https://www.faz.net/-hs1-6x7zr

Haute-Couture-Woche : Nette Gesten in Organza

Zeremoniell: Valentino feiert das Handwerk der Näherinnen Bild: Gamma-Rapho via Getty Images

Die Haute Couture blüht wie lange nicht mehr. Neue Märkte helfen der alten Pariser Handwerkskunst. Auf der Modewoche in Paris kippt die Stimmung so, dass Dita von Teese in der ersten Reihe weint.

          5 Min.

          Die Designer lassen sich feiern, die Journalisten strömen zum Champagner, die Investoren checken die Lage, die Models tauschen 20000-Euro-Kleider gegen 200-Euro-Acne-Jeans: Hinter der Bühne ist die Hölle los. Aber nach dieser Schau zum Abschluss der Haute-Couture-Woche stehen am Rande, als ob sie die Kleiderständer bewachen wollten, auch noch zwei Dutzend Frauen in weißen Kitteln und mit dicken Brillen. Valentino hat zur Schau im Hôtel Salomon de Rothschild kurzerhand die Näherinnen aus den Ateliers in Rom mitgebracht.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Das ist eine nette Geste, denn diese Frauen arbeiten wirklich hart am Gegenstand - und sticken mit der Hand Millionen kleinster Perlen, Stäbchen, Pailletten, Bänder und Kristalle an die leichtesten Stoffe von Organza bis Seide. Sie sind hier, weil die Kleider bis zur letzten Minute vor der Schau geändert wurden. Sie stehen hier aber auch als Symbol für die Haute Couture, die mit viel Aufwand den wachsenden Wunsch nach Authentizität und Originalität befriedigt. Bis zu 700 Stunden, sagt eine der Petites Mains, wie man in Paris die Näherinnen auch dann nennt, wenn sie aus Italien kommen, hätten sie an den am aufwendigsten bestickten Kleidern gearbeitet. Eine Italienerin ruft: „Che collezione!“ Und Model-Ikone Inès de la Fressange, neuerdings tätig für „Madame Figaro“ und unterwegs im Gavroche-Look der Pariser Straßenjungen mit Schiebermütze und Cordjacke, fotografiert jeden einzelnen Look noch einmal auf der Stange: „Magnifique!“

          Bizarrer Aufwand

          Bei Valentino, der von ihrem Gründer Valentino Garavani vor drei Jahren verlassenen Marke, lassen seine früheren Assistenten Pierpaolo Piccioli und Maria Grazia Chiuri die Couture in jedem Wortsinn blühen. Für die Marke ist der Aufwand kein Luxus, sondern Überlebensstrategie: Denn Valentino lebt längst nicht so stark wie die beiden wichtigsten Couture-Häuser Dior und Chanel von Schuhen oder Taschen. Valentino-Mode muss allein durch die Mode sprechen. Und das tut sie denn auch mit herrlich bestickten Cocktail- und Abendkleidern. Veritable Schleppen allerdings möchte heute wohl nicht einmal mehr die Couture-Kundin in Dallas oder Dubai hinter sich her schleppen.

          Speziell: Jean Paul Gaultier ehrt die Popmusik

          Eigentlich ist all der bizarre Aufwand von gestern. Stylistin Carine Roitfeld erzählt, dass sie sich wegen eines Jobs in London nur ein paar Schauen angesehen hat und dass sie selbst kaum Couture-Teile trägt, obwohl sie die nicht einmal bezahlen müsste. Auch der Einzelhandel hat nichts mit diesen Kleidern zu tun, weil sie den Kundinnen im Atelier oder gar direkt zu Hause angepasst werden. So stellt Sarah Lerfel vom Trendladen Colette, die sonst immer auf Originelles aus ist, die schönen Stücke höchstens mal als Blickfang ins Schaufenster.

          Und dennoch boomt die Hohe Schneiderkunst, trotz zuweilen arg trutschiger Outfits wie etwa bei Alexis Mabille. Vor allem in Südamerika, China, Russland und im Mittleren Osten wächst die Nachfrage. Für Chanel war 2011 das beste Jahr in der Couture-Geschichte. Fast alle Marken verzeichnen nach einer Umfrage von „Women’s Wear Daily“ hohe zweistellige Zuwachsraten - freilich bei recht niedrigen Umsätzen, denn mit Prêt-à-porter und Accessoires verdient man weit mehr. Außerdem hilft die Haute Couture bestens bei der Imagebildung, wie man an Patrick Demarcheliers opulentem Bildband „Dior Couture“ gut sieht.

          „Das Blau der Augen meiner Katze“

          Die wachsende Aufmerksamkeit nutzen in dieser kurzen Pariser Woche allerdings auch andere Anbieter. Tod’s präsentiert unter dem Titel „No_Code“ eine Schuhkollektion mit dem britischen Stylisten Jefferson Hack. Miuccia Prada ist mit einer 24-Stunden-Ausstellung von Francesco Vezzoli dabei, der alten Frauendarstellungen neuere Köpfe aufgesetzt hat. Die frühere Prostituierte Zahia Dehar, die durch eine Affäre mit dem Fußballspieler Franck Ribéry bekannt wurde, präsentiert, inzwischen 19 Jahre alt, ihre von der Beteiligungsgesellschaft First Mark Investments finanziell unterstützte Dessous-Kollektion, tritt also gewissermaßen „in Arbeitskleidung“ („Bild“) auf den Laufsteg.

          Weitere Themen

          Michelle Elie trägt Comme des Garçons

          Extrem modisch : Michelle Elie trägt Comme des Garçons

          Michelle Elie ist nicht nur eine leidenschaftliche Sammlerin von Designerstücken. Sie zeigt, wie sich Haute Couture auch auf der Straße tragen lässt. Das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst hat ihr nun eine Ausstellung gewidmet.

          Topmeldungen

          Transatlantische Risse: Jens Stoltenberg, Angela Merkel und Donald Trump beim Nato-Gipfel im Dezember 2019 in Großbritannien.

          Trump und Europa : Es kann noch schlimmer kommen

          Schon jetzt ist dank Trumps Rhetorik und Politik des Spaltens viel Gift im transatlantischen Verhältnis. Sein möglicher Wahlsieg im November könnte den Westen nachhaltig schwächen.
          Um die Kimaschutzbewegung ist es ruhig geworden in der Corona-Krise.

          Gastbeitrag zum Weltumwelttag : Wachstum durch kluge Klimapolitik

          Die Herausforderung durch die Corona-Pandemie hat das Thema Klimawandel verdrängt. Doch die Klimakrise ist nicht verschwunden. Sichere Arbeitsplätze und eine starke Klimapolitik sind beim Neustart der Wirtschaft kein Widerspruch. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.