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Berliner Modewoche (1) : Fashion, wa?

Für Anja Gockel müssen die Berliner Modeleute ein bisschen früher aufstehen Bild: Frank Röth

Den Besuchern der „Mercedes-Benz Fashion Week“ wird einiges geboten: Sogar Alek Wek, eines der bekanntesten Models der Welt, kommt nach Berlin. Nach Jahren der Selbstzweifel ist die Modewoche nun zu einer etablierten Größe geworden.

          Für Anja Gockel müssen die Berliner Modeleute ein bisschen früher aufstehen. Schon um zehn Uhr morgens - einer unmöglichen Zeit in der Partywoche - ließ die Mainzer Modemacherin ihre Schau im Zelt am Bebelplatz über den Laufsteg gehen. Dafür wird den Besuchern der „Mercedes-Benz Fashion Week“ aber auch etwas geboten. Denn zu sehen ist auch Alek Wek, eines der bekanntesten Models der Welt. Das Honorar für den Auftritt der gebürtigen Sudanesin hat Anja Gockel zu einem kleinen Teil schon dadurch aufgebracht, dass sie für die Miete des Zelts so früh am Morgen weniger bezahlen muss.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zu sehen ist natürlich auch noch die Mode. Und auch da hat Anja Gockel, die früher eher für einen überdekoriert-barocken Stil stand, viel zu bieten. „Wir werden immer klarer und erwachsener.“ Das führt sie auf den Einfluss Berlins zurück, wo sie in der letzten Saison - nach vielen Jahren in Düsseldorf - erstmals ihre Mode präsentierte. Die große Konkurrenz in der Hauptstadt hat ihre Marke nach vorn gebracht. Und die Publicity ist unbezahlbar: „Inzwischen werfe ich die Netze in Berlin aus, um sie in Düsseldorf einzuholen.“

          Etablierte Größe nach Jahren der Selbstzweifel

          Die Begeisterung teilen auch andere westdeutsche Modemarken von Strenesse (Nördlingen) über Schumacher (Mannheim) und Boss (Metzingen) bis Rena Lange (München). Auch sie zeigen neben den Hunderten Berliner Designern und vielen internationalen Marken in dieser Woche in Berlin ihre Entwürfe.

          Auch Topmodel Alek Wek kommt nach Berlin

          Nach Jahren der Selbstzweifel ist die Modewoche seit der letzten Veranstaltung im Sommer zu einer etablierten Größe geworden. Schon kommen aus Berlin die Hilferufe, dass selbst die Mitte-Prominenz, also ehemalige Models, „Mitte-Boys“ aus dem „Cookies“ und Kreative wegen des großen nationalen und internationalen Andrangs bei den Schauen keine Einladungen mehr bekommen.

          Auf der Suche nach einem neuen Standort

          Doch kaum herrscht Andrang, schon muss sich IMG, der Veranstalter der Modewoche, nach einem neuen Ort umsehen. Im Streit um den Berliner Bebelplatz zeichnete sich am Dienstag im Berliner Abgeordnetenhaus nicht nur eine Mehrheit gegen Weihnachtsmärkte, sondern auch gegen Modenschauen ab. Der Platz solle nicht mehr für nichtkulturelle Veranstaltungen freigegeben werden, empfahl der Petitionsausschuss des Abgeordnetenhauses dem Senat. Für die jetzige Modewoche bedeutet das nichts. Aber wohl schon im Sommer muss IMG sein großes weißes Zelt, in dem die meisten Modenschauen der Woche stattfinden, an einem anderen Platz in Berlin aufstellen.

          Denn auch am Bebelplatz verbrannten die Nazis am 10. Mai 1933 als Abschluss ihrer „Aktion wider den undeutschen Geist“ in Berlin die Bücher von rund 130 Autoren, die ihnen nicht genehm waren. An die Untat erinnert heute ein Denkmal des Künstlers Micha Ullman, eine kleine unterirdische Bibliothek mit leeren Regalen, die man durch eine ins Pflaster eingelassene Glasscheibe betrachten kann. Ullman, so hat IMG schon früh erfahren, betrachtet aber nicht nur das eigentliche Denkmal, sondern den gesamten Platz als Erinnerungsort. Die Fremdnutzung sieht er als „Schande“. Den Petitionsausschuss erreichte das Thema durch eine Eingabe von Hans Coppi, dem Sohn des gleichnamigen Widerstandskämpfers. Unterstützt wurde sein Begehren durch einen Offenen Brief, den unter anderem Lala Süßkind, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Monika Grütters (CDU), die Vorsitzenden des Bundestagskulturausschusses, sowie der Berliner Ehrenbürger Edzward Reuter unterzeichneten.

          Die New Yorker Agentur IMG, die auch ihre Schauen in Manhattan im September aus dem Bryant Park an einen anderen Ort verlagern muss, ist schon auf die neue Suche eingerichtet: „Es gibt kaum einen Platz in Berlin“, so Sprecher Daniel Aubke, „den wir uns noch nicht angeschaut haben.“

          In den nächsten Wochen wird man gemeinsam mit Wirtschaftssenator Harald Wolff (Linke) nach einem neuen Standort suchen. Schwierig wird die Suche schon deshalb werden, weil man mit dem Senat, mit den Designern und nicht zuletzt mit dem Titelsponsor Mercedes-Benz verhandeln muss und sich an zahlreiche sicherheitstechnische Auflagen wird halten müssen.

          Das Vorfeld des Flughafens Tempelhof ist für das Zelt aber nicht geeignet - den Designern wäre der Standort nicht zentral genug. Dabei hat die Sports- und Jeanswear-Messe „Bread & Butter“, die am Mittwoch in den alten Flughafenmauern ihre Tore öffnet, gezeigt, wie man historische Brachflächen belebt. 12.500 Meter Edelstahlrohr, 30 Tonnen Stahl, 20 000 Schrauben, Muttern und Unterlegscheiben sowie 5000 Quadratmeter Kunststoffplane mit Luftkissenmembran wurden dort verarbeitet, um die Ausstellungshalle zu vergrößern und gleichzeitig winterfest zu machen.

          „Berlin wird immer wichtiger“

          In den erweiterten Zelten, die mit 220 Gasinduktionsstrahlern warm gehalten werden und ein bisschen an die Münchner Allianz-Arena erinnern, stellen vor allem die großen Jeansmarken Diesel, Boss Orange und G-Star aus. Die Vergrößerung sei nötig geworden, da sich mehr Firmen als bei vergangenen Messen angemeldet hätten, sagt Messechef Karl-Heinz Müller. „Berlin wird immer wichtiger“, sagt Müller. „Berlin steht in der Realität.“ Darin unterscheide sich die Stadt von Paris oder Mailand. Es sei „die ideale Stadt, um Street- und Urbanwear zu präsentieren“.

          Und überhaupt sind in der Berliner Mode kaum Grenzen des Wachstums zu erkennen. Am Osthafen öffnete am Dienstag abend ein weiteres dauerhaftes Modezentrum, das zweite Haus von „Labels Berlin“, wo sich in Showrooms 20 Marken dem Fachpublikum präsentieren, darunter Puma und Replay. Die „Bread & Butter“ hat rund 600 Aussteller, rund 30 Shows sind auf der „Mercedes-Benz Fashion Week“ zu sehen, die Messe „Premium“ am alten Postverladezentrum beim Gleisdreieck bietet Designermode. Nicht zuletzt suchen auch kleinere Modemessen die Aufmerksamkeit des Publikums, unter anderem die „5 Elements“, die auf Unterwäsche, Dessous und Bademode spezialisiert ist - zur Eröffnung heute wird auf dem Gelände am Funkturm Barbara Becker eine Pilates-Stunde geben. Noch wichtiger sind in Berlin außer den Showroom-Präsentationen nur noch die Partys und Cocktail-Empfänge. Und das ist denn auch der zentrale Streitpunkt der beiden Platzhirsche.

          Für Wolfgang Joop, der seine Mode lieber in Paris mit den richtig wichtigen Marken konkurrieren lässt, ist Mode in erster Linie Kunst. Showveranstaltung kann er nicht ausstehen - und wahren Modefreunden geht es natürlich ebenso, zumal Sponsorenhinweise und Marketingsprech inzwischen die Lust am Kleid überlagern. Aber die Berliner Großschauen von Joop bis Boss mit anschließender Party lassen vermuten, dass Unterhaltung inzwischen der schönste Stoff dieser Schauen ist. Unübertroffen in dieser Hinsicht ist wieder einmal Michael Michalsky, der vor anderthalb Jahren der noch unbekannten Lady Gaga zu ihrem ersten Auftritt außerhalb Amerikas verhalf. Dieses Mal werden Spandau Ballet auftreten. Wenn man den Namen ernst nimmt, ist die New-Romantic-Band sogar echt Berliner Entertainment. Wenn´s so ist!

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