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Dolce & Gabbana : Aus dem Norden

Gabbana kommt zu spät zum Interview. Er entschuldigt sich kurz und läßt sich in den Sessel gleiten, der wie ein Thron aussieht, mit verschnörkeltem Goldrahmen und rotem Samtbezug, aber eigentlich ein antiker Friseurstuhl aus Sizilien ist.

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          Gabbana kommt zu spät zum Interview. Er entschuldigt sich kurz und läßt sich in den Sessel gleiten, der wie ein Thron aussieht, mit verschnörkeltem Goldrahmen und rotem Samtbezug, aber eigentlich ein antiker Friseurstuhl aus Sizilien ist. Gabbana heißt mit Vornamen Stefano, aber die Welt kennt ihn unter seinem Nachnamen, als "und Gabbana", als zweiten Teil einer internationalen Marke wie Bang&Olufsen oder Procter&Gamble - nur daß man mit dem HiFi-Unternehmen und der Putzmittelkette keine Gesichter verbindet. Domenico Dolce und Stefano Gabbana aber sind zu 100Prozent ihre Marke: Sie haben sie gegründet, sie sind ihre Geschäftsführer, sie machen die Produkte. Und sie sind dafür verantwortlich, daß der Umsatz im vergangenen Jahr um 48 Prozent gestiegen ist. Das könnte Jahresbestleistung in der sonst stagnierenden Modebranche sein.
          Stefano Gabbana schlägt die Beine übereinander und hört aufmerksam zu. Er trägt eine Cargo-Hose und hat sein weißes Hemd bis zur dritten Rippe von oben aufgeknöpft; auf der gebräunten Brust baumeln drei Goldanhänger. Man könnte ihn für ein Model halten, irgendwie aber auch für einen Manager, denn zunächst wirkt er distanziert. Das erste, was er sagt, ist eine Berichtigung - von Dolces Antwort: "Das stimmt doch nicht, daß London deine Lieblingsstadt ist. Deine Lieblingsstadt ist New York, meine ist London. Du änderst ständig deine Meinung."
          Dolce&Gabbana diskutieren kurz, bis Klarheit herrscht: Domenico hält London für die interessanteste Stadt in Europa, New York für die interessanteste auf der Welt. Sind das die Art von Diskussionen, die über Monate im Atelier an der Via San Damiano geführt werden, bis am Ende eine Kollektion herauskommt? "Wir tragen viele Konflikte aus", bestätigt Dolce. "Manchmal ist Domenico der Gewinner, manchmal Stefano", ergänzt Gabbana. "Manchmal aber auch Dolce&Gabbana."
          In vieler Hinsicht ist Gabbana ein Gegenentwurf zu Dolce. Er ist Norditaliener und Großstädter. Dem gängigen Klischee nach müßte er also geschäftstüchtig und weltgewandt sein. Ersteres verneint er, letzteres ist nicht zu übersehen. Er ist gutaussehend, charmant, wortreich und ironisch, selbst im Englischen, das er fast fehlerfrei beherrscht. Sein Partner Dolce gilt als Perfektionist, der das Handwerk bis ins Detail kennt, Gabbana als der, der für das theatralische Moment in den Kollektionen sorgt. Gabbana kümmert sich um die Öffentlichkeitsarbeit, während Dolce sich lieber im Hintergrund hält. Gabbana ist organisiert, Dolce nicht in der Lage, Pläne zu machen.
          Als Stefano Gabbana 1962 in Mailand geboren wurde, wies nichts darauf hin, daß er sich einmal mit Mode beschäftigen würde. Der Vater war Setzer; kein einziger Schneider in der Familie, kein Kleiderverkäufer oder Schuhmacher, nicht mal eine Mutter, die sich besonders modisch anzog. "Sie trug in meiner Jugend die üblichen Kleider der siebziger Jahre." Gabbana kannte weder Armani noch Versace, nur Elio Fiorucci war ihm als Schüler mal aufgefallen, dessen körperbetonte und ausgefallene Mode ihn später wohl doch inspirierte: "Tatsächlich entspricht unsere Zweitlinie D&G ein bißchen dem Fiorucci-Style."
          Dennoch studierte Gabbana zunächst Grafik-Design und arbeitete ein halbes Jahr in einer Werbeagentur, merkte aber, daß es nicht das war, was er wollte. Ratlos fragte er Freunde in der Modebranche, ob sie etwas für ihn wüßten. Eine Freundin vermittelte ein Vorstellungsgespräch bei einem Modedesigner. "Dem sagte ich: ,Mode übt eine Anziehungskraft auf mich aus, aber ich habe überhaupt keine Ahnung davon. Können Sie mir trotzdem eine Chance geben?'" Er bekam sie, fing als Assistent an, Modeskizzen zu zeichnen und traf auf einen anderen Assistenten: Domenico Dolce. 19 Jahre war er damals alt, und sein Leben veränderte sich grundlegend. Schon nach einem Jahr begann die Verschmelzung von Domenico Dolce und Stefano Gabbana zu Dolce&Gabbana.
          Heute ist sie so nahtlos abgeschlossen, daß sich kaum noch aufdröseln läßt, wieviel Dolce und wieviel Gabbana in einer Kollektion steckt. Vermutlich ist es so wie bei einem Ehepaar, das nach 20Jahren nicht mehr weiß, wer eigentlich die Sitzgruppe im Wohnzimmer ausgesucht hat oder auf die Idee kam, im Bad die Wände rosa zu streichen. Es gibt keine Aufgabenverteilung, keine Federführung, nur unterschiedliche Temperamente. Jeder macht alles: Entwerfen, Skizzieren, Organisieren, Kalkulieren. Aber wie anfangen, wenn eine neue Kollektion entstehen soll?
          ANTWORT: Gabbana: "Reden, reden, reden." Dolce: "Oft geht es um eine Stimmung." Gabbana: "Wir lassen uns inspirieren von dem Leben auf der Straße." Dolce: "Von Restaurants." Gabbana: "Von Clubs." Dolce: "Von Filmen. Aber warum man was mag, kann man nicht erklären - wie die Frage: Warum liebst du diesen Mann?"
          Man ahnt, daß ihre Kollektionen entstehen wie ihre Dialoge: in der Ergänzung. Wie die beiden Seiten eines Reißverschlusses, die sich zu einem geschlossenen System verzahnen. Nur, daß es bei D&G keine Symmetrie gibt. "Am Ende ist die Kollektion vielleicht 50 Prozent Dolce und 50 Prozent Gabbana, vielleicht auch 60 zu 40 oder 70 zu 30", sagt Gabbana.
          Am nächsten Sonntag zeigen sie ihre neue Herren-Kollektion in Mailand. Mehr Dolce? Mehr Gabbana? Schweigen. Wenn es konkret werden soll, lassen sich die beiden nicht in die Karten schauen. "Wir reden nicht darüber", sagt Gabbana schnell, als Dolce zu einer kurzen Erklärung ansetzt. "Manchmal ändern wir noch kurz vor der Schau etwas, manchmal sogar eine ganze Stimmung durch Accessoires oder eine andere Farbe." Selbst die eigenen PR-Mitarbeiter sehen die Kollektion erst am Morgen vor der Schau. Wie immer wird sie kontrastreich sein und den Betrachter an der Nase herumführen, mit italienischen Stereotypen spielen und ganz sicher, zu dieser Prognose läßt sich Gabbana doch noch hinreißen, "sexy" sein.
          Dann erzählt der smarte Norditaliener, wie er jeden Sonntag in die Kirche geht, wie er Kerzen anzündet, wenn ihm Unerklärliches passiert, und wie er vielleicht sein Leben ändern und weniger arbeiten möchte. "Ich bin jetzt 40 Jahre alt, und ich brauche mehr Zeit für mich." Und dann kann er sich sogar das Unvorstellbare vorstellen: "Wer weiß: Vielleicht verkaufen wir in den nächsten zwei Jahren die Firma. Nichts ist unmöglich." Gabbana sagt das fast am Ende des Gesprächs. Es könnte Zufall sein, daß Dolce schon gegangen ist.

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