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Interview : "Derzeit fühle ich schwarz"

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Riccardo Tisci Bild: Givenchy

Der neue Designer von Givenchy, der Italiener Riccardo Tisci, über seine Mutter, Haute Couture - und Marilyn Manson.

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          Der neue Designer von Givenchy, der Italiener Riccardo Tisci, über seine Mutter, Haute Couture - und Marilyn Manson.

          Sie haben in dieser Woche Ihre erste Kollektion präsentiert. Warum so düster?

          Ich bin vom Sternzeichen Löwe, habe also zwei Seiten in mir: eine dunkle und eine sehr romantische Seite. Und die kamen beide in meiner Schau zur Geltung.

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          In manchen Szenen schien aber Marquis de Sade federführend gewesen zu sein...

          Hmm, vielleicht. Manche haben Teile aus meiner Schau als Fetische interpretiert - das waren sie aber nicht. Ich mag eben die Farbe Schwarz, es ist meine Lieblingsfarbe. Ich übersetze meine Gefühle in Mode. Vielleicht fühle ich irgendwann in Farben wie Gold oder Pink, keine Ahnung. Im Moment ist es jedenfalls Schwarz.

          Seit Sie vor einem Jahr ihre eigene Kollektion präsentierten, gelten Sie aber auch als "Gothic-Designer".

          Ich mag diese Stilrichtung, aber es ist noch mehr als das: "Gothic" ist ein Gefühl, und das entspricht meiner Persönlichkeit. Ich bin zwar nie ein echter Gothic-Fan gewesen, mag aber die vergangenen Jahrhunderte, ihre Geschichte - überhaupt das Mystische in dieser Zeit. Dieses Gefühl übersetze ich auf meine eigene Art in Mode. Trotzdem würde ich mich selbst nicht als "Gothic-Designer" bezeichnen, eher als "dark romantic Designer".

          Das klingt irgendwie beängstigend...

          Ach was, ich bin eigentlich ein sehr fröhlicher Mensch. Aber es ist ja auch ein Klischee, "gothic" immer nur als gruselig, morbide und irgendwie gefährlich hinzustellen. Ich hatte viel mit Musikern aus der Gothic-Szene zu tun, die sind meistens sehr schüchtern und versuchen mit der Art ihres Auftritts bloß, ihre Schüchternheit zu überwinden.

          Ist der Schock-Rocker Marilyn Manson auch schüchtern?

          Ich kenne ihn ganz gut, weil ich vor einem Jahr ein Bühnenkostüm für ihn entworfen habe. Er ist jedenfalls ein ziemlich lustiger Mensch.

          Marilyn Manson und die Farbe Schwarz - wie paßt das alles zu Givenchy?

          Man darf nicht vergessen, daß fünfzig Prozent der Mode, die Givenchy machte, aus Schwarz und Weiß bestand.

          Dennoch war die Mode von Hubert de Givenchy eher optimistisch.

          Meine ist es auch, ich finde meine Kollektion überhaupt nicht negativ. Es ist nur so, daß ich bunte Farben einfach nicht so gern mag. Schwarz und Weiß und Beigetöne liegen mir eher. Wie Hubert de Givenchy mache ich keine Mode für Frauen, die mit ihren Kleidern schockieren möchten. Ein Kleid darf niemals die Persönlichkeit eines Menschen überstrahlen. Ich komme aus einer großen Familie mit acht Schwestern - die waren alle sehr schick und zogen sich so an, daß sie hübsch aussahen. Aber nie so, daß ihre Persönlichkeit dadurch überdeckt wurde.

          Und was trug Ihre Mutter?

          Auch Schwarz, eigentlich fast immer. Wenn man so will, ist sie es, die am meisten "gothic" in unserer Familie ist. Man hätte meine Mutter zum Beispiel niemals in knalligen Farben wie Fuchsia gesehen.

          In anderen Kollektionen der Haute-Couture-Schauen ging es auch recht düster zu. Hat das mit der allgemeinen Stimmung zu tun?

          Wahrscheinlich ist es eine psychologische Sache. Im Moment passieren auf der Welt so viele schreckliche Dinge, die Menschen fühlen eher dunkel, sie fühlen nicht farbenfroh. Das könnte ein Grund sein, aber vielleicht ist es einfach nur ein Trend ohne besondere Bedeutung.

          Ihre erste Präsentation für Givenchy ist gleich eine Haute-Couture-Schau. Viele sagen, die Hohe Schneiderkunst liege im Sterben. Sehen Sie das auch so?

          Überhaupt nicht, wir glauben an die Haute Couture. Wir haben heute morgen, am Tag nach der Präsentation, mit dem Verkauf begonnen. Und es läuft fabelhaft. Das teuerste Kleid der Kollektion wurde heute morgen um zehn von einer Amerikanerin gekauft.

          Sie sind erst im März zum Kreativdirektor von Givenchy berufen worden und hatten nicht viel Zeit, sich einzuarbeiten...

          Stimmt, nur drei Monate, in denen ich auch noch die Frühjahrskollektion entworfen habe. Aber ich bin es gewohnt, viel zu arbeiten. Meine erste Kollektion für mein eigenes Label habe ich in dreißig Tagen gemacht.

          Ist der Firmengründer Hubert de Givenchy ein Vorbild für Sie?

          Natürlich, ich verehre ihn. Vor zwei Monaten habe ich ihn in seinem Pariser Haus getroffen. Ich bin der erste Designer, den er nach Verlassen der Firma vor zehn Jahren sehen wollte. Wir verbrachten einen ganzen Morgen zusammen. Ich war vorher etwas nervös, aber dann war alles sehr entspannt, und wir sprachen über alles mögliche.

          Wollte er von Ihnen wissen, wie die Givenchy-Kollektion aussehen wird?

          Eigentlich nicht, er wollte eher wissen, was ich grundsätzlich mag und was nicht. Am Tag der Schau rief er mich an und wünschte mir viel Glück. Ich hatte ihn eingeladen, aber er wollte nicht kommen. Er sagte nur: "Heute abend ist dein Abend."

          Die Fragen stellte Anke Schipp.

          Givenchy und der Neue

          Der dreißig Jahre alte Italiener Riccardo Tisci ist im März zum neuen Designer von Givenchy berufen worden. Das 1952 gegründete Modehaus, das zum Luxuskonzern LVMH gehört, konnte an den vergangenen Schauen nicht teilnehmen, weil es keinen Nachfolger für den Briten Julien Macdonald gefunden hatte, der im April 2004 nach glanzlosen Vorstellungen entlassen worden war. Tisci ist der fünfte Chefdesigner des Hauses seit dem Rückzug des Firmengründers Hubert de Givenchy vor zehn Jahren.

          Tisci, der aus Süditalien stammt und in einer Familie mit neun Kindern aufwuchs, zog im Alter von 18 Jahren nach London, um an der renommierten Modeschule "Central Saint Martins" zu studieren. Als Designer arbeitete er zunächst für andere Modemarken wie Missoni, bevor er im vergangenen Herbst sein eigenes Label präsentierte, das er nun zugunsten seiner Arbeit für Givenchy aufgeben wird.

          Riccardo Tisci sammelt außerdem Insekten und hat wie einst Givenchy eine Muse: das italienische Model Mariacarla Boscono, "meine Audrey Hepburn".

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