher auch noch entwirft. In "Lagerfeld Gallery" schließlich interpretiert Lagerfeld nur noch sich selbst und sieht, kein Wunder, frisch und bunt und fröhlich und zukunftsgewandt aus. Aber nicht einmal Tausende Entwürfe pro Jahr scheinen dem ewig agilen Modeschöpfer etwas auszumachen. Daher hat er Möbel, Parfüms und Porzellan entworfen und gestaltet. Daher fotografiert er auch. Und vielleicht ist das auch der Grund fürs Abmagern. Die kleinste Hosengröße sei sein "einziges Ziel im Leben", sagte er vor kurzem der "Bunten". Glücklich, wer im Rentenalter solche Ziele hat.

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