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Farbenfrohe Handtaschen : Sommer zum Mitnehmen

Ohne Reißverschluss: Akten statt Strandtuch. Bild: Anthea Simms

Drei Zeichen dafür, dass es bald richtig warm wird: 1. Eismänner. 2. Cabrios. 3. Frauen tragen bunte Handtaschen.

          4 Min.

          Es war Sommer, und die Autorin stand auf einer Theaterbühne. Sie hatte gerade aus einem ihrer Bücher vorgelesen, eine besonders anrührende Geschichte. Deshalb klatschte das Publikum jetzt nicht nur, es weinte auch. Jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, als die Autorin, die dem Anlass entsprechend in einem ausgesprochen strengen schwarzen Hosenanzug steckte, mit ihrer Handtasche über der Schulter von der Bühne stieg und die Gäste erkannten, dass sie alltags wohl doch ein ganz normales Leben führen muss. Wahrscheinlich, so vermuteten manche sogar, werde sie gleich zum Strand fahren. Die Erklärung: Die Vorleserin hatte ihre Sommertasche dabei, ein wild gemustertes Modell aus Baumwolle in knalligen Neon- und zarten Pastelltönen, das man so in der Tat ohne weiteres mit zum nächstgelegenen Beach-Club nehmen könnte.

          Mit Fransen: Souvenir aus den Siebzigern.
          Mit Fransen: Souvenir aus den Siebzigern. : Bild: CAMERA PRESS/Anthea Simms
          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dass bald Sommer ist, mag man am Wetter, am Kalendermonat oder an den Menschenschlangen vor den Eisdielen ablesen können. Ein weiterer Gradmesser aber ist die bunte Tasche, die viele Frauen spätestens ab Mai gegen das schlichte Modell aus Leder vom Winter eintauschen - und das unabhängig davon, ob es nun regnet oder doch schon die Sonne scheint. Als Strandtasche in der Stadt zeigt das kunterbunte, geflochtene und infantil anmutende Etwas aus Leinen, Bast oder Plastik den Beginn der unbeschwerten Monate an und hat einen ähnlichen Platz im Alltagsbild wie zum Beispiel das Cabrio.

          Die Taschen wirken wie mitgebracht – oder angespült

          Einige Leute fahren schon im März ihr Auto ohne Dach aus der Garage, um unterstützt durch eine Sitzheizung auf Hochtouren und warme Luft aus dem Gebläse durch die Stadt zu düsen. Und eben andere kombinieren selbst an kühlen Frühlingstagen die schlichte Jeans und warme Übergangsjacke im gedeckten Ton mit der bunten Sommertasche, die dann aussieht, als gehöre sie nicht in diese Welt.

          Ob auf den Kiesböden der deutschen Biergärten, thronend in einem Fahrradkorb aus geflochtenen Weidenstäben oder gefüllt mit lauter frischem Obst und Gemüse, das man selbstverständlich auf dem Wochenmarkt eingekauft hat, ist sie der Hauch Marrakesch oder der Tupfer Sardinien, zu dem man sich im Urlaub hat hinreißen lassen und der zu Hause wie mitgebracht wirkt - oder wie angespült.

          Aus Gummi: Belohnung in den Jahren des Wirtschaftswunders.
          Aus Gummi: Belohnung in den Jahren des Wirtschaftswunders. : Bild: Anthea Simms

          Die norditalienische Taschenfirma Zilla zum Beispiel spitzt die Idee der exaltierten Strandtasche in der Stadt bis hin zu Modellen aus gelbem Schwamm zu. Sie sähen aus wie Strandgut bei Ebbe, wären da nicht die Lederhenkel in Rot, Weiß oder Dunkelblau, welche die Schwammtaschen des Bozener Hauses in Modelle für jede Lebenslage verwandeln.

          “Das sind Taschen für den Strand, für den Berg oder für die Stadt“, erläutert Sylvia Pichler, Designerin von Zilla. „Die Mode ist insgesamt praktischer geworden, und diese Taschen sind einmal geräumig und auf der anderen Seite stabil genug, um in zahlreichen Situationen entweder fünf Kilo Akten oder die Einkäufe aus dem Supermarkt zu tragen.“ So erinnert die fröhliche Strandtasche in der Stadt selbst dann an schöne Urlaubstage, wenn sie nicht mehr vom Strandtuch, sondern von dem Stapel Unterlagen ausgebeult wird.

          Die Sommertasche glorifiziert die Auszeit

          Wahrscheinlich ist die Strandtasche in der Stadt also nur ein weiterer Versuch, um sich zum einen mit der Erinnerung an schöne Zeiten zu beruhigen, weil man befürchtet, der Burn-out könnte schon an der nächsten Ecke warten; zum anderen ist sie eine Möglichkeit, den Überforderungen im Alltag mit Regression, mit kindlichen Elementen, die in vielen dieser Taschen stecken, zu begegnen.

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