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Giambattista Valli : Der Oscar-Kandidat

Giambattista Valli entwirft die schönsten Abendkleider. Auch in Hollywood kommt er damit an. Trotzdem wird er in der Nacht zum Montag gut schlafen.

          So geht das hier: Noch einen halben Tag in Paris, was soll man da machen? Warum nicht mal eben zu Giambattista Valli? Anruf im Pressebüro. „Schauen wir mal!“ In anderen Luxushäusern mit babylonischer Größe und byzantinischem Machtgefüge müsste man Monate warten. Hier kommt nach zehn Minuten die SMS: „Er hat ein Meeting verlegt. 14.30 Uhr, 30 rue Boissy d’Anglas, erste Etage. Am Interphone gelben Knopf drücken.“ Nicht dass Giambattista Valli viel Zeit hätte in der Couture-Woche. Aber er nimmt sie sich einfach.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Also hin. Beziehungsweise erst einmal die Gegend erkunden, weil wir ja diesen ganzen halben Tag haben. Ecke Rue Boissy d’Anglas, Rue du Faubourg Saint-Honoré, mitten in Paris. Hier ist die Hermès-Zentrale, hier sind die Luxusgeschäfte von Lanvin, Cartier, Sergio Rossi, Bottega Veneta, Loro Piana, Tod’s. Die Menschen, die vorbeilaufen, sprechen, in der Reihenfolge ihres Auftretens: Russisch, Englisch, Japanisch, Italienisch, Französisch und wieder Französisch. Hundert Meter weiter, etwas abseits, aber noch immer mittendrin: Giambattista Valli, ein Italiener in Paris. 

          „Haben Sie die Kritik zur Couture im ,Figaro‘ gelesen? Nicht schlecht, oder? Wie ich das mit der Modernität schaffe? Ich kleide ja viele Freundinnen von mir ein. Oft sind sie jung, wie Bianca Brandolini. Die jungen Frauen wollen wirklich Kleider haben, die nur sie haben und niemand sonst. Modernität geht so: Ich stelle mir eine junge Frau vor, die aus der Dusche kommt, Haare noch nass, und schnell ein Kleid anzieht und rausgeht.“

          „Die Schleppe bleibt immer hängen“

          Am Laden in der Galerie de la Madeleine kein Logo, auch der Name ist nur klein am Schaufenster. Fast versteckt sich dieses Geschäft. Dabei ist es der einzige Flagship Store des Designers, der aber viele Boutiquen in aller Welt beliefert. Er hat das Jessica-Biel-Brautkleid entworfen für die Hochzeit mit Justin Timberlake, im letzten Sommer beriet er Margherita Missoni bei ihrem Hochzeitskleid. Diane Krüger in Cannes, Doutzen Kroes beim Met-Ball, Lee Radziwill immer wieder.

          Bei Film-Bällen oder Oscar-Feiern sind die Zwei-Meter-Schleppen mancher seiner Couture-Kleider allerdings auch schwierig: „Dauernd tritt da jemand drauf. Da muss man aufpassen. Denn der Witz an der Schleppe ist ja, dass sie auch wirklich hinten hängen bleibt.“ Viele Designer verkleiden Frauen. Er macht sie einfach nur ein bisschen schöner. Sogar die Deutschen. Die Couture-Häuser schweigen meist über ihre Kundinnen. Jedenfalls kleiden sich mehr Schweizerinnen als Deutsche in die hohe Schneiderkunst. Selbst Dior oder Chanel haben höchstens eine Handvoll deutscher Damen, die 20.000 Euro oder mehr für ein Kleid ausgeben.

          Ein Entwurf aus der Couture für Frühjahr und Sommer.

          „Ich habe schon mal mindestens drei Deutsche: Diane Krüger kenne ich noch aus der Zeit, als sie ein Model war. Sie ist eine große Unterstützung für mich. Eine der wenigen Schauspielerinnen, die genau weiß, wie sie sich kleiden kann. Ihr Kleid in Cannes wäre nicht so schön gewesen, wenn sie nicht drin gesteckt hätte. Elisabeth von Thurn und Taxis: Ich liebe sie! Und erst ihre Mutter, Fürstin Gloria: phantastisch!“

          Modemacher aller Altersstufen

          Im vergangenen Jahr hatte er seinen ersten großen Auftritt bei der Oscar-Feier, in Gestalt von Emma Stone. „Sie war eine Herausforderung, sehr jung, nicht so weiblich, also brachten wir Frische rein.“ Rotes Kleid, große Blüte an die Schulter gestickt. „Wollen wir mal hoffen, dass es auch dieses Mal klappt.“ Die Vorbereitungen scheinen ihn in Vorfreude zu versetzen: „Hier haben heute Morgen schon regelrechte Kämpfe stattgefunden.“ Denn aus der Couture-Kollektion wird in jede Weltregion nur ein Kleid gegeben. Und Nordamerika ist eine Weltregion. Das eine Kleid will jetzt nicht nur eine haben.

          „Die Frauen wollen nicht unbedingt einen bestimmten Look aus der Kollektion. Sie haben ein paar allgemeine Vorstellungen, die ich dann verwirkliche. Man muss sich das vorstellen wie eine Sitzung beim Psychotherapeuten: Wir sprechen und sprechen, sie bewegt sich ein bisschen, ich versuche die Stärken und die Schwächen herauszufinden. Die Kundinnen kommen aus aller Welt. Europa, Russland, Mittlerer Osten, Nordamerika, also Houston, Dallas, Chicago, Boston, Los Angeles, New York. Oh, Telefon. Ah, das ist Lee Radziwill. Nein, da gehe ich jetzt nicht dran.“

          Der Modemacher, der nicht ans Handy geht, wenn die Schwester  von Jackie Kennedy anruft, bedient eben auch alle Altersstufen: Lee Radziwill wird Anfang März 80 Jahre alt. Vielleicht fürchtet er sich auch ein bisschen vor dem Telefonat. Denn sie war in seiner Schau und will wahrscheinlich ebenfalls gerade das Kleid der Kleider bestellen, wie alle anderen. „Am Ende ist es wirklich so: Ich kann 40 oder 45 Looks machen, und alle wollen nur ein bestimmtes Kleid haben. Ich verstehe es bis heute nicht. Mit den Moderedakteuren, die Shootings vorbereiten, ist es das gleiche. Immer nur den einen Look.“

          Die erste Liebe vergisst man nicht

          Giambattista Valli stammt aus Rom. „Meine Familie hatte nichts mit Mode zu tun. Und das ist gut so.“ Der Vater war bürgerlich, die Mutter aus aristokratischer Bohème. Aber was hat das schon zu sagen? Als kleiner Junge war er sogar in einer Schule im Vatikan, weil sein Großvater dort gearbeitet hatte. Aber das will er alles gar nicht so ausbreiten. „Für mich gibt es keine Rasse, keine Religion. Das einzige, was ich für mich gelten lasse: eine Haltung, die aus der Zeit stammt, als Rom einem Imperium vorstand.“

          Aus seiner persönlichen Vergangenheit bringt er auch noch etwas mit, von seinen beiden Lehrmeistern. Bei Roberto Capucci, dem großen Außenseiter der römischen Mode und genialen Formenfinder, erwarb er (von 1988 bis 1990) den Sinn für Proportionen. „Die erste Liebe vergisst man nicht“, sagt er über die Lehrjahre dort, denen Stellen bei Fendi und Krizia folgten. Von Emanuel Ungaro, dem Couturier, der ebenfalls aus Italien stammt und nach Paris ging, lernte er (von 1997 bis 2001), wie die Stoffe fließen und schimmern. „Hier in Paris ist das wirklich alles wichtig“, sagt Giambattista Valli. „Die Couture ist die Krone der Schöpfung, und es gibt eine wahnsinnige Liebe zur Tradition.“ Auch Valentino, ebenfalls aus Rom, zeigte seine Kollektionen in Paris. Und sein großes Vorbild ist ohnehin, pariserischer geht es nicht, Yves Saint Laurent.

          Sogar die Couture, hier für Frühjahr und Sommer, gerät ihm tragbar.

          „Ich suche nach einer Haltung, die nicht angestrengt aussieht. Viele Kleider sind so schwer. Wenn ich Couture-Kundin wäre, liefe ich weg bei 5400 Perlen auf einem Kleid. Allein das Gewicht! Auch wenn man 500 Stunden an einem Kleid arbeitet: Es muss so aussehen, als wäre es in einer Nacht entstanden. Das gibt meiner Maßschneiderei die Frische: Sie muss leicht sein. Ich habe ein riesiges Wissen von der Couture, weil ich lange darin gearbeitet habe. Aber es muss leicht wirken. Ich liebe die Leichtigkeit, das Gewicht der Leichtigkeit.“

          Buckel und Berge als ästhetisches Konzept

          Im Showroom gehen junge Araberinnen ein und aus. Sie haben die Schau gesehen, haben sich ein Kleid ausgesucht und probieren es nun an. Oder ein anderes. Von hier oben hat man einen Blick in die Galerie und auf die Boutique. Die Couture ist bei dieser Marke kein Spielzeug zur Markenbildung, sondern dient dem Verkauf. Deshalb ist in der Kollektion fast alles tragbar. Und deshalb ist hier gerade so viel los.

          Als Giambattista Valli, 1966 geboren, 2005 seine Marke gründete, also mit fast 40 Jahren und viel Erfahrung, stand er doch wieder am Anfang. Man machte sich lustig über die Beulen und Berge an den seltsamsten Stellen seiner Kleider. Schnell haben sich dann auch durch ihn die Sehgewohnheiten geändert. Viele Designer erkennen nun, dass abstehende Formen, die einst als avantgardistisch galten, als japanisch und weltabgewandt, der Mode eine dritte Dimension geben. Valli hat die Buckel und Berge zum ästhetischen Konzept erhoben, das ihn vor Flachheit bewahrt. Man muss die Kundinnen auch mal herausfordern. „Erst sind die Leute schockiert. Dann bekommt es Charme. Schließlich wird es zum Markenzeichen.“

          Beim Defilee zwei Abende zuvor. Alle sind da, „Vogue“ bis „Figaro“, „New York Times“ bis „Corriere della Serra“. Kundinnen aus aller Welt. Und: Salma Hayek, Gattin des Luxuskonzern-Chefs François-Henri Pinault. Steht da eine Übernahme durch den PPR-Konzern bevor, der auch schon Gucci, Alexander McQueen, Bottega Veneta, Yves Saint Laurent gekauft hat? Und: Jaime de Marichalar, geschiedener Mann der Infantin Elena von Spanien, nun für LVMH tätig, den Luxuskonzern, der gerade auch Hermès recht feindlich übernehmen will. Was wollen die hier?

          „Haha! Salma kenne ich seit Ewigkeiten. Ich habe sie schon bei Ungaro oft eingekleidet. Sie ist ja eine freie Frau, und sie wählt immer gut aus. Der spanische Prinz? Wir sind beide Freunde des Künstlers Francesco Clemente, und wenn wir in New York sind, treffen wir uns bei ihm. Ich weiß ja noch nicht mal, für wen er arbeitet. Ich bin schließlich Römer und lade viele ein. Wir kennen ja keine Etikette wie die Pariser. Wir sind einfach frei.“

          Er ist selbständig, sehr selbständig

          Aus eigener Kraft eine Modemarke aufzubauen, so heißt es immer, sei heute so gut wie unmöglich. „Es ist schöner, viel zu tun zu haben, als gar nichts zu tun zu haben“, meint Giambattista Valli dazu. Und viel hat er zu tun: „Jeder will was von mir.“ Allein in diesen Tagen: Er ist in Mailand, um für Moncler seine Kollektion „Gamme Rouge“ vorzubereiten (und so nebenher Geld zu verdienen). Er ist in Paris, zum Fitting für die Prêt-à-porter-Kollektion, zur Couture-Schau, für die Kundinnen. Er ist in New York, zur Schau für die Linie „Gamme Rouge“. Dann folgt auch schon bald das Prêt-à-porter-Defilee in Paris. Je größer die Firma wird, desto fragiler wird das Verhältnis zur Kundin. Daher redet er mit den Verkäufern seiner Boutique und den Einkäuferinnen aus aller Welt: „Ich will verstehen, was gewünscht wird.“

          Um privilegiert zu sein, arbeitet er zu viel. Er ist halt selbständig, sehr selbständig. Giambattista Valli muss nicht wie Raf Simons, ein ebenso begnadeter Designer seiner Generation, ein altes Modehaus neu interpretieren. Er kann aber auch nicht in Archive hinabsteigen, kann nicht mit Dutzenden Näherinnen arbeiten, hat nicht die Unterstützung eines großen Konzerns. Im Showroom flüstert die PR-Frau: Er ist jetzt offizielles Mitglied der Haute Couture, eine große Ehre. Er bringt im Herbst ein Buch über sein Leben heraus. Er macht alles selbst.

          „Es stimmt nicht, dass man alleine kein Modehaus gründen könnte. Man muss nur eine besondere Idee haben. Dann kann man es entwickeln, mit Shows und Verkauf. Wichtig ist nur: Wenn man beginnt, muss man sich ganz frei ausdrücken können, um seinen eigenen Standpunkt zu finden. Wenn man schon mit einem Investor startet, wird man immer in eine Richtung gehen und nicht einfach seine eigenen Ziele verfolgen. Wenn man es so macht, wie man will, heißt das oft auch, dass man mit einer Idee beginnt – und dass am Ende, zur Schau, etwas ganz anderes dabei herauskommt. Denn ich will immer offen sein, offen fürs Leben. Man kann die Energie nicht stoppen, sie muss fließen.“

          „Ich bin nicht besessen von Prominenten“

          Eine Wendeltreppe führt zum zweiten Stockwerk, wo eine Nähmaschine rattert. Die Petites mains, vier Näherinnen, sitzen an den Nähten, dicke Brillen, viel Tageslicht, trotzdem Neonlampen. Gleich hinter den Näherinnen sein Atelier, mit Ausblick auf den schmucklosen Innenhof. Zeichnungen auf dem Tisch, ein Porzellan-Affe in Denkerpose, Fünfziger-Jahre-Fotos. Giambattista Valli trägt auch heute schwarz. Einziger Schmuck: eine Perlenkette. Im hinteren Eck stand gerade noch eine Büste mit plissiertem Cocktailkleid. Aber das brachte nun nichts, denn der Lampenschalter ist hinter dem Schrank, der Schrank lässt sich nicht verschieben, und ohne Licht kann man nichts sehen. So viel erkennt man aber doch: Das wäre auch ein gutes Oscar-Kleid!

          Er liebt die Stars, wie hier Anne Hathaway in Valli vor vier Wochen.

          „Ja, ich mag es, wenn Celebritys meine Kleider tragen. Denn sie sind nicht Göttinnen wie die Models, sondern Göttinnen eigenen Rechts. Aber ich bin wirklich nicht besessen von Prominenten. Ich glaube, beides ist falsch: zu viel auf berühmte Frauen zu setzen oder gar nicht mit ihnen zu arbeiten. Es ist wirklich vulgär, dauernd alle großen Namen auszustatten. Man muss doch auswählen. Ich schaue übrigens nie Fernsehen. Auch nicht in der Oscar-Nacht! Das kann ich garantieren. Ich werde im Bett ein Buch lesen und dann schlafen.“

          Er hat genug zu lesen. Francesca Ruffini, die Frau des Moncler-Chefs, für den er arbeitet, „eine der elegantesten Frauen, die es gibt, noch dazu intellektuell“, liest viel. Jedes Jahr zu Weihnachten schenkt sie ihm ein Paket mit mindestens 30 oder 40 Büchern, die sie übers Jahr gelesen hat und ihm zur Lektüre empfiehlt. Im Austausch gibt er ihr Antonioni-Filme oder den Episodenfilm „Le streghe“. Mit bewegten Bildern kennt er sich besser aus.

          „Viele Designer wollen der Presse gefallen. Wir müssen aber den Kundinnen gefallen. In der Mitte der Modewelt ist nichts. Wenn normale Leute darauf blicken, sehen sie Freaks. Man muss den Zeitgeist packen. Aber man muss vor allem an die Kundin denken. Es gibt nicht zu groß, zu klein, zu dick, zu dünn, zu jung, zu alt, zu blond, zu dunkel. Ich bin offen für alle.“ Solche Sätze hört natürlich fast jede Frau gern.

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