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Jil Sander : An die Mode-Kette gelegt

Handelseinig: Jil Sander und Tadashi Yanai, Chef von Fast Retailing (Uniqlo) Bild: AFP

Jil Sander ist wieder da - aber für wie lange? Die Zusammenarbeit mit der japanischen Billigmodemarke Uniqlo sieht nicht nach einem Bündnis fürs Leben aus. Doch der Druck, es den anderen noch einmal zu beweisen, ist immens groß.

          Die ersten Sätze sagen alles. Die Hamburger Designerin Jil Sander, so meldete die Fachzeitschrift "Textilwirtschaft" am Dienstag, werde Designberaterin für den "preisaggressiven Casualwear-Filialisten Uniqlo". Preisaggressiv? Casualwear? Filialist? Uniqlo? Jil Sander und ihre Fans, so viel scheint schon nach dieser verhalten-poetischen Ankündigung sicher, werden sich in Zukunft an ein paar Fremdwörter gewöhnen müssen.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Die hässlichen Ausdrücke aus dem Wörterbuch der Zahlenmenschen klingen nicht so lieblich im Ohr wie all die Lobhudeleien, die jetzt über die scheue Designerin hereinbrechen. Und so viel stimmt ja auch: Endlich hat Deutschland neben Karl Lagerfeld und Wolfgang Joop wieder seinen dritten Stern aus Hamburg am Designerhimmel, endlich ist all das Rätselraten beim Dinner in Paris oder Mailand vorbei, und man kann sich wieder in Ruhe seiner Bistecca milanese hingeben, ohne als Deutscher etwas davon murmeln zu müssen, dass sie so gerne reise, einen so schönen Garten habe, ihre Häuser einrichte und schon wieder in Basel oder Miami auf der Kunstmesse gesehen wurde.

          Jil Sander als „german sushi“

          Schon seit Februar war klar, dass sie zurückkehren würde. Da sah man sie auf der maßgeblichen Stoffmesse "Première Vision" in Paris. Unter anderem zog sie am Stand eines italienischen Anbieters die hochwertigen Stoffe glatt. Trotzdem war in dieser Woche die Freude über die Nachricht in der ganzen deutschen Modeszene groß - bis hin zu Wolfgang Joop, der jetzt endlich wieder einen Gegenpart auf Augenhöhe hat. Und auch der japanische Konzern Fast Retailing Co. Ltd., zu dem Uniqlo ("Unique Clothing") gehört, profitierte von dem Deal: Am Tag der Verkündigung stieg die Aktie des Konzerns gleich um 8,6 Prozent. Tadashi Yanai, Gründer und Chef von Fast Retailing, hatte wieder einmal richtig gerechnet: Der Marketingcoup des reichsten Japaners, dessen Konzern - zu dem auch die Marken Comptoir des Contonniers und Princesse Tam Tam gehören - zuletzt 4,6 Milliarden Euro umsetzte, ist vollauf geglückt, fürs Erste zumindest.

          „Preisaggressiver Casualwear-Filialist”: Neue Vokabeln für Jil Sander und ihre Fans

          Modehistorisch ist die Sache logisch: Die treuesten Fans hatte die mittlerweile 65 Jahre alte Modemacherin aus Norddeutschland schon seit langem in Japan. Dabei hatte sie ganz anders angefangen, nämlich mit dem ganz unjapanischen schweren Kaschmir-Trenchcoat mit Klappen, den Männerhosen und Saint-Laurent-Blusen. Erst mit den Jahren wurde sie très japonaise, vor allem wegen ihres Assistenten Akito Okuda, der bestimmenden Einfluss auf die Kollektion hatte, und wegen ihres großen Avantgarde-Vorbilds Rei Kawakubo ("Comme des Garçons"), die sie als einzige Göttin neben sich dulden mochte. Der auf beste Stoffe und klare Linien gründende Stil wurde jedenfalls so dominant, dass die Amerikaner von Jil Sander schlicht als "german sushi" sprachen.

          „Jil Sander“ ohne Jil Sander

          Noch etwas spricht für den seltsamen Deal zwischen der ätherischen Geschmacksdiktatorin und dem expansionshungrigen Billiganbieter: Jil Sander, die für die Zusammenarbeit eine Consulting-Firma gründete, die von ihr selbst geführt und repräsentiert wird, überblickt nun nicht nur die Damen- und Herrenmode. Sie darf auch eine eigene capsule collection entwerfen, die im Herbst in allen Uniqlo-Läden hängen soll.

          Das klingt nicht schlecht - leider firmieren die schönen Stücke aber nicht unter "Jil Sander", was den Werbewert stark schmälert. Denn ihren Namen hat sie längst verkauft. Als die "Queen of less" mehr wollte, nämlich ihre Marke vergrößern, verkaufte sie 1999 die Aktienmehrheit der Jil Sander AG an Prada, blieb aber als Designerin. Schon nach vier Monaten überwarf sie sich mit Prada-Chef Patrizio Bertelli und stieg aus. Auch ein Comeback-Versuch als Designerin im Jahr 2003 scheiterte an der hardheadedness der beiden Antipoden, wie "Women's Wear Daily" damals schrieb. Am 15. November 2004 stieg sie endgültig aus der Mode aus. Bertelli verkaufte die Marke 2006 an die britische Beteiligungsgesellschaft Change Capital Partners, die sie 2008 an die Onward Holdings weiterreichte - die ebenfalls in Japan sitzt. Seit Jil Sander nicht mehr bei "Jil Sander" ist, läuft das Geschäft gut. Und modisch steht die Marke unter Raf Simons, dem maßgeblichen Mailänder Designer, glänzend da.

          Ihr Ruf leidet mit jedem Jahr mehr

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