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Diana Vreeland : Ein Traum vom reisenden Auge

„Alles war für sie entweder great oder boooring“: Diana Vreeland 1983. Bild: Courtesy of Priscilla Rattazzi

Mit ihrem Sinn fürs Exzentrische entstaubte Diana Vreeland die Mode des 20. Jahrhunderts. In diesem Jahr wäre sie 110 Jahre alt geworden. In Zeiten, da das schöne Leben bei den Alten in der Vorlesestunde sitzt, ist sie so lebendig wie damals.

          Dieses große Sofa, man könnte darin versinken. Schon deshalb nimmt sich die Frau mit dem legendären Nachnamen Zeit, um zu erzählen. Lisa Immordino Vreeland, Ehefrau des Enkels von Diana Vreeland, lässt sich auf der großen Sitzfläche zurückfallen, in ihrem Rücken das superweiche Polster und ein paar passende Kissen, die so exzentrisch-blumig gemustert sind, dass man annehmen könnte, Dorothy Draper, eine Ikone der Innenarchitektur im 20. Jahrhundert, die mit solchem Dekor bekannt wurde, hätte es eigenhändig hier in den siebten Stock geschleppt, in die Bar des Soho House Clubs in Berlin.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Kaum versinkt man also in diesem Dorothy-Draper-Sofa, steigt man auch in die Nostalgie ein, die der Grund dafür ist, warum hier von dieser Frau erzählt werden soll, von Diana Vreeland, die wie Dorothy Draper das 20. Jahrhundert ausstaffierte. Nur sitzt man eben auch bei der Ironie auf dem Schoß: „Diana Vreeland hasste Nostalgie“, sagt ihre „Schwiegerenkelin“ Lisa Vreeland. „I loathe nostalgia“, schreibt Diana Vreeland selbst gleich im ersten Satz ihrer 1984 erschienenen Autobiographie „D.V.“, als hätte sie schon damals geahnt, dass ihr das Thema irgendwann zum Verhängnis werden könnte. Im Bücherregal kann man mittlerweile problemlos ein halbes Fach mit einem ganzen Stapel neuerer und dennoch stets zurückblickender Werke über die Mode-Ikone füllen.

          Die amerikanische Biographin Amanda Mackenzie Stuart fügt dieser Sammlung, anlässlich Diana Vreelands 110. Geburtstag in diesem Jahr, noch einen Band hinzu, der den Eindruck erweckt, das Leben dieser Frau besser recherchiert zu haben, als es Vreeland einst gelebt hat, die es selbst mit den Tatsachen nie so genau nahm. Und Vreelands Schwiegerenkelin Lisa inszeniert dieses Leben mit einem Dokumentarfilm und einem Buchprojekt als exzentrisch-schrägen Traum. Weil die Nostalgie also gleichzeitig Diana Vreelands größter Komplize ist, weil sie die Mode in die Moderne führte, wo sie heute jedermann passt, kommt sie darin so lebendig daher wie damals. Dass sie schon im Jahr 1989 starb, ist dabei nur von Vorteil.

          Seit einiger Zeit sitzt das schöne Leben nämlich bei den Alten und Ehemaligen in der Vorlesestunde: Das früher dürre Model Twiggy ist in Großbritannien zur gemütlichen Tante geworden, die immer einen guten Rat auf den Lippen hat. Ihre ehemalige Kollegin Veruschka feiert in Berlin auf den besten Partys mit. Gegen die New Yorker Stil-Ikone Iris Apfel und den Street-Style-Fotografen Bill Cunningham wirken aktuelle Beispiele wie Anna Dello Russo (Street-Style-Star) und Scott Schumann (Street-Style-Fotograf) fast schon wie lahme Enten. Jackie Kennedy flimmert derweil in einer nicht mehr zu überschauenden Zahl an nostalgischen Filmen, Serien und Dokumentationen über den Fernseher. Und Diana Vreeland, die Kennedy in Modefragen beriet und seit den Sechzigern die amerikanische „Vogue“ als Chefredakteurin mit dem Mantra leitete, das Auge müsse in die Ferne reisen, hat somit die Zeiten von Modeblogs vorausgesehen, die jene Ferne ins eigene Wohnzimmer liefern.

          Auf eine Zigarette: Diana Vreeland atmete die Mode – und ziemlich viel Nikotin.

          Überhaupt liest sich Vreelands Leben wie ein Wikipedia-Eintrag. Kein Mensch weiß, wie viel davon wirklich stimmt, denn als Kind beginnt sie schnell damit, eine Phantasiewelt um sich herum aufzubauen. Der Grund dafür ist ihre Mutter, eine hedonistische Amerikanerin, die mit dem englischen Vater ihrer zwei Töchter in Paris lebt. „Diana war noch sehr klein, als die Mutter ihr erklärte, sie sei ihr hässliches Monster“, sagt Lisa Vreeland. Die kleine Schwester dagegen war der schöne Schwan. Diana beschloss, sich auf ihre Weise zu verteidigen. Sie plante, so schreibt sie es in ihr Tagebuch, etwas Besonderes zu werden. Wann immer also die Wirklichkeit an ihre Grenzen stieß, schnippte sie mit den Fingern und hatte eine bessere Geschichte parat. Mit der schönen Schwester und der Kinderfrau stattete sie der Mona Lisa im Louvre täglich einen Besuch ab. Der Termin duldete keine Ausnahmen, und so waren die beiden Kinder, der Zufall an einem Sommertag im Jahr 1911 wollte es angeblich so, die letzten, die einen Blick auf das Gemälde werfen konnten, bevor es gestohlen wurde.

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