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FAZ.NET-Spezial : Leiser Luxus auf den Pariser Haute-Couture-Schauen

Stöckeln für Valentino Bild: dpa/dpaweb

Die Pariser Haute-Couture-Schauen sind am Donnerstag zu Ende gegangen. Die hohe Schneiderkunst erstrahlt in altem Glanz, doch der Kreis des zahlenden Publikums wird kleiner und kleiner.

          Ein fast normaler Nachmittag am Boulevard des Invalides. Vor dem Hotel de Bourbon Conde stehen Frauen und achten darauf, daß ihre Pelzmäntel nicht naß werden, während sie auf den Einlaß zum Chanel-Defilee warten. Auf der anderen Straßenseite demonstrieren ein paar Dutzend Menschen in Anoraks gegen die Regierung. Jemand spricht heisere Parolen in ein Megaphon, die Chanel-Schau beginnt in den hohen Räumen des Foyers mit fast sakraler Musik. Das Defilee endet nach etwa zwanzig Minuten mit Applaus, Champagner und zerbrechlichen Käsestangen, die Kundgebung gegenüber mit fettigen Pommes frites von der Imbißbude. Zufällig ziehen die Chanel-Besucherinnen und die Demonstranten zur gleichen Zeit von dannen, die einen nehmen die Metro, die anderen ihren Chauffeur. Höflich schaut man aneinander vorbei.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So ist es, wenn die Haute Couture auf das wahre Leben trifft: Es perlt an ihr ab wie die Regentropfen an einer Nerzstola. Die Hohe Schneiderkunst ist Inszenierung und Geschäft im kleinen Kreis: Eine exklusive Gruppe von Designern macht für eine exklusive Gruppe von Kunden exklusive Mode. Deshalb denkt man seit langem, sie habe sich im Gegensatz zum Prêt-à-porter überlebt, und verordnete ihr, sich der Welt zu öffnen. Manch einer zeigte schrille Straßenmode in der Luxusversion, andere boten gespreizte Opulenz, um auf sich aufmerksam zu machen, und ernteten doch nur Kopfschütteln mit dem Kommentar: Wer soll das tragen?

          Als wäre das Model eine von uns

          Die Defilees für Frühjahr und Sommer 2004, die am Donnerstag in Paris zu Ende gingen, schlugen einen anderen, möglicherweise erfolgreicheren Weg ein. Sie präsentierten einen Luxus, der nicht laut und schrill, sondern leise, dezent und sehr französisch ist. "Es ist Zeit, zur Haute Couture zurückzukehren, dorthin, wo ihre Wurzeln und ihre Noblesse liegen", schrieb Emanuel Ungaro in einem Brief, der den Einladungen beilag. Deshalb zeigte er seine Kollektion im vornehmen Stammhaus an der Avenue Montaigne. Man saß intim in den kleinen Räumen beieinander, wie beiläufig liefen die Models durch den Raum und plazierten sich schließlich auf weiße Sofas, als wären sie eine von uns und die Kundin eine von ihnen.

          Big hair für zarte Elfen bei Valentino

          Auch Givenchy betonte den Saloncharakter der frühen Haute Couture und lud ebenfalls erstmals nach langer Zeit in sein Stammhaus an der Avenue George V. 60 Plätze gab es nur und deshalb lange Gesichter bei denen, die sonst immer Eintritt fanden, aber diesmal nicht, und freudige bei denen, die zu den Auserwählten zählten. Ungaro und Givenchy - so nah war man frisch geschneiderter Mode selten.

          Chanel: Streng und frivol zugleich

          Dieses Gefühl an Zurückgenommenheit schien sich auch auf die Kollektionen übertragen zu haben. Ungaro präsentierte luftige Mini-Kleider und blieb seinem Stil des Mustermix treu: Blume mit Leopard, Blume mit Polka-Tupfen, Blume mit Blume. Das sah jung und frisch und fast nicht nach Couture aus, aber mit Modellen wie dem mit Pfauen und Rosen bestickten bodenlagen Satincape gewann die Kollektion an Glamour. Auch Julien Macdonald vergriff sich für Givenchy nicht im Ton: Es gab Weiß, Schwarz und die blasse, deshalb elegante Variante von Pink, genannt Puderrosa. Seine Entwürfe waren allerdings so solide und tragbar, daß sie auf manche Besucherin glanzlos wirkten und den Verdacht nährten, daß Macdonalds Tage bei Givenchy gezählt sind.

          Meisterlich dagegen demonstrierte Karl Lagerfeld für Chanel, wie man auf schrille Effekte verzichten und doch extravagant genug ist, um das Prêt-à-porter zu überstrahlen. Dieser Luxus trägt nicht auf. Lagerfeld arbeitete mit dem Trick, sich selbst die Luft aus den Segeln zu nehmen, wenn es allzu opulent zu werden droht. Die bauschigen Röcke aus Tüll und Spitze kombiniert er mit strengen, schmalgeschnittenen und tief taillierten Oberteilen wie Tweedblousons. Umgekehrt stellt er dem schlichten Rock die Chiffonbluse zur Seite, die über und über mit Pailletten besetzt ist und zur Schau trägt, was das Haus Chanel, das in den vergangenen Jahren einige Traditionswerkstätten aufgekauft hat, um ihr Überleben zu sichern, an edler Handarbeit zu leisten vermag. Das ist so bestaunenswert, daß Lagerfeld klug auf glitzerndes Beiwerk wie Ketten und Broschen verzichtet hat. So wirkt die Chanel-Frau wie einst Mademoiselle Chanel: streng und frivol zugleich. "Moderne Eleganz, ohne spießig zu sein", beschreibt er seine Kollektion nach der Schau. Und ergänzt: Er habe eine französische Attitüde zeigen wollen, wie sie nur ein Ausländer zeigen kann.

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