https://www.faz.net/-hs1-72dnt

Elsa Schiaparelli : Aus der Mottenkiste auf den Laufsteg

Die ehemalige Lagerfeld-Muse Farida Khelfa soll Farbe in die Mode bringen. Bild: Wonge Bergmann

Elsa Schiaparelli war neben Coco Chanel die große Modeschöpferin des 20. Jahrhunderts. Vier Jahrzehnte nach ihrem Tod wird sie zu neuem Leben erweckt.

          Alles so schön bunt hier! Die Sessel mit rosafarbener Seide bezogen, die Spiegel mit goldenen Rankenrahmen eingefasst, das Schränkchen in knalligem Rot, die Rosen auf dem Fensterbrett in Weiß, Teppiche mit Fernand-Léger-Mustern, überschnappende Ornamente in jeder Ecke - als hätte sich ein Innendesigner auf Speed ausgetobt. Dabei wird hier gerade der Surrealismus nachgestellt, etwas verwirrend, kitschig schön und vermutlich dereinst ziemlich gewinnträchtig.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Elsa Schiaparelli könnte geradewegs um die Ecke biegen, und man wäre nicht überrascht. Aber statt der italienischen Designerin, die in diesem schönen Haus an der Place Vendôme in Paris ihre Zentrale hatte, kommt Farida Khelfa herein, ihre Stellvertreterin auf Erden. Sie soll der Marke Schiaparelli, die lange brachlag, ein Gesicht geben. „Die hatten Spaß beim Entwerfen“, sagt Khelfa, zeigt auf die Giò-Ponti-Stühle und lässt sich in den Darth-Vader-Sitz fallen.

          Mit Blick aufs Ritz: Markenbotschafterin Farida Khelfa im neuen Schiaparelli-Showroom in Paris.

          Elsa Schiaparelli, die Pablo Picasso und Salvador Dalí zu ihren Freunden zählte, wie man an der üppig inszenierten Einrichtung sieht, starb im Jahr 1973. Lange hörte man nichts von ihr. Erst im Jahr 2006 erwarb der italienische Luxus-Unternehmer Diego Della Valle die Rechte. Und dann dauerte es noch sechs Jahre, bis jetzt Leben in die Sache kommt. Dabei geht Della Valle, der die Marken Tod’s, Hogan und Fay aufbaute, sich als Berlusconi-Kritiker profilierte und nun den Römern die Renovierung des Kolosseums spendiert, nach bewährtem Muster vor. Mit dem alten italienischen Namen, der in Paris groß wurde, kann Della Valle den Franzosen nun etwas beweisen.

          Denn die geplante „Prêt-à-couture“ ist nicht die einzige Wiederbelebung alter Mythen: Madeleine Vionnet, Mainbocher, Charles Worth - all diesen Namen haucht man gerade wieder neues Leben ein. Als richtig erfolgreich erweist sich aber bisher nur das Revival von Carven. Und die Schuhmarke Roger Vivier, die sich Della Valle vor fast einem Jahrzehnt zulegte. Aus der Vivier-Zentrale in der Rue du Faubourg Saint-Honoré trägt er die Idee mit dem Gesicht herüber zur Place Vendôme. Die ehemalige Lagerfeld-Muse Inès de la Fressange bringt Roger Vivier dauernd in die bunten Blätter und ins Gespräch. Und nun soll die ehemalige Gaultier-Muse Farida Khelfa Farbe in die Mode bringen. Als Ex-Model, das in beste Kreise eingeheiratet hat, spielt sie ihre Verbindungen aus: Zur Eröffnung der Zentrale im Juli kamen Karl Lagerfeld, Sharon Stone, Jean Paul Gaultier und Haider Ackermann.

          Es müsste ein großer Name sein

          Ackermann? Das ist der Designer, der auch für den Dior-Posten in Frage kam. Könnte also sein, dass der Modemacher, der seine eigene Marke mit einem Nebenjob noch besser nach vorne bringen könnte, hier mal Designer wird. Denn so schön die Schiaparelli-Phantasien sind - es gibt noch gar keinen Designer, und eine Kollektion ist erst fürs kommende Frühjahr angekündigt. Im September will Della Valle einen Designernamen nennen. Aber wer hat dafür genug Phantasie?

          John Galliano zum Beispiel. Der steht zwar nach seinen Eskapaden bei Dior (“I love Hitler“) wieder mit beiden Beinen auf dem Boden, könnte aber dennoch ein Risiko für eine auf Hochglanz getrimmte Marke sein. Sophia Kokosalaki, auch sie sitzt auf dem Kandidatenkarussell, zeigt am 11. September in New York ihre letzte Kollektion für „Diesel Black Gold“ und wäre dann frei - hat aber gerade erst ein Kind bekommen, wohnt in London und ist in der Öffentlichkeit kaum bekannt. Warum also nicht Ackermann? Als Belgier ist er qua Geburt experimentierfreudig, als Designer unerreicht in seinen Drapierungen, als Person trotz vieler Fans von Karl Lagerfeld bis Anna Wintour bescheiden bis glaubwürdig. Oder doch Gaultier?

          Es müsste jedenfalls ein großer Name sein. Das macht die Auswahl für Della Valle so schwierig wie für den Dior-Konzern die Galliano-Nachfolge, an der bis zur Ernennung von Raf Simons ein geschlagenes Jahr gebastelt wurde - was aber Spannung aufbaut, Berichterstattung erzeugt, also Werbung bringt.

          Elsa Schiaparelli, neben Coco Chanel die große Designerin des 20. Jahrhunderts, hätte einen starken Auftritt verdient. Denn zumindest im übertragenen Sinn kommt sie in der Gegenwart dauernd um die Ecke. Am schönsten sah man das bei Yves Saint Laurent, der das knallige Rosa (“le shocking“) aufnahm. Mit etwas Phantasie, wie sie die gerade zu Ende gegangene Ausstellung „Schiaparelli & Prada - Impossible Conversations“ im Metropolitan Museum aufbringt, ist sie auch eine Vorläuferin von Miuccia Prada, die der römischen Exaltiertheit der Tochter eines Mittelalterforschers und einer neapolitanischen Adeligen milanesischen Bürgersinn beigibt. Miuccias geometrische Tapetenmuster, die in Mode sind wie nie zuvor, wirken aber wie die etwas verkniffene Antwort auf die Lobster-Drucke und Vagina-Hüte der großen Vorgängerin.

          Mit wenig Phantasie bedienen sich andere an den Kreationen der Erfinderin des hard chic. Jean Paul Gaultiers Flakon aus weiblichen Formen ist nicht mehr so witzig, wenn man die um Jahrzehnte ältere Flasche des Schiaparelli-Dufts „Le Shocking“ sieht. Alexander McQueen und Martin Margiela führten mit ihren absurden Formexperimenten die surrealistischen Ideen mit postmodernen Mitteln weiter. Und am Ende der Inspirationskette stehen die Designer, die Kussmünder auf ihre Schuhe setzen (Charlotte Olympia) oder sie als Brosche verticken (Sonia Rykiel).

          Auf bald 800 Quadratmetern gleich um die Ecke vom Ritz wird man den Mythos nun wieder aufbauen. Die Geschäftsführerin Camilla Schiavone, die sich zuvor bei L’Oréal um Düfte kümmerte und dieses lukrative Geschäftsfeld auch im neuen Job aufrollen wird, hat in ihrem Büro im ersten Stock alles unter Kontrolle. Hier saß einst auch Elsa Schiaparelli und wusste über alle Kundenwünsche Bescheid. Denn das Fenster nach vorn liegt noch unterm Baldachin am Eingang zum Geschäft. So hört man alles, was unten bei offener Ladentür besprochen wird. Diese Marktforschung wird der Mode helfen.

          Weitere Themen

          Graue Goldstadt

          Schmuckmanufaktur Wellendorff : Graue Goldstadt

          Vor 125 Jahren wurde die Schmuckmanufaktur Wellendorff gegründet. Nach dem Krieg war das Unternehmen bei Technik und Markenentwicklung innovativer als andere – und überstand das große Schmucksterben.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.