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Designer-ABC : Chalayan, Hussein

Folklore trifft bei Chalayan auf Avantgarde

Im Jahr 2002 setzte er sich mit seiner Kollektion „Ambimorphous“ mit kulturellen Veränderungen auseinander, denn die Modenschau glich einer geografischen und zeitlichen Reise von einer Kultur zur anderen. Er mischte verschiedenste kulturelle Einflüsse miteinander und setzte sich mit Identität, Geschichte und Heimat auseinander. Dabei scheute er auch nicht davor zurück, mit folkloristischen Elementen zu spielen. Zu Beginn waren die Models komplett in traditionelle Kostüme gehüllt, die sich schrittweise zu modernen schwarzen Outfits veränderten. Folklore trifft bei Chalayan also auf Avantgarde, ohne dabei widersprüchlich zu wirken.

In seiner ersten Männer-Kollektion von 2002 ging es um „die Spuren von Geschichte in einem Kleidungsstück“ und die „Weiterentwicklung des Airmail-Projekts“, wie der Designer selbst sagt. Das „Airmail-Projekt“ von 1999 bestand aus Papier, das man beschriften, zu einem Brief zusammenfalten, verschicken und auch anziehen konnte. Die Umsetzung der Kollektion sah so aus: Chalayan verwendete unprätentiöse Schnitte, unauffällige Farben und Stoffe, die nicht wie neu gekauft, sondern eher wie angenehm eingetragen aussahen. Aus zwei Teilen konnte man, mittels Reißverschluss, eins machen und umgekehrt. Mehrere Kleidungsschichten und Stücke lagen übereinander. Eine Baumwoll-Freizeitjacke war zum Beispiel mit einem T-Shirt gefüttert, ähnlich wie ein wattierter Briefumschlag.

Hinter seiner Mode steht ein Konzept

Mit seiner Frühjahrskollektion 2007 rief Chalayan einen Futurismustrend hervor. Er entwarf Kleider, die ein Eigenleben zu führen schienen. Dank der Hilfe von Spezialisten, die auch das Fabelwesen Hippogriff im Film „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ entwickelt hatten, erhielten die Kleider ein Eigenleben. So verschwand ein hauchdünnes Chiffonkleid zum Beispiel wie von Zauberhand unter dem Hut des Models. Wie eine Jalousie wurde der Stoff Stück für Stück nach oben gezogen, bis das Model nur noch mit der Kopfbedeckung bekleidet war. Ein anderes Kleid erinnerte zunächst an ein Modell aus der Zeit des Biedermeier, verwandelte sich aber kurzerhand in ein Flapperdress aus den zwanziger Jahren. Das zukunftsweisende an dieser Kollektion war der Wechsel zwischen den Dekaden durch den Wandel eines Kleidungsstückes.

Seit mehreren Saisons arbeitet Chalayan mittlerweile mit der Marke Swarovski zusammen. Unter anderem entwarf er 2008 eine Reihe von selbstleuchtenden LED-Kleidern, die international große Beachtung erfuhren. Für eine andere Installation unter dem Titel „Skin & Bones“ nutzte er Laser, die je nach Anordnung von Kristallen auf dem Kleid reflektiert oder als Punkte auf den Stoff projiziert wurden. Zuerst zeigte er seine Kreationen in Tokio, anschließend wurden mehr als 200 Exponate in London ausgestellt. „Mit Lasern habe ich vorher noch nie gearbeitet“, sagt Chalayan, „doch sie zeigen das Zusammenspiel zwischen dem Publikum und der von ihm inspizierten Gestalt – gleichwohl hält das Publikum das Zusammenspiel am Leben.“

All diese Beispiele zeigen, dass Chalayan ein Konzeptkünstler ist. Er kreiert nicht einfach schöne Kleidung. Hinter seiner Mode steht immer ein künstlerisch und technisch ausgefeiltes Konzept, das er umsetzen will. Auch die Inszenierungen seiner Shows bewegen sich abseits konventioneller Catwalk-Ästhetik und erinnern oft eher an Installationen oder Theaterstücke. Chalayan projiziert die Themen, mit denen er sich auseinander setzt, auf die Kleidung, die er entwirft. Wahrscheinlich ist er so gut in der Mode, weil er nach eigenen Worten an der Mode an sich nicht wirklich interessiert ist.
Seit 2008 ist Hussein Chalayan Kreativdirektor der Marke Puma. Das Unternehmen hat sich mittlerweile die Mehrheit an Chalayans Label gesichert.

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