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Body Modification : Angriffe auf den Körper

  • -Aktualisiert am

Roland Zwicknapp, einer der zwei Inhaber des Bodymodification-Studios Visavajara Bild: Anna Jockisch

„Body Modifier“ wollen anders schön sein, dabei schrecken sie vor kaum etwas zurück. Ihre „Leidenschaft“ stößt nicht überall auf Verständnis, oft wird getuschelt. Viele Menschen fragen sich einfach nur ungläubig: „Tut das nicht weh?“

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          Tut das nicht weh? Sie werden oft von wildfremden Leuten angesprochen, die sich wundern über die schweren Ringe, die die Ohrläppchen acht Zentimeter in die Länge ziehen, über die Schnitte im Gesicht und auf den Armen. Und über die seltsamen, geometrischen Wülste auf der Haut. Was ist darunter? Metallplatten. Tut das nicht weh?

          Oliver Neuhard findet das die dümmste Frage überhaupt. Ältere Damen stellen sie besonders oft, wenn sie die Narbe am rechten Unterarm entdecken: Sie hat die Form eines Ausrufezeichens. Längst nicht alle Leute fragen. Die meisten starren nur und tuscheln. Manche schimpfen: Sie Teufel! Neuhards kräftige Arme sind beinahe ganz schwarz, wie das T-Shirt, das er trägt. Auch die Hände sind tätowiert, der Hals, den kahlen Kopf zieren feine Zeichnungen. Klar tut es weh, sagt Neuhard. Jedes Mal, wenn er sich „was machen lässt“.

          Oft in die Vorurteilskiste gesteckt

          Eigentlich findet er es gut, wenn ihn die Leute ansprechen und ihn nicht einfach nur angucken, sich ihren Teil denken und ihn in die Vorurteilskiste stecken: Aha, entweder kriminell oder Sadomaso. Dabei hat der 37 Jahre alte Neuhard „keinen Bock“ auf Schmerzen, ist ein netter Kerl, mit einer Leidenschaft allerdings, die viele nicht verstehen können: Er will seinen Körper nach seinem Geschmack gestalten und hilft anderen dabei, es auch zu tun: Body Modification. Wenn er mit den wildfremden Leuten länger spricht, dann nennt er das Aufklärungsarbeit.

          Roland Zwicknapp, einer der zwei Inhaber des Bodymodification-Studios Visavajara Bilderstrecke

          Ein Schnitt in der Zunge, tut das nicht weh? „Doch“ sagt Sina, die ihren ganzen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, „und es hat unglaublich geblutet.“ Der Wunsch, seinen Körper zu verändern, geht manchmal sehr weit. Das Ziehen der Fäden war noch viel schlimmer, sagt Sina. Mit einem Skalpell wurde ihre Zunge gespalten; möglich wäre auch gewesen, durch das Loch ihres Zungenpiercings einen Nylonfaden zu ziehen und ihn so eng zu spannen, bis er sich durch die Zunge schneidet. Das dauert aber mehrere Wochen und schmerzt wohl sehr. Das war Sina denn doch zu qualvoll. Wenige Tage nach dem Schnitt konnte sie wieder essen. Und jetzt, vier Monate später, kann sie die beiden Zungenhälften unabhängig voneinander bewegen, horizontal, vertikal, wie eine Schlange.

          Was die Kunden wünschen wird erfüllt

          Das sieht man aber nicht, wenn Sina spricht. Sie ist eine zierliche junge Frau Anfang zwanzig. Vielleicht findet mancher die Haare etwas zu sehr aufgehellt und die pinkfarbenen Spitzen albern, die ihr auf die Stirn fallen. Oder ihr Piercing an der Oberlippe; aber deswegen wird Sina auf der Straße nicht angesprochen. Drei Tattoos und zwei weitere Piercings bleiben verborgen wie die Schlangenzunge. „Nach meiner Ausbildung möchte ich auch einen Job kriegen, dann ist es besser, wenn man das nicht sieht“, sagt Sina.

          Oliver Neuhard erfüllt seit 15 Jahren seinen Kunden den Wunsch, anders als die anderen zu werden: Er pierct und sticht Tattoos, macht „Stretchings“ (Gewebedehnungen), „Scars“ (Ziernarben), setzt „dermal implants“, schiebt also Metallteile unter die Haut, und spaltet Zungen. Oder gar einen Penis. Für Body Modifier gehören Piercings und Tattoos oft nur zum Grundprogramm, sind deshalb Routineeingriffe in den „Bodmod“-Studios. Seit sich auch vierzig Jahre alte Hausfrauen einen Delphin aufs Schulterblatt tätowieren und die Nase piercen lassen, werden die Eingriffe am Körper immer extremer, um aufzufallen, sich von der Masse abzuheben.

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