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Haute Couture : Schwarze Tage in Paris

  • -Aktualisiert am

Baby on Laufsteg: „Rabenmutter”-Look bei Jean-Louis Sherrer Bild: AP

Schwarze Kutsche, blasser Teint, dunkle Spitze und rote Augen: Die Haute Couture in Paris gibt sich mit düsteren Kleidern morbide. Tragen reiche Damen demnächst den Dracula-Look?

          3 Min.

          Am Horizont ziehen dunkle Wolken auf, weißer Rauch steigt in die Luft. Eine schwarze Kutsche knirscht über den Kies, der eine blasse Frau im grauen Belle-Epoque-Kleid entsteigt. Sie schreitet durch den Nebel, geht zwischen struppigen Hecken und bröckelnden Marmorstatuen hindurch. Die zweite mysteriöse Begebenheit ereignet sich tags darauf in einem alten Fabrikgebäude: Eine Gruppe junger Frauen schleicht in den Raum. Ihre Haare sind wie Vogelnester aufgebauscht, entrückte Wesen, im Dämmerzustand zwischen Leben und Tod. Sie tragen bodenlange schwarze Satin-Capes mit Kapuzen, ihre Gesichter versinken in Federkrägen.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Szenen erinnern an die Anfänge billiger Gruselfilme, in denen im nächsten Moment Graf Dracula auftauchen könnte, um die Porzellanhälse der Damen anzuzapfen. Aber die gespenstischen Auftritte sind ledigich der Auftakt zu den Modenschauen von Dior und Chanel, bestaunt wurden sie diese Woche in Paris. Haute Couture zum Fürchten.

          Weiße Gesichter, rote Augen

          Auch andere Designer gingen in diese Richtung: Ihre Models waren weiß geschminkt und hatten rot geränderte Augen, sie trugen Kleider wie Spinnennetze aus gewebtem Mohair und schwarze Chiffonschleier, die ihre Gesichter bedecken. Selbst ansonsten farbenfrohe und expressive Designer wie Christian Lacroix zeigten große Teile ihrer Kollektion in Schwarz. Fast wäre man geneigt, die Haute-Couture-Woche nicht als Präsentation exklusiver Herbst- und Winter-Mode zu sehen, sondern als Verkaufsveranstaltung für festliche Trauerkleidung. Die Couturiers, die bis Freitag drei Tage lang Kollektionen für den nächsten Herbst und Winter vorstellten, lieben derzeit ganz offensichtlich das Morbide und begeben sich in die Grauzone zwischen Leben und Tod.

          Keine Dreharbeiten für einen Gruselfilm, sondern eine Modenschau bei Dior

          Es ist immer der gleiche Stoff, aus dem die Modelle der Nachtgestalten sind: Samt, Mohair, Satin und jede Menge Tüll. Wichtigstes Accessoire: die Vogelfeder. Bei Chanel zieren sie die Kragen und Rocksäume, bei einem Givenchy-Kleid sind sie zwischen zwei Tüllagen genäht. Am konsequentesten verfolgte diesen Trend der Italiener Riccardo Tisci (siehe Interview), der am Donnerstag abend seine erste Kollektion für das Haus Givenchy präsentierte. Ein bißchen erinnerte sie an das Kabinett des Dr.Caligari. Auf drei Stockwerken ließ Tisci im Stammhaus an der Avenue GeorgeV. Separees installieren und staffierte die Models als ätherische Wesen aus, die - Überraschuung! - überwiegend Schwarz trugen. In Italien trat Tisci bislang als "Gothic-Designer" in Erscheinung, der auch den Sänger Marilyn Manson austattete. In Paris zeigte er allerdings die entschärfte Version des textilen Totenkults - dem Hause Givenchy angemessen.

          Beeinflußt durch den „Gothic-Stil“

          Es ist vermutlich das erste Mal, daß der vor allem von Jugendlichen zelebrierte "Gothic-Stil" die Mainstream-Mode derart beeinflußt. Ihre Wurzeln hat die Stilrichtung im mystifizierten Mittelalter, ihre Anhänger tragen ausschließlich Schwarz und schminken sich die Gesichter weiß. Sie dekorieren sich mit Symbolen des Todes und hören Musik, die nicht gerade für gute Laune steht. Lächeln gilt als uncool.

          Warum es nun flächendeckend zum Trend der Dunkelheit gekommen ist, läßt sich schwer sagen. Daß Schwarz die Farbe des nächsten Winters werden würde, zeichnete sich schon bei den Pret-a-porter-Schauen im Frühjahr ab. Die Haute Couture ist jetzt noch einen Schritt weiter gegangen und gibt dem Trend eine deutlich morbide Note. Tatsächlich manifestiert sich darin eine konsequente Rückwärtsgewandheit, die über die bisher gekannte Wiederbelebung alter Zeiten hinausgeht (überlicherweise also auf das Plündern von Trends populärer Jahrzehnte wie den fünfziger oder den siebziger Jahren). Die neue Retro-Welle spiegelt das 19. Jahrhundert, seinen Mittelalter-Kult, die Begeisterung für Romantik und Mystik.

          Der neue Trend wirkt schnell angestaubt

          Als einer der ersten bezog sich John Galliano auf diese Zeit. Vor genau einem Jahr präsentierte er eine Haute-Couture-Kollektion mit Abendkleidern, in der er sowohl das Rokoko als auch das strengere 19. Jahrhundert zitierte. Damals hielt man seine Schau für den Ausdruck reiner Extravaganz, die gewiß nicht auf andere Modemarken übergreifen würde. Diese These gilt nun als widerlegt.

          Die Schwierigkeit bei dem neuen Trend besteht allerdings darin, daß er schnell angestaubt wirken kann, schließlich möchte man nicht unbedingt wie QueenVictoria auf eine Party gehen. Wichtig ist deshalb, dem Kult des Schwarzen moderne Elemente hinzuzufügen. Galliano verleiht seinen Dior-Modellen eine schrille Note, während Tisci für Givenchy Kopfbedeckungen aus Plexiglas präsentierte - die moderne Interpertation der klassischen Hutspange von Givenchy.

          Schneewitchenhaft in der ersten Reihe

          Noch steht nicht zu befürchten, daß die reichen Damen der Gesellschaft künftig wie Marilyn Manson mit weißgeschminkten Gesichtern und Schneidezähnen aus Gold zu Premierenfeiern gehen werden, auch wenn Dita von Teese, die Verlobte des "Gothic"-Sängers, schneewittchenhaft in der ersten Reihe der Dior-Schau saß.

          Das Düstere nur als Spielerei? Am Ende der Dior-Schau ließ sich Galliano in der Kutsche zur Musik aus dem Film "Der Kontrakt des Zeichners" hereinfahren und baute sich mit dramatischer Geste inmitten der Models auf. Damit ließ sich freilich Schauerliches assoziieren, denn in dem Film von Peter Greenaway wird der Zeichner am Schluß umgebracht - von den Frauen, die ihn umgeben.

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