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Hippie-Mode : Bye-bye Doris Day

Eine Frau, ein Cape: Hippie-Look von Strenesse Bild:

Frauen tragen in diesem Sommer bunte Muster - die Sehnsucht nach der Hippie-Romantik hat den konservativen Look der Fünfziger abgelöst. Die Anti-Mode der Siebziger ist jetzt Freizeitmode und bleibt Gegenentwurf zur Arbeitswelt.

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          Blicken wir kurz zurück. Sommer 2004: durchschnittliche Temperaturen, Deutschland scheitert bei der Fußball-EM, der spanische Kronprinz heiratet, der dänische auch. Die Frauen tragen züchtige Fifties-Kleider, die an die Filmauftritte der adretten Doris Day erinnern, und knielange Bleistiftröcke, die Sekretärinnen trugen, als sie noch unentwegt zum Diktat gerufen wurden. Es sah so aus, als habe die Mode, bis dahin sexuell aufgeladen, zu alten Werten zurückgefunden. Ein konservatives Jahrzehnt schien seinen Lauf zu nehmen. Bis der Sommer 2005 kam und mit ihm die abrupte Kehrtwende. Denn Hippies haben die Mode-Bühne betreten und erwartungsgemäß alles durcheinandergebracht.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Frau, der wir jetzt auf den Fußgängerzonen, bei Grillabenden und im RTL-Nachmittagsprogramm begegnen, zitiert die Revolte und trägt Flatterkleider, bestickte Blusen, zerrissene Jeans und bodenlange Kaftane. Vor mehr als dreißig Jahren war der Hippie-Look politisch motiviert. Er richtete sich gegen das Establishment. Man reiste nach Indien, Pakistan und Marokko, studierte östliche Philosophien und exotische Drogen. In der Mode fand die Haltung ihre Entsprechung im Ethno-Look. Freestyle gegen Eleganz, Janis Joplin gegen Doris Day.

          Mit Politik hat das nichts zu tun

          Dieser Bruch vollzieht sich in diesem Sommer abermals - aber mit Politik hat das nichts zu tun. Eher mit einem abstrakten Zeitgeist. Dessen Wirkung läßt sich am besten an den Werbekampagnen der großen Modemarken ablesen. Noch in den vergangenen beiden Saisons wurde der elegante Luxus zelebriert. Prada und andere setzten die Models damenhaft in Szene, um einen Tisch gruppiert oder sittsam auf dem Sofa. Jetzt liegen und lungern die Schönheiten mit Basthüten und zerrissenen Jeans am Strand herum - wie bei Dolce&Gabbana - oder tanzen bei Diesel exaltiert über den Asphalt wie die Darsteller aus dem "Hair"-Musical. Burberry und Tommy Hilfiger zeigen Patchwork-Großfamilien, eine Mischung aus Clan und Jugend-Clique. Gruppendynamik allerorten - die moderne Version der Kommune.

          Bestickte Herren-Tunika von Gucci

          Es ist allerdings nicht das erste Mal, daß Designer den Look der Flower-power-Generation aufgreifen. 1999 präsentierte Gucci bestickte Jeans, 2002 kombinierte Dries van Noten Batikblusen mit Flatterröcken. Ein Grund dafür, warum sich der Hippie-Look seit den siebziger Jahren durch die Modegeschichte zieht wie Endlosgarn, dürfte sein, daß er sich einfach bestens verkauft - vor allem im Sommer. Die Kombination aus leichten Stoffen, unkomplizierten Schnitten und bunten Mustern erinnert an Urlaub. Aus der Anti-Mode der siebziger Jahre ist Freizeitmode geworden - so gesehen bedient der Hippie-Look immer noch den Teil des Lebens, der als Gegenentwurf zur Arbeitswelt verstanden wird. Er gilt als unkonventionell und steht für Freiheit. Anzug und Kostüm dagegen für Zwang und Kontrolle.

          Büro-Version des Hippie-Looks

          In diesem Sommer hat die Modebasis - das zeigt sich beim Gang durch jede Fußgängerzone - den Hippie-Trend flächendeckend angenommen. Den Siegeszug über die Massen führt ein Kleidungsstück an, das schon die Römer in der Antike trugen: die Tunika, ein gerade geschnittenes Hemdgewand ohne Kragen. In der Neuzeit ist die Tunika wegen ihrer unkomplizierten Form zum Freizeitprodukt geworden. Seinen Reiz erfährt das eigentlich simple Kleidungsstück durch die bunten Muster und Stickereien. Sie folgen damit auch dem allgemeinen Trend, sich nach dem puristischen Jahrzehnt der Neunziger wieder mehr dekorieren zu wollen. Im Winter waren es funkelnde Kristalle auf edlen Stoffen, jetzt sind es fröhliche Garne und bunte Perlenketten, die man am besten mehrreihig um den Hals baumeln läßt.

          Interessant wird die Tunika in der Kombination, denn sie bringt frischen Wind in die Standardkluft junger Mädchen: zu Jeans und Sandalette trägt man jetzt das ehemalige Antikenhemd anstelle des sonst üblichen, etwas faden T-Shirts. Eine weiße Tunika zum braunen Bleistiftrock mit Mokassins ist die Büro-Version des Hippie-Looks.

          Lässig und irgendwie korrekt

          Auch der Mann trägt in diesem Sommer Tunika - bei Gucci in warmen Brauntönen, mit Goldfäden bestickt oder mit aufgenähten Münzen. Bei Jil Sander ist das weiße Baumwollhemd vorne plissiert. Dazu eine Perlenkette, die sich eng um den Hals schmiegt - fertig ist die John-Lennon-Kopie. Man kann die Tunika zu Jeans tragen oder, wie bei dem amerikanischen Designer Michael Kors, in Weiß unter dem Nadelstreifenanzug - lässig und irgendwie korrekt, aber doch nur bedingt bürotauglich.

          Noch mehr Modemut erfordert bei beiden Geschlechtern der Kaftan - ein ursprünglich persisches Kleidungsstück, das als Übergewand getragen wurde. Auch er ist im Schnitt eher schlicht: bodenlang, kragenlos, ohne Taille. Es gibt ihn aus Leinen und Baumwolle in allen erdenklichen Mustern. Man könnte ihn für unförmig halten, aber schon der amerikanische Modedesigner Halston zeigte in den siebziger Jahren, daß der Umhang elegant aussehen kann. Deshalb gibt es ihn jetzt auch in leichter Seide oder aus hauchdünnem Chiffon, damit er locker um den Körper schwingt. Gleiches gilt für die Flatterkleider von Etro oder Missoni - zwei Marken, die durch ihre traditionell bunten Muster bestens in den Trend passen.

          Textile Interpretation des Freiheitsgedankens

          Was aber machen Designer wie Roberto Cavalli, deren Selbstverständnis sich darin manifestiert, eine Frau erstens sexy und zweitens supersexy aussehen zu lassen? Denn eigentlich verhüllen die weiten Schnitte des Hippie-Looks weibliche Formen. Trick1: Kombinieren Sie den bodenlangen Faltenrock einfach nur mit einem Bikini-Oberteil. Trick2: Tragen Sie die Tunika als Minikleid und mit Highheels. Trick3: Kaufen Sie Kleider mit tiefem Ausschnitt, so daß auch der Bauchnabel freigelegt wird. Das empfiehlt zum Beispiel das Designer-Duo Dsquared - die textile Interpretation des Freiheitsgedankens der Hippie-Bewegung.

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