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Die neuen Vorbilder : Gütesiegel Trash

Lady Gaga mit Band Bild: dpa

Trash auf Hochglanz poliert - Lady GaGa ist schrill, Beth Ditto müffelt, Pamela Anderson modelt. Die neuen Idole der Teenager, Designer und Plattenlabels eint vor allem ihr Hang zu schlechtem Geschmack.

          Wenn Beth Ditto sich bewegt, wabert ihr Körper wie ein schlecht aufgepumptes Schlauchboot auf hoher See. Das Fett reibt an ihren Knien aneinander, der Bauch hängt wie ein labbriger Fußball vor ihrem Körper, und Tätowierungen verlieren sich auf der weiten weißen Fläche ihrer XXL-Oberarme. Normalerweise sitzen Menschen mit dem Aussehen von Beth Ditto nachmittags in Talkshows und erzählen davon, dass sie mit elf Jahren Mutter wurden, sechs Kinder von vier Männern haben und arbeitslos sind. Ditto sieht aus wie ein Mensch, bei dem das Leben aus dem Ruder gelaufen ist - und der Körper auch.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aber Beth Ditto gehört nicht zum Personal des Unterschichten-Fernsehens. Beth Ditto ist Sängerin einer Punk-Band, sitzt bei David Letterman auf dem Sofa, bei Karl Lagerfeld in der ersten Reihe und blickt selbstbewusst vom Titelbild des britischen Trendmagazins „Love“. Mit Beth Ditto hat eine groteske Erscheinung das Schattenreich des Underground verlassen - und das Scheinwerferlicht des roten Teppichs erreicht. Für die einen ist das ein Märchen, für die anderen schlicht unverständlich. Und noch wird darüber diskutiert, ob der Aufstieg einer dicken, schwitzenden, lesbischen Sängerin mit Hang zum Exhibitionismus ein Ausdruck dieser Zeit ist - oder nur Zufall.

          Auf der dunklen Seite

          Trash auf Hochglanz poliert - Beth Ditto ist jedenfalls nicht der einzige Fall, wie die seltsame Liaison von Pamela Anderson und Vivienne Westwood beweist. Das in die Jahre gekommene Playmate, das seine Oberweite meist in schlichten, knappen T-Shirts zeigt, präsentierte im März ausgerechnet die komplizierte Mode der ehemaligen Punk-Designerin bei den Prêt-à-porter-Schauen in Paris und bildete damit das schrille Gegenbild zu den unter zwanzigjährigen Models mit flachen Brüsten. Parallel dazu läuft eine Westwood-Kampagne mit Pamela Anderson - fotografiert in ihrem Wohnwagen in Malibu. Mehr Trash kann eine britische Marke wohl kaum vertragen. Ihrem eigenen Stil blieb die Baywatch-Darstellerin trotzdem treu: Zum dekonstruierten Brit-Style trug sie auf dem Laufsteg einfach nur eine Unterhose.

          Nie ohne Unterhose: Lady GaGa in Aktion

          Eine Vorliebe, die sie mit Lady GaGa teilt - die erfolgreichste Sängerin im ersten Quartal 2009. Lady GaGa heißt mit bürgerlichem Namen Stefani Joanne Angelina Germanotta, stammt aus gutem katholischem Hause, erhielt Klavierunterricht und ging in New York auf die gleiche private Mädchenschule wie Nicky und Paris Hilton. Sie hätte das glanzvolle Leben einer Park-Avenue-Prinzessin führen können - aber sie entschied sich für die dunkle Seite der Nacht und spielte bereits als Teenager Klavier in Underground-Clubs. Wenn keiner zuhörte, zog sie sich einfach aus. Seit ihre Lieder (“Pokerface“, „Just Dance“) die Charts anführen, wird ihr Stil von Teenagern flächendeckend auf dem Erdball kopiert. Eine wilde Mischung aus schräg, futuristisch und ordinär, die sich aus den immer gleichen Versatzstücken zusammensetzt: ein bisschen zu viel Selbstbräuner, freizügige Bondage-Outfits, Korsagen und Unterhosen unter billigen Nylonstrümpfen.

          Die blond gefärbte Amerikanerin mit italienischen Vorfahren propagiert eine Art Trash Deluxe, der auch schon seine Nachahmer findet: Ihre ehemalige Mitschülerin Paris Hilton trägt schwarze Bondage-Kleider genauso wie hierzulande die brave Jeanette Biedermann, die mit dem GaGa-Outfit Provokation light probt - und natürlich scheitert, denn Lady GaGa ist ein anderes Kaliber: Ihre Lieder bestehen aus ein- bis zweideutigen Texten, und ihre Art zu tanzen scheint sie sich von professionellen Striptänzerinnen abgeschaut zu haben. In ihren Videos simuliert sie Sex mit Gummiwalen. Angeblich hatte sie wegen ihrer Kleidung schon öfter mit der Polizei zu tun: wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses.

          Nicht mehr Diva, nur noch Schlampe

          Wegen dieser Masche wird Lady GaGa gerne mit Madonna verglichen, die in den achtziger und neunziger Jahren ebenfalls mit ihren Bühnenshows provozierte, indem sie mit ihren Tänzern zweideutige Posen vollführte. Aber was damals noch kühl inszeniert war, kommt bei Lady GaGa anders daher. Sie zeigt Sex nicht als ausgeklügeltes Pop-Marketing, sondern so, als praktiziere sie ihn tatsächlich jederzeit und überall. Madonna wollte bei aller Provokation immer noch Diva sein, Lady GaGa reicht das zweifelhafte Gütesiegel Schlampe.

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