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Hochzeitsmode : Hauptsache ist, sie sagt Ja

Einmal im Leben Prinzessin? Die Braut Michaela Kneisch lässt sich zu Träumerinnen hinreißen. Bild: Helmut Fricke

Auf der Suche nach einem Hochzeitskleid bekommt man den Druck einer Branche zu spüren. Zum Glück lässt sie sich austricksen - indem man das Stück innerhalb von anderthalb Stunden wählt. Anprobe mit einer Braut.

          6 Min.

          Die Frau von heute heiratet nicht in Weiß. Sie heiratet in Elfenbeinfarben. Den Unterschied erkennt das in Hochzeitsfragen ungeübte Auge zwar kaum, und deshalb schwärmen am Tag der Feierlichkeiten die Gäste verzückt, wie schön die Braut doch ausschaue, so ganz in Weiß, aber eigentlich ist die Sache komplizierter - wie die Suche nach dem Kleid überhaupt.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Was weiß strahlt, ist heute für gewöhnlich elfenbeinfarben. Wer in Weiß heiraten möchte, sollte besser kein hartes Kreideweiß tragen, zumindest als mitteleuropäischer Typ, der sich, mit einem ehrlichen Blick in den Spiegel, als mittelhübsch bezeichnet. Der am großen Tag nicht mit der Kutsche vorgefahren wird wie Kate Middleton oder die Models auf den Bildern der Wedding-Zeitschriften. Der dennoch ein großartiges Fest plant. Der für ein Kleid weder Zigtausende ausgeben kann noch will. Der seins anstelle dessen, nach langer Suche, in einem gewöhnlichen Brautladen findet. Der sich zum Beispiel im Brauthaus am Dom in Mainz über die Schwelle verirrt und dort, so will es angeblich unser Zeitgeschmack, vor meterlangen Stangen steht, mit vornehmlich elfenbeinfarbenen Kleidern.

          Im Brauthaus, ein paar Schritte entfernt vom Mainzer Markt, wirken diese Kleider, als hätte jemand auf den zwei Etagen das Licht gedimmt. Kreideweiß sind allenfalls die Gesichter der Kundinnen, die, zunächst unsicher, ein Kleid nach dem anderen betrachten, dabei zu der Verkäuferin in halben Sätzen sprechen - „ein bisschen Farbe“ oder „na ja, so etwas mit einer Schleife oben besser nicht“ - und dann mit einem Stapel Roben in der Kabine verschwinden.

          Klar, Elfenbein soll vermutlich dem Teint schmeicheln, und vielleicht schmeichelt der Ton dabei auch etwas von dem Stress weg, den man als Frau in diesen Momenten ertragen muss. Oder, besser gesagt, als Braut, wie man in solchen Läden automatisch genannt wird, selbst wenn die Hochzeit noch Monate hin ist.

          „Ich bin die Schönste an diesem Tag“

          Michaela Kneisch, 32 Jahre alt und Fachkinderkrankenschwester auf der Frühchen-Intensivstation in Mainz, hat nicht so viel Zeit. Sie ist wirklich schon fast eine Braut. „Ich heirate am 18. Mai.“ Wir haben heute Dienstag, den 7. Mai, halb elf Uhr vormittags, und Michaela besitzt noch kein Kleid. Immerhin hat sie eine Verkäuferin, der sie in die Umkleide folgt, eine Schwester an ihrer Seite und die Ruhe weg. „Haben Sie vielleicht auch Schuhe, meine Hochzeitsschuhe habe ich nämlich nicht dabei.“ Ihre Füße stecken noch in dicken grauen Schnürstiefeln, dazu trägt sie eine weite graue Hose, ein grün-blau gestreiftes T-Shirt, eine Umhängetasche und im Haar eine schwarze Plastikklammer.

          Ihr Geschmack ist nicht so verspielt wie der ihrer Schwester, die vor fünf Jahren in einem, wie sie sagt, Prinzessinnenkleid heiratete. Das zeigt auch die Auswahl in Michaelas Kabine, da hängen Kleider mit Neckholder, mit schmalen Linien, und gut, Spitze ist auch dabei. Auch im Alltag scheint Michaela Kleider zu tragen. Denn „eine Frau, die ausschließlich Hosen trägt, wird zur Hochzeit kein Kleid anziehen“, sagt Wedding-Planner Bärbel Riller-Kunz von der Agentur Der Hochzeiter. „Die trägt an dem Tag einen eleganten Hosenanzug.“

          Zu romantisch: Auf den zweiten Blick ist die Schnürung zu zuckersüß für die Braut.

          Nach ein paar Minuten kommt Michaela aus der Kabine: Es glitzert eine Brosche, darunter schimmert der Elfenbeinton, und hinter sich zieht sie eine Schleppe her. Sie stützt die Hände in die Taille und scheint sich wohlzufühlen. „Viele stört die Linie am unteren Hüftrand“, sagt ihre Schneiderin Linda Schiller und meint damit eine quer laufende Naht über dem Spitzenstoff, der hier im Brauthaus beinahe so allgegenwärtig ist wie Elfenbein.

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