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Designer-ABC : Fiorucci, Elio

Farbenfroh wie ein LSD-Trip ist die Mode von Elio Fiorucci. Der Italiener zelebrierte in seinen Kaufrauschhäusern das Eventshopping, bevor es überhaupt so hieß.

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          Die Geschichte beginnt am 31. Mai 1967 mit Adriano Celentano und einem pinkfarbenen Cadillac. In diesem fährt die italienische Reinkarnation eines Bänkelsängers auf der Galleria Passerella in Mailand vor, um unweit des Doms die erste Fiorucci-Boutique zu eröffnen – ein wahres Kaufrauschhaus der Sinne.

          In den nächsten dreißig Jahren entwickelt sich die italienische Modemarke zu einem Exportschlager: In den Läden wird man mal mit psychedelischen Klängen, mal mit Rockmusik beschallt, es duftet nach Espresso oder Räucherstäbchen. Die Bikinis sind knallbunt, die Jeans knalleng und der Rest meist ziemlich pink. In den Schaufenstern cremen sich schon einmal (lebendige) Models in knapper Badebekleidung gegenseitig den schönen Rücken ein. Kein Fiorucci-Store ist noch derselbe, wenn man ihn ein zweites Mal betritt. Und schon lange bevor sich die Wörter in Promotion-Lexika fanden, entwickelte sich in den Fiorucci-Läden die Kultur des „Erlebnis-Shopping“: hier, zwischen Lipgloss und Flip-Flops, hatte das Einkaufen zum ersten Mal „Event-Charakter“.

          Das Label mit den beiden viktorianischen Engeln im Logo gründete der Designer Elio Fiorucci, geboren am 10. Juni 1935 als Sohn eines Mailänder Maßschneiders. Seine Mode ist so bunt wie ein LSD-Trip und orientiert sich an den im eleganten Italien bislang unbekannten Trends aus dem flippigen London, wo gerade Vivienne Westwood zu wirken beginnt und die Rockmusik ihre ersten wilden Nebenwirkungen auch in der Mode offenbart. „Die siebziger Jahre waren für mich eine ganz außergewöhnliche Zeit voller Emotionen: Wir starteten damals eine regelrechte Revolution von Farben, Fantasie und Frieden.“ Fiorucci machte das, was man heute unter „Casual Wear“ versteht, salonfähig, als andere Designer noch am Jeans-Stoff verzweifelten. Mit den einstigen Arbeiterhosen schafft der Designer in seiner Heimat den endgültigen Durchbruch: 1976 verkauft er unter dem Motto „Die kann sich jeder leisten“ modische Jeans für etwa 9000 Lira – eine Flasche Shampoo kostete damals etwa 4000 Lira.

          Ipanema-Models in Mini-Strings

          Er inszeniert die Einweihungsparty der legendären New Yorker Diskothek „Studio 54“, eröffnet Läden in London und Los Angeles: Es sind wahre Einkaufstempel, mit Springbrunnen, Restaurants, Leseecken, modernen Möbeln, nostalgischen Secondhand-Kleidern und „Fünf-Uhr-Tee“-Area. Zur Shop-Eröffnung in Paris singt 1983 eine kleine, unbekannte Sängerin, die schon bei der 15-Jahres-Feier von Fiorucci ein Ständchen trällerte: Madonna. Seine Werbekampagnen sind in dieser Zeit nur vergleichbar mit den Schockmotiven von Benetton – die Fiorucci-Plakate mit den brasilianischen Mini-Bikini-Strings an Oben-Ohne-Ipanema-Models werden von der Jugend heimlich von Plakatwänden gelöst, von der Polizei zensiert und die anstößigen Teile in den Läden konfisziert.

          In Amerika und Asien gilt die Marke als verrückt-exotisch, in Italien wird sie Kult. Und auch über Länder wie Deutschland, in denen es nie einen eignen Laden gab, schwappten die modischen Wellen von Fiorucci und seinen jungen Designer-Teams: Gebatikte Hippie-T-Shirts aus Indien, Schaffell-Jacken, abgeschaut bei Hirten aus Afghanistan, Espandrilli aus Ibiza, Samt-Ballerinas aus China. Und dann die sogenannten Panini-Sammelbildchen: Die Aufkleber-Päckchen verkaufen sich auf Anhieb 25 Millionen Mal. „Für mich ist es das Größte, wenn Leute auf der Straße meine Kleider tragen – dann weiß ich, daß ich als Designer akzeptiert werde“, erklärt Elio Fiorucci heute. Gefragt nach den Adressaten seiner Entwürfe, antwortet er nur mit einem Satz: „Ich mache Mode, in denen sich sowohl Sekretärinnen als auch Prinzessinnen wohl fühlen.“ Letzeren Kundinnenkreis hat er schon Ende der Achtziger erobert: Vor allem seine Jeans (seit 1985 arbeitet er mit Wrangler zusammen) schmücken attraktive adlige Popos, unter anderem den von Lady Di, Sarah Ferguson, Caroline von Monaco und der Königin von Spanien. Bei Sekretärinnen entpuppen sich die Einkauftüten mit Engel-Logo als begehrtes Souvenir.

          Eiszeit zwischen Fiorucci und Fiorucci

          Kunst und Mode liegen für Elio Fiorucci von Anfang an eng beieinander, die unkonventionellen, aufmüpfigen Entwürfe bieten vielen bildenden Künstlern einen Anknüpfungspunkt: Andy Warhol lanciert 1976 im New Yorker Fiorucci-Laden sein „Interview“-Magazin, 1984 transformiert Keith Haring das Geschäft auf der Galeria Passerella mit einer Life-Performance in ein Graffiti-Atelier und Terry Jone, der berühmte Art-Direktor der Marke, gründet das Avantgarde-Magazin i-D. Irgendwann wird das Label selbst zum Kunstobjekt – der 1981 gestaltete Bildband „Fiorucci, the book“ ist sofort vergriffen und wird heute im Internet für knapp 500 Euro gehandelt; Entwürfe des Designer sind in Kunst- und Designmuseen auf der ganzen Welt ausgestellt, unter anderem auch im Museum of Modern Art in New York.

          Ende der Achtziger wird es stiller um den Italiener und er entwickelt – wie vor einigen Jahren Hennes & Mauritz mit ihm selbst – preiswerte Kollektionen in Kooperationen mit Haute-Couture-Modeschöpfern wie Jean-Paul Gaultier (1987) und Vivienne Westwood (1989). Ende 1989, mit Mitte Fünfzig, verkauft Fiorucci seine Marke an den japanischen Jeans-Riesen Edwin und entwirft seitdem nur noch unter dem Namen Elio Fiorucci. Zwischen der Marke „Fiorucci“ und dem einstigen Namensgeber herrscht seitdem Eiszeit. Beide Seiten werden nicht müde zu betonen, dass sie nichts, rein gar nichts, verbindet – dabei sind die derzeitigen Entwürfe und Projekte der Häuser kaum voneinander zu unterscheiden: Elio Fiorucci hatte zum Beispiel seine „Ergonomicsexyjeans“ aus der Linie „Love Therapy“ (dazu gehören unter anderem rosa Plüschhandschellen, Gartenzwerge-Prints, Lampen und Schneekugeln) auf dem Markt – während Fiorucci die „Miracle-Making Jeans“ mit Push-up-Effekt vertrieb.

          Kooperation mit H&M

          Wie Karl Lagerfeld und Stella McCartney hat Elio Fiorucci 2005 zusammen mit der schwedischen Modekette Hennes & Mauritz eine Sommerkollektion entworfen. Die bunten Kleider sind eine Hommage an die verspielten Siebziger, in denen der Italiener zur Stil-Ikone wurde. Etwa hundert Teile umfasste die limitierte „H&M Poolside“-Linie, deren Muster von Fiorucci in Kooperation mit einem H&M-Designer-Team gestaltet wurden: Blümchen-Brillen, Strandtaschen und Spaghettiträger-Tops mit Palmen-Druck. Das meiste davon ist knallbunt, vieles knalleng und so manches pink. Die Zusammenarbeit zwischen dem Fiorucci-Gründer und den Schweden bahnte sich übrigens schon 2003 an. Damals eröffnete H&M seinen ersten Laden in Italien in den Fiorucci-Räumen in der Galleria Passarella – allerdings ohne Celentano und Cadillac.

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