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Fäustlinge : Wohngemeinschaft für die Finger

„Glittens“ von Roeckl: für Nutzer von Smartphones Bild: Christoph Adler

Fäustling oder Fingerling? Die Wahl fiel bei Handschuhen bisher aus praktischen Gründen meist auf letzteren. Jetzt wartet der Fäustling mit neuen Funktionen auf.

          Die Freundin versucht, einem von weitem entgegenzuwinken. Ihre Hände aber stecken in einem klobigen Etwas aus Wildleder, und so erinnert die Winkende an einen Braunbär, der ungelenk seine Tatze hebt. "Du hast dir ein Paar Fäustlinge gekauft?", fragt man erstaunt beim Näherkommen. Jetzt muss sie selbst lachen.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auf den ersten Blick sehen Fäustlinge aus wie die prähistorischen Vorväter der Fingerlinge, und es ist deshalb nicht einfach, sie ernst zu nehmen. Bei genauerer Betrachtung aber bemerkt man, dass man die Tatzen-Handschuhe lange Zeit nur unterschätzt hat.

          Das ist in diesem Winter ja nicht weiter verwunderlich. Lagen doch die Temperaturen bisher zumeist über null und somit auch über Fäustlingsniveau. Nun aber kann man seine Hände doch noch zurecht in dessen warmen Höhlen vergraben - und ist darin so unbeweglich, dass sich jene guten Vorsätze in die Tat umsetzen lassen, mit denen man eigentlich schon zum Jahresbeginn hätte loslegen wollen.

          Der Versuch zum Beispiel, sich eine Zigarette anzuzünden und zwischen den Fingern zu halten? Keine Chance. Impulskäufe? Sobald man in ein Paar Fäustlinge investiert hat, trägt man Fesseln. Der morgendliche Latte macchiato to go? Wenn man den Becher nicht richtig greifen kann, macht das wenig Spaß. Mit einem Paar Fäustlingen an den Händen ist jeder Sinn für Feinmotorik außer Gefecht gesetzt.

          Doch dass man taktil so begrenzt ist, kann sogar ganz reizvoll sein. Mit dem Fäustling verhält es sich nämlich ähnlich wie mit dem Computerprogramm Macfreedom, das für einen bestimmten Zeitraum den Internetanschluss blockiert. Wunderbar: Facebook, die Lieblingsblogs, sogar das eigene E-Mail-Postfach können nicht länger ablenken. Hat man einmal das Paar Fäustlinge übergestreift, hat man ebenso wahlweise Ruhe vom Alltag; schließlich ist einem der Zugriff buchstäblich entglitten.

          Pause für Finger, Nerven und Gehirn

          Das Smartphone mag mittlerweile als das mobile mentale Tor zur Welt fungieren - bis man seine eigene Nachbarschaft nicht mehr wiedererkennt. Dieser Entfremdung legt der Fäustling jetzt, wahrscheinlich zu unserem eigenen Schutz, einen Riegel vor. Pause für Finger, Nerven und Gehirn. Für die Entschleunigung sorgt beim Fäustling die robuste Wollstoffschicht, die dazu noch besonders warm hält.

          Während der Fingerling nämlich mit seinen fünf einzelnen Innenräumen bei Minustemperaturen fragil daherkommt und schnell Körperwärme abgibt, wird diese beim Fäustling vom Zeigefinger bis zum kleinen Finger in einem Raum effektiver gespeichert - eine echte Wohngemeinschaft für die Finger.

          Dass einem darin nicht kalt wird, bestätigt auch die höchste deutsche Instanz für Handschuhe: Roeckl. "Das sind die Wärmsten, die wir haben", sagt die Verkäuferin in der Berliner Filiale und holt ein Paar dieser WG-Handschuhe in Schwarz und Pink aus Leder hervor. Sie muten an, als könnte man darin in einen Boxring steigen, aber ganz sicher keine E-Mail auf einem i-Etwas erstellen.

          Aufgerüstet im Namen der Kunden

          Letzteres war bis vor Kurzem auch nicht mit dem Fingerling möglich, aber vom Traditionshaus Roeckl bis zur japanischen Designkette Muji wurde nun im Namen der Kunden aufgerüstet. Fast scheint es, als habe der Fäustling für diejenigen, die darin nicht den Kuraufenthalt aus Stoff sehen, gegen den Fingerling verloren. So gibt es diesen Winter erstmals Fingerlinge mit speziellen Sensoren. Die glatte Oberfläche eines Touchscreens reagiert sofort darauf. Das Eckchen für Ästhetik im Gehirn allerdings sieht darin, nun ja, Mode, die auf Technik trifft, was nicht selten etwas Kaltes hat.

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