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Designhauptstadt Helsinki : Echte Natur gestalten

What you see is what you get

Das finnische Design, kaum aus der Not geboren, bekam schon früh seine internationale Plattform – mit den Olympischen Sommerspielen im Jahr 1952. Ganze Hotels wurden eigens für das Treffen der Jugend der Welt gebaut und mit allem, was an Wohlgestaltetem damals aufzubieten war, ausgestattet. Dabei wurde das angeblich erste Designhotel der Welt, das „Halkin“ im Herzen des Londoner Stadtteils Belgravia, erst 30 Jahre später eröffnet. Heute herrscht in der Designhauptstadt Helsinki an Designhotels kein Mangel – am bekanntesten ist wohl das „Klaus K“, benannt nach dem finnischen Nationalepos „Kalevala“, an dem auch Künstler wie Riiko Sakkinen und Jani Leinonen sowie natürlich Harri Koskinen mitentworfen haben.

„Finnisches Design“, sagt Koskinen, „ist ehrlich.“ Kein Schnickschnack, „what you see, is what you get“. „Es macht Sinn, ist funktional, läuft keinen Trends hinterher und ist darum zeitlos schön.“ Erstaunlich, wie unbeeinflusst von außen auch die nachfolgenden Designergenerationen auf den Minimalismus setzen. Glas, Holz, Papier sind noch immer die bevorzugten Materialien. Und die Nachwachsenden spielen bei ihren Arbeiten geradezu mit der Natur Finnlands, wie einer von Koskinens ersten Entwürfen aus dem Jahr 1996 zeigt: Für seine „Block Lamp“ hat er eine Glühbirne in einen Block künstlichen Eises „eingefroren“ – ein irritierender und ausgesprochen schön leuchtender Effekt.

Harri Koskinen ist der wohl vielseitigste Designer Finnlands. Die „Block Lamp“ ist sein bekanntester Entwurf. Bilderstrecke

Mit der Natur irgendwie in Einklang fühlt sich angeblich das ganze finnische Volk, obwohl es doch unter den langen dunklen Wintermonaten zu leiden hat. Finnen gelten als distanziert, pessimistisch oder zumindest melancholisch, was natürlich auch mit dem Mangel an Sonne zu tun hat. Vermutlich gerade darum ist in Finnland der Tango seit bald 100 Jahren so beliebt. „Wir sind einfach nicht gut darin, Gefühle zu zeigen. Und Tango ist eine Möglichkeit, unsere Gefühle auszudrücken“, sagt Siru Nori von Iittala. Und es sei auch  in früheren Zeiten oft die einzige Möglichkeit gewesen, sich nahe zu kommen. Darüber hinaus liebt das Volk Finnlands sentimentale Musik in Moll – dazu Hard Rock und Karaoke. Selbst in einer öffentlichen Toilette in der Stadt kann man neuerdings die Lippen zur Konservenmusik bewegen.

Eine Karriere auf Papier gebaut

Tradition und Moderne versöhnen sich in kaum einer anderen Hauptstadt Europas schöner als in Helsinki. Das beweist nicht zuletzt eine der ganz großen Künstlerinnen des Landes:  Ritva Puotila (Jahrgang 1935). Noch heute bewahrt sie das alte Paar Schuhe aus dem Jahr 1942 auf, das ihrer Karriere auf die Sprünge geholfen hat. Die Sohlen sind aus Holz, der Rest besteht statt aus Leder aus geflochtenem Papier. „Damals gab es einfach kein anderes Material“, sagt Puotila, und im Sommer hätten die Schnürschuhe auch fast allen Widrigkeiten standgehalten. Später, als sie schon in Helsinki am Institut für handwerkliche Fertigkeiten, wie es damals hieß, in die Lehre ging, begann sich Ritva Puotila zu fragen, ob sich Papier nicht auch mit modernem Design verbinden ließe. Seither hat sie als Künstlerin und Industriedesignerin mit keinem anderen Material so viel und ausgiebig experimentiert und gearbeitet wie mit diesem ihre Heimat so prägenden Rohstoff.

Auf Papier gebaut hat sie dann auch ihre zweite Karriere – als Firmenchefin, allerdings von Anfang an zusammen mit ihrem Sohn Mikko. Vor einem Vierteljahrhundert wagten die beiden den mutigen Schritt und gründeten Woodnotes, ein Jahr nach ihrer ersten großen Retrospektive und nur wenige Tage, nachdem er sein Wirtschaftsstudium, Schwerpunkt Marketing, abgeschlossen hatte. Teppiche aus Papier, Schmuck aus Papier, Taschen aus Papier, Raumteiler aus Papier, neuerdings auch Blenden für die Wand („acoustic panels“), die Schall schlucken und damit das Klima eines Raums akustisch verbessern.

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