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Chanel : Coco und Karl in New York

  • -Aktualisiert am

Mademoiselle Chanel, 1935 fotografiert von Man Ray Bild: dpa/dpaweb

Das Metropolitan Museum feiert mit einer Ausstellung das Modehaus Chanel - und dessen genialen Interpreten Karl Lagerfeld. Dabei hieß es noch vor Jahren, eine Schau alter Kleider sei uninteressant.

          3 Min.

          „Die Vergangenheit interessiert mich nicht - ich mag das Heute“, lautet ein Zitat von Karl Lagerfeld, das auf einer weißen Wand im New Yorker Metropolitan Museum prangt. Tatsächlich machte der Designer bei der Eröffnung der Chanel-Ausstellung am Montag keinerlei Anspielung auf den Disput mit Museumsdirektor Philippe de Montebello, der vor fünf Jahren die Ausstellung von Cocos Meisterwerken an diesem noblen Ort verhinderte: „Eine Show alter Kleider ist mir gleichgültig“, sagte er damals, und so wurde das ganze schicke Ereignis eingemottet.

          Nun bedankt sich Lagerfeld, in hohem, schneeweißem Dandykragen und schwarzen Handschuhen zum Schutz gegen die Bakterien seiner Bewunderer, bei seinem knapp zehn Sekunden dauernden Auftritt vor dem elegantesten Pressecorps aller Zeiten (Damen in Chanel-Jacken, Kostümen, logobestückten Hosenträgern, multiplen Ketten um den Hals und CC-Taschen über der Schulter) bei der "Vogue"-Chefredakteurin Anna Wintour für ihre Hartnäckigkeit.

          Weiße Kuben in schwarzem Raum

          Um so präsenter ist er in der Retrospektive von Mademoiselles noch immer schönen und nun endlich ausdrücklich der Avantgarde der Moderne zugeordneten Entwürfen, die nicht wie andere Kostümveranstaltungen in den Keller des Museums verbannt sind, sondern im Parterre gleich neben den griechischen Statuen gezeigt werden: Statt mit einem Portrait der schönen Gabrielle Chanel beginnt die Show mit einer Lagerfeld-Version jenes berühmten Paillettenkleides, in dem sie Cecil Beaton fotografierte.

          Mademoiselle Chanel, 1935 fotografiert von Man Ray Bilderstrecke

          In 18 weiteren weißen Kuben, die aus dem Tiefschwarz des Ausstellungsraumes glimmen, findet ein Dialog zwischen Karl und Coco statt. Zu sehen sind ihre hochintelligenten, revolutionären Originale, die Elemente militärischer Uniformen zu pazifistischem Hedonismus zähmten und die Würde und Bequemlichkeit von Männeranzügen für Frauen verfügbar machten. Die legendäre gerade geschnittene Kostümjacke mit den aufgesetzten Taschen ist beispielsweise inspiriert von dem Trachtenjanker des deutschen Fotografen Horst P. Horst, den sie 1937 kennenlernte.

          Riesenlogo auf Gürtelschnalle

          Dem gegenüber stehen Lagerfelds Interpretationen ihres Codes. Seinen Entwürfen, die er in den vergangenen 22 Jahren als Kreativdirektor von Chanel entwickelte, gehört die Jugend: Straff und strotzend steht sein Tüll, seine Pailletten leuchten, sein Leder glänzt, das doppelte, in sich verschlungene C wird bei ihm zum Riesenlogo auf der Gürtelschnalle oder zum Accessoire an klobigen Moon-Boots. In dieser alchemistischen Beziehung repräsentiert Karl Lagerfeld das Benzylacetat, das Chanel No 5 - dem ersten halbsynthetischen und daher modernen Parfum in einer von der Pharmazie inspirierten Flasche - seinen Duft verleiht.

          Im Katalogtext tritt Lagerfeld als Freund und Psychoanalytiker der legendären Mademoiselle auf, er kritisiert die Verhärtung von Chanels persönlichem Geschmack in ein intolerantes Evangelium und bewundert zugleich ihre Furchtlosigkeit als Ausdruck eines unersättlichen (und ihm sympathischen) Machthungers. Er bewundert ihren Stolz, der es ihr verbietet, sich auf Pfade zu begeben, die andere erschlossen haben - immer wieder hat sie betont, daß sie es war, die den Frauen die Freiheit schenkte, die ihnen wirkliche Arme und Beine gegeben hat und es ihnen erlaubte, zu lachen und zu essen, ohne ohnmächtig zu werden. Und auch das verbindet die beiden: Ganz wie Coco, die alle Laufstegmodelle nach ihrem Bildnis wählte und ihnen ihre eigenen gestischen Manierismen beibrachte, mag es der Kaiser, wenn sein Name in aller Munde ist.

          Erst am Abend Schmetterling sein ...

          Angesichts der modernistischen Tradition, in der Kurator Harold Koda Chanel mit dieser Show deutlicher denn je plazieren will, hat der Pariser Ausstellungsdesigner Olivier Saillard eine von Corbusier inspirierte Konstruktion geschaffen, die an das Raster einer Stadt wie New York erinnern soll. Allerdings verflüchtigen sich diese rationalistischen Assoziationen umgehend angesichts der hypnotischen Videoinstallationen der Künstlerin Marie Maillard - wie die Blüten eines Feuerwerks schweben einem Schmuckstücke und abstrakte Glitzerelemente in etlichen der perlmuttweißen Kabinen entgegen, die Cocos und Karls Kleider beherbergen.

          Ein wenig benebelt tritt man aus diesem glamourösen Dunkel hinaus in die hellenistische Helligkeit und dann auf die Fifth Avenue, Cocos Ermahnung im Kopf, daß man am Tag Raupe und erst am Abend Schmetterling sein solle - die Zeit bis zum Sonnenuntergang kann gar nicht schnell genug vergehen.

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