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Die „Sapeurs“ : Oscar Wilde in den Tropen

Mit den eigenen Gesten die modische Aussage unterstützen Bild: Daniele Tamagni

Die „Sapeurs“ aus der Republik Kongo kleiden sich nicht nur einfach so als Dandys. Sie entfliehen aus dem ärmlichen Leben in eine Kunstform - und machen gleich auch noch eine Religion daraus.

          Er musste die Herren zu gar nichts bewegen. Als er das Vertrauen der Dandys aus dem Kongo gewonnen hatte, konnte sich Daniele Tamagni kaum noch retten vor guten Posen, breiten Krawatten, knalligen Farben, coolen Gesichtszügen. Diese Herren posieren aber nicht aus Überdruss für „GQ“ oder „Men's Health“. Ihre Auftritte vor der erbärmlichen Kulisse afrikanischer Armut sind eher ein persönliches Glaubensbekenntnis.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Daniele Tamagni hat schon Fotoreportagen über Frömmigkeit auf Kuba, den Notting-Hill-Karneval in London oder Senegalesen in Mailand gemacht. Aber keine der Serien des italienischen Fotografen ist so spektakulär wie diese Bilderfolge aus der Republik Kongo. Denn in ihr laufen alle Fäden zusammen: der Glaube an die Kraft der Mode, die Lust am Verkleiden, das zwiespältige Verhältnis von Afrikanern zu Europa. Und die schönste Fußnote dieser Geschichte will es, dass der 34 Jahre alte Tamagni aus der Modehauptstadt Mailand stammt. Er ist also mit einem italienischen Blick für guten Stil ausgestattet, arbeitet sich aber nicht am großen Output der Megakonzerne ab, sondern schaut auf die subversiven Modestrategien der Menschen am Rande.

          „Gesellschaft für Unterhalter und elegante Menschen“

          Subversiv - das klingt politisch. Und so war diese Mode zunächst auch gemeint. Denn der Club „Sape“ (Societé des Ambianceurs et des Personnes élégantes) in der Republik Kongo, einer ehemaligen französischen Kolonie, ist nicht nur eine „Gesellschaft für Unterhalter und elegante Menschen“. Die „Sapeurs“ erinnern auch an die besseren Seiten der Kolonialzeit, als die ersten Studenten aus Paris oder Brüssel zurückkamen und die Daheimgebliebenen mit Dreiteilern und Zweireihern beeindruckten. Und sie verweigerten sich schon vor Jahrzehnten der dogmatisch antikolonialen Kleidung, wie sie Präsident Mobutu im benachbarten Zaïre (der heutigen Demokratischen Republik Kongo) vorschrieb. Papa Wemba, der vielleicht populärste Musiker Afrikas, hatte in den Siebzigern und Achtzigern als „Pape de la Sape“, als Papst der Dandys also, mit provozierend westlicher Kleidung gegen Mobutus krawattenfeindliche „Authenticité“-Kampagne Stimmung gemacht. Von Kinshasa aus schwappte die Welle dann über den Kongo-Fluss in die Republik Kongo.

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          Aber in der ironisierenden Nachahmung der Kolonialherren erschöpft sich der starke Auftritt dieser tropischen Oscar Wildes nicht. Und es ist auch nicht nur Eskapismus, der sie aus den prekären Verhältnissen eines der ärmsten Länder der Welt in die Umlaufbahn des Fashion-Fetischismus treibt. Nein, in den sonntäglichen Darbietungen auf den Straßen der Millionenstadt Bakongo, der Hauptstadt Brazzaville und inzwischen auch der französischen Vorstädte feiern sie mit theatralischem Übermut ein Hochamt des Glaubens an Gaultier, Dior, Armani, Versace, Dolce & Gabbana. Die Bewegung nennt sich auch Kitendi: Religion der Kleidung.

          Tamagni war beeindruckt von den „elegant guys“

          Daniele Tamagni entdeckte in der manierierten Selbstdarstellung letztlich auch seine und unsere Vergangenheit. Denn wo sonst sieht man heute noch eine innigere Verehrung für gelbe Anzüge, weiße Gehstöcke, grüne Kummerbunde, dicke Zigarren, lustige Bowlerhüte und wulstige Einstecktücher? Da shoppen nicht gelangweilte Erben per Platin-Karte die Flagship-Stores leer. Vielmehr kratzen arme Vorstadtbewohner all das zusammen, was sie selbst im Kongo und ihre Verwandten in Europa verdienen - für 500-Dollar-Budapester.

          Tamagni war beeindruckt von den „elegant guys“, als er im Jahr 2006 zum ersten Mal in das zentralafrikanische Land kam. Gleich im Jahr darauf fuhr er noch mal hin, begann zu fotografieren, schloss Freundschaft mit dem „Sapeur“ Arca, der ihn weiteren Kandidaten vorstellte. 2008 ein weiterer Besuch. Aus all den Aufnahmen und Geschichten entstand das Buch „Gentlemen of Bakongo“, das gerade im Verlag Trolley in London erschienen ist. Der britische Designer Paul Smith - auch er für Buntes bekannt - zeigt sich im Vorwort fasziniert von „der Aufmerksamkeit fürs Detail und dem Einsatz von Farbe“.

          Daher will er auch wieder in den Kongo fahren

          „Jeder ,Sapeur'“, sagt Tamagni, der die Kleidung fotografierte und gleichzeitig die Sitten studierte, „hat seinen eigenen Ehrenkodex. Anders als bei manchen Hip-Hoppern wird kein Blut für Klamotten vergossen. Den Kampf führt bei ihnen nur die Mode aus.“ Und natürlich die gestische Untermalung, die von Ferne an Hip-Hop-Gebärden oder rituelle religiöse Bewegungen erinnert und den Individualstil besonders hervorhebt. Für Tamagni ist die Kleidung aus Europa auch keine Fortsetzung der Kolonialzeit mit anderen Mitteln: „Sie kleiden sich zwar fast nur in italienischen und französischen Marken - aber eben in ihrem eigenen Stil, der weit über eine Imitation hinausgeht.“

          Schon viele Fotografen - wie jüngst auch Francesco Giusti - haben die Sapeurs für sich und die staunende westliche Modewelt entdeckt. Aber Daniele Tamagni war nicht nur durch seine fotografischen Künste prädestiniert für das Thema. Er hatte nämlich, bevor er Fotograf wurde, in Parma und Mailand Kunstgeschichte studiert und bereits in mehreren Museen als Kurator gearbeitet. Die afrikanische Kultur interessiert ihn besonders wegen des Bilderreichtums und der Verschränkung von Mode, Musik, Kunst und Religion. Daher will er auch wieder in den Kongo fahren. Aber zunächst einmal widmet er sich einem verwandten Thema: Armut und Mode. Dieser Stoff liegt ihm sogar noch näher. In London und Mailand, wo er wohnt, braucht er zur Recherche nur die U-Bahn zu nehmen.

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