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Deutschland : Die verspätete Mode-Nation

Mittlerweile stehen die Modemacher zu sich und ihren Namen: Stücke aus der Kollektion vom Label „Issever Bachri“ der Designerinnen Derya Issever und Cimen Bachri. Bild: Helmut Fricke

Mitten in der Krise ist Deutschland auf bestem Wege zur Mode-Nation. Und auch der typische Berliner Gammel-Stil hat sich wie durch ein Wunder verflüchtigt.

          In dieser Woche fiel die deutsche Mode dann doch mal wieder in einen Tiefschlaf. Nicht weil sie traumverloren und unproduktiv geworden wäre, sondern weil die Berliner Modewoche, die am vergangenen Wochenende endete, die Akteure durch einen Überschuss an Messen, Modenschauen und After-Show-Partys lahmgelegt hat. Einen solchen Boom, wie er in der Hauptstadt gerade herrscht, muss man erst einmal verkraften.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Mitten in der Euro-Krise hat die deutsche Modebranche ihren Höhepunkt erreicht. Mehr als 100 000 Menschen sind allein der Mode wegen nach Berlin gefahren. Die Berliner haben einfach mitgemacht. Und der Regierende Bürgermeister kam auch zu mindestens zehn Terminen. Kleinlich, ihm das vorzuhalten, wie es die Berliner Presse mit Blick auf die S-Bahn- und Flughafen-Baustellen tat. Klaus Wowereit hat von allen Politikern wohl am besten verstanden, wie wichtig die „Kreativwirtschaft“ für einen fast industriefreien Standort ist, wie gut sich der schöne Schein aufs Image der Hauptstadt auswirkt – und wie viel kauffreudiges und zahlungskräftiges Publikum so kommt.

          Die Öffentlichkeit hat das noch gar nicht richtig erkannt. Dabei ist ein schwäbischer Autobauer Hauptsponsor. Westdeutsche Traditionsmarken nutzen den Show-Effekt. Sogar amerikanische Fachzeitschriften berichten seitenweise über das Ereignis. Aber Deutschland sieht in seinem verspäteten Aufschwung zur Modenation gern eine Parade der Peinlichkeiten aus Showsternchen, Magermodels und Bla-Bla-Bloggern.

          Der Deutschen untrüglicher Sinn fürs Pragmatische

          Es wäre nicht das erste Missverständnis, das sich die tiefgründige Nation im Umgang mit der Oberfläche in den letzten Jahrhunderten geleistet hätte. Die verquere Beziehung der Deutschen zu ihrer zweiten Haut begann spätestens mit der Reformation, die im schmückenden Beiwerk vor allem die Liederlichkeit sah. Und sie endete auch nicht mit Nationalsozialismus und Sozialismus, die auch in Kleiderfragen uniforme Gleichschaltung pflegten. Nicht zuletzt achteten die Achtundsechziger – in Jeans und Parka gekleidet – darauf, dass die feinen Unterschiede eingeebnet wurden.

          Ein untrüglicher Sinn fürs Pragmatische und Dauerhafte machte die Deutschen zu Weltmeistern der Outdoor-Mode – und zu vielbelächelten Protagonisten des vestimentären Durchschnitts. Kein Wunder: Hermès-Taschen oder Prada-Kleider passten einfach nicht zum Stil der nivellierten Mittelstandsgesellschaft und des sozialpartnerschaftlichen Konsensgefüges.

          Die vielen Bekleidungsproduzenten in Metzingen und Herford, in Bielefeld und Mönchengladbach übten nicht Verrat am Mittelmaß. Sie lebten in der geistigen Provinz und legten sich zur Tarnung weltläufige Namen wie Marc Cain, Cinque oder Mustang zu. Erst eine friedliche Revolution half bei der Verwandlung der rheinischen Moderepublik mit ihrer Hauptstadt Düsseldorf in den Berliner Zentralismus von internationalem Zuschnitt. Nach dieser Epochenschwelle stehen die Modemacher sogar zu sich und ihren Namen – und die Marken heißen schlicht Schumacher, Michalsky, Michael Sontag oder Perret Schaad.

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          Man hat es eben nicht mehr nötig, sich mit fremden Federn zu schmücken. Man guckt auch weit weniger in Paris ab als die Berliner Couture-Häuser der fünfziger Jahre. Wie durch ein Wunder hat sich auch der typische Berliner Gammelstil verflüchtigt. Noch verwundert die angestrengte Künstlichkeit deutscher Casting- und Styling-Sendungen, die aber schon an Quote verlieren. Sie sind wohl dem ungeübten Umgang mit der Selbstdarstellung und der umstandslosen Amerikanisierung zu verdanken. Vielleicht stehen die Kreisch-und-heul-Sendungen aber auch für die angebrochene Sattelzeit: Nicht mehr lange, dann ist die Modenation, ganz ohne falsche Leitbilder aus Paris oder Mailand oder New York, bei sich selbst angekommen.

          Gar die französische „Vogue“ bestellt bei Berliner Marken

          Die neue Berliner Mode bietet ein niedrigschwelliges Angebot für Konsumskeptiker und Kapitalismuskritiker. Sie ist nicht so großkonzernhaft abgezockt wie in Paris, nicht so aufgedonnert wie in Mailand, nicht so sportlich-flach wie in New York. Mehr als 600 Modedesigner allein in Berlin (und all die anderen in München, Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt dazu) arbeiten zwar oft noch nicht so professionell wie gut eingespielte Konzerne. Aber Jil Sanders Enkel – meist sind es Enkelinnen – sind mit großen Schnitten dabei, die Nische zwischen Luxuskonzernen und der typisch deutschen Mittelmode zu besetzen.

          An diesen Trends ist nicht zu rütteln: Die größte Messe der Welt für Alltagsmode findet in Berlin statt; allein neun Modeschulen in der Hauptstadt bringen Nachwuchs hervor; Amerikaner entdecken „Kreuzkölln“ als ihren europäischen Trendbezirk; Luxusläden rund um Friedrichstraße und Ku’damm ziehen Luxustouristen aus ganz Europa inklusive Russland an; es gibt immer mehr Modeanlässe von der Berlinale bis zu großen Vernissagen und Bällen; sogar die französische „Vogue“ bestellt schon Kleidungsstücke Berliner Marken zum Fotografieren; und Japan ordert viel.

          Anders die Deutschen. Ist es historische Hinterlist? Oder ein antizentralistischer Impetus? Emsdetten, Düren und Bietigheim schlafen noch. Vielleicht träumen sie ja schon von der neuen deutschen Mode.

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