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Chelsea Farmer's Club : Rosa Socken gegen Schwermut

  • -Aktualisiert am

„Man muss die Jacke fühlen”: Christoph Tophinke im Chelsea Farmer's Club mit Jacke britischen Zuschnitts Bild: Matthias Lüdecke / FAZ

Smokings, Sakkos, Rasiercreme und Gin: Der Chelsea Farmer's Club in Berlin-Charlottenburg bietet alles für diejenigen, die den britischen Lebensstil lieben. Es geht aber nicht nur um Tweedjackets, sondern um innere Haltung und Esprit.

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          Was der Chelsea Farmer's Club genau ist, kann auch Christoph Tophinke nicht sagen: „So seltsam all das entstanden ist, so undefiniert ist die ganze Konstruktion.“ Natürlich sei der Chelsea Farmer's Club auch eine Klamottenbude, gesteht Tophinke ein. Dennoch sei für ihn immer klar gewesen, dass er kein Klamottenverkäufer sei. Von Mode habe er schlicht keine Ahnung, und sie interessiere ihn auch nicht. Der Chelsea Farmer's Club, der alles bietet, was den britischen Lebensstil ausmacht, war für Tophinke daher immer schon mehr - und das hängt auch mit seinem Lebenslauf zusammen.

          Vor acht Jahren zog der heute 42 Jahre alte Hamburger nach Berlin. Bis dahin hatte er erfolgreich als Produzent und Entwickler von TV-Formaten gearbeitet. Doch mit der Zeit begann er sich zu langweilen. Fernsehen empfand er zunehmend als kopflastig. In Berlin machte der Hamburger dann zunächst Werbung für einen großen Automobilkonzern.

          Während dieser Zeit zogen immer mehr alte Freunde von der Elbe nach Mitte und an den Prenzlauer Berg. Zusammen begannen sie, eine Tradition ausgefallener Partys wieder aufleben zu lassen, die sie schon in Hamburg begründet hatten. Irgendwann, erzählt Tophinke, kam dann jemand auf die Idee, diese Partyreihe unter einen Namen zu setzen: Chelsea Farmer's Club. Das war die Initialzündung.

          Boutonnière im Knopfloch inklusive
          Boutonnière im Knopfloch inklusive : Bild: Matthias Lüdecke / FAZ

          Klassenlos im High-Class-Viertel

          Der etwas ungewöhnliche Name leitet sich vom Chelsea Farmers Market in London ab, einem kleinen Geschäftsviertel mit Holzbuden, den Tophinke Anfang der neunziger Jahre häufig besuchte: „Das Lustige an diesem Ort war, dass es in einem High-Class-Viertel wie Chelsea einen Platz gab, der anscheinend vollkommen klassenlos war, wo wirklich Klempner und Taxifahrer neben irgendwelchen Frauen saßen, die von oben bis unten in Chanel eingekleidet waren.“ Das begeisterte ihn so sehr, dass er beschloss, irgendwann einmal etwas unter diesem Namen zu machen - er sicherte sich den Domainnamen in all seinen Variationen.

          Als die Partyclique begann, ihre Feten in Smoking und Cocktailkleid zu feiern, und feststellen musste, dass entsprechende Kleidung in Berlin teuer und schlecht geschnitten war, beschloss Tophinke, Abhilfe zu schaffen. Durch Zufall entdeckte er bei einem Sonntagsspaziergang einen Laden in der Veteranenstraße in Prenzlauer Berg, den er umgehend mietete. Dort verkaufte er das, was gemeinhin unter britischer Gesellschaftsmode verstanden wird: Smokings, Tweedanzüge, Sakkos, Moleskinhosen und alles, was an bunten Strümpfen, Schals und Krawatten dazugehört. Inzwischen ist der Club in die Charlottenburger Bleibtreustraße umgezogen.

          Hausrezept gegen Schwermut

          Auch wenn Tophinke sagt, dass er von Mode keine Ahnung hat - über das englische Schneiderhandwerk kann er durchaus philosophieren. Das Geheimnis der englischen Jacketts? „Ein vernünftiger Schnitt.“ Es sollte aussehen wie eine Uniform, es müsse nah am Körper sitzen, „man muss die Jacke fühlen“. In Deutschland sei diese Tradition leider nach dem Krieg verlorengegangen. Dass in England die besseren Smokings, Jacketts und Anzüge hergestellt würden, liege, so vermutet Tophinke, letztlich an der ungebrochenen Tradition der Engländer zu ihrem Militär.

          Das Bild von jemandem, der etwas Schneidiges trägt, sei in England viel normaler: „Nach dem Krieg ging es in Deutschland nur noch darum, sich irgendwie zu verhüllen und nicht mehr da zu sein.“ Alles, was nach Schneidigkeit aussah und danach, Haltung zu zeigen, sei seitdem in Deutschland suspekt. Hinzu käme das schlechte Wetter in England. Tophinkes Hausrezept gegen Schwermut: „Rosa Socken tragen.“

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